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05. August 2013

«Er war für mich wie ein Rockstar»

Franz Jaeger war 24 Jahre lang Landesring-Nationalrat. Im Interview erklärt er, warum ihn Duttweiler schon als Kind faszinierte und wie die Ideen des Migros-Gründers bis heute die Schweizer Politik beeinflussen.

der frühere Landesring-Nationalrat und Parteipräsident Franz Jaeger
Von Duttweilers Vision bis heute begeistert: der frühere Landesring-Nationalrat und Parteipräsident Franz Jaeger. (Bild: Pixsil/Roland Schmid)

Franz Jaeger, als Gottlieb Duttweiler 1962 starb, waren Sie 21 Jahre alt. Hatte Dutti damals schon eine besondere Bedeutung für Sie?

Ja, ich habe ihn sogar schon als Bub bewundert. Ich bin in einer mittelständischen Familie aufgewachsen, mein Vater war Arzt. Am Mittagstisch wurde oft über Dutti geredet. Meine Eltern sahen ihn als Störenfried und Unruhestifter; sie hätten zuerst nie in der Migros eingekauft. Doch nach und nach änderte sich ihre Meinung, sie zollten Dutti widerwillig Respekt. Mich faszinierte schon früh das Rebellische an Dutti, er war für mich fast so etwas wie ein Rockstar.

Was hat Sie dazu bewegt, dem Landesring der Unabhängigen beizutreten?

Das hatte viel mit der Jugendrevolte in den 60er-Jahren zu tun. Ich verstand das Aufbegehren gegen die erstarrten Verhältnisse, doch im Sozialismus sah ich keine Lösung. Dutti hatte ein Weltbild vertreten, das eine Alternative bot: Er hebelte mit seiner Migros Kartelle aus, trat für effiziente Handelsstrukturen ein, wollte eine prosperierende Wirtschaft. Aber er verlangte auch, dass die grossen Unternehmen soziale Verantwortung übernahmen. Weil mich die Vision eines Volkskapitalismus faszinierte, trat ich 1967 dem Landesring der Unabhängigen bei.

In diesem Jahr hatte die Partei ihren grössten Wahlerfolg, sie eroberte 16 Nationalratssitze und einen Ständeratssitz. Warum passierte das erst fünf Jahre nach dem Tod des Parteigründers Gottlieb Duttweiler?

Als Dutti 1962 starb, löste das eine Welle der Sympathie für seine Person und seine Ideen aus. Sogar seine Gegner zollten ihm nun Respekt. Allen war klar, dass ein Mann abgetreten war, der viel für das Volk getan hatte. Dutti hatte faktisch die realen Löhne der Schweizer erhöht, indem er Preise drückte und Produkte erschwinglich machte. Die Dankbarkeit dafür nützte dem Landesring.

Der Landesring wurde damals zur stärksten Oppositionspartei, konnte diese Position langfristig aber nicht halten und löste sich 1999 auf. Worin sehen Sie rückblickend die Gründe dafür?

Gottlieb Duttweiler war ein Tatmensch mit einer grossen Vision, allerdings kümmerte er sich nie um ein ausformuliertes Parteiprogramm. Er sah den Landesring auch nicht als herkömmliche Partei, sondern eher als Bewegung. Das öffnete den Landesring langfristig für gegensätzliche politische Strömungen und machte ihn heterogen. In der Endphase verfügte die Partei zwar noch immer über Politiker mit grosser Sachkompetenz, es fehlte allerdings an kämpferischen Figuren mit Charisma.

Wer hat denn Ihrer Meinung nach das politische Erbe des Landesrings angetreten?

Zentrale Positionen des Landesrings werden heute von ganz verschiedenen Parteien vertreten. Ich denke zum Beispiel an die Grünliberalen, die eine starke und zugleich ökologische Wirtschaft wollen. Die Opposition der SVP gegen einen aufgeblähten Gebührenstaat passt auch zu Posi tionen des Landesrings, nicht aber die fremdenfeindlichen Strömungen innerhalb der SVP.

Haben Duttis Ideen bis heute eine politische Wirkung in der Schweiz?

Davon bin ich fest überzeugt! Dutti hat in der Schweiz einen Modernisierungsschub ausgelöst, das Land wäre ohne ihn weniger fortschrittlich und dynamisch. Zugleich gibt es in der Schweiz einen breiten Konsens darüber, dass sich wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung miteinander verbinden müssen. Gottlieb Duttweiler war einer der wichtigsten Wegbereiter dieser Überzeugung.

Autor: Michael West