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13. Juni 2016

Entspannen in alten Gemäuern

Die Schweiz ist voller Baudenkmäler. In liebevoll und aufwendig restaurierten Scheunen, Bauernhäusern oder barocken Bürgerhäusern kann man seit einiger Zeit auch Ferien verbringen. Drei besonders schöne Beispiele – zur Ex-Scheune auf dem Beatenberg das Video (oben).

Von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert: Die Schweiz ist reich an Baudenkmälern. Adrian Schmid, Geschäftsleiter des Vereins Schweizer Heimatschutz (SHS), schätzt, dass es schweizweit rund 90'000 geschützte Objekte gibt – vom klassischen Schloss bis zu Bauten, die in den 1970er-Jahren entstanden sind. «Zwei Drittel dieser Gebäude sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert worden.»
Das Bevölkerungswachstum und damit der Bauboom sorgt dafür, dass der Erhalt schützenswerter Häuser infrage gestellt wird.

2001 wurde beispielsweise im Kantonshauptort Schwyz das älteste Holzgebäude Europas abgerissen. Das Haus Nideröst aus dem Jahr 1176 musste einem Neubau Platz machen. Und 2013 wiederholte sich die Geschichte mit dem Abbruch frühmittelalterlicher Bauten in Schwyz. «Das hat ein enormes Medienecho, auch über die Schweiz hinaus, ausgelöst», sagt Schmid.
Der Kanton sei sich nicht bewusst gewesen, welch historisch wertvolle Häuser aus der Zeit der Schlacht am Morgarten einer Grossüberbauung weichen mussten. Seither beeile sich der Schwyzer Regierungsrat mit der Inventarisierung der Gebäude. Im föderalistisch organisierten Land ist die Denkmalpflege Sache der Kantone.

«Die reduzierten finanziellen Ressourcen der öffentlichen Hand sorgen neben der intensiven Bautätigkeit für weiteren Druck auf die Baudenkmäler», sagt Geschäftsleiter Schmid. In der «Kulturbotschaft 2016/2020» habe das ­Parlament rund 1,2 Milliarden Franken für fünf Jahre verabschiedet. Mit diesem Geld müssten sämtliche kulturellen Projekte ­auskommen – von der Filmför­derung bis zur Denkmalpflege. Damit Baudenkmäler auch wirklich geschützt werden, brauche es zusätzlich politische Massnahmen.

Baudenkmäler als Ferienwohnungen
Die vor gut zehn Jahren gegründete Stiftung «Ferien im Baudenkmal» (siehe rechts) des Schweizer Heimatschutzes hat leer stehende und vom Verfall oder Abriss bedrohte Baudenkmäler retten können dank der Umnutzung zu Ferienunterkünften. Eine gelungene Verbindung zwischen Denkmalpflege und Tourismus.
Interessierte Bauherren können gefährdete Gebäude erwerben und sie mit Unterstützung des Heimatschutzes sanieren und anschliessend als Ferienhaus oder -wohnung vermieten und auch selbst bewohnen. Für Feriengäste ist ein Aufenthalt in den historischen ­Gebäuden ein Erlebnis mit viel Atmosphäre. Gleichzeitig werden sie, so hofft man, für Baukultur sensibilisiert. 

Wo Opern und Gedichte entstehen

STECKBRIEF

Scheune in Beatenberg BE

Objekt: Ferienhaus für maximal zwei Personen, zweistöckig, 1 grosses Zimmer mit kleiner Küche und Cheminée, Internetzugang, Nichtraucherhaus, Parkplatz 400 Meter entfernt.

Baujahr: 1751

Preis: ab 888 Franken pro Woche

Geöffnet: ganzjährig

Anreise mit ÖV: mit Beatenbergbahn ab Busstation Beatenbucht am Thunersee

Geeignet für: Singles, Paare, Künstler, Wanderer/Kletterer, Ruhesuchende

Die Aussicht von der historischen Scheune in Beatenberg BE hoch über dem Thunersee auf die Berner Alpen ist beeindruckend. Die Scheune gehört Tamino Cordeiro (43) und Kirsten Klingler (41). Die beiden sind Lehrer und wollten nach ihrer Ausbildung an einen Ort ziehen, von dem aus die Berge zum Sportklettern schnell zu erreichen sind.

Auf einem Winterspaziergang entdeckten sie die Scheune mit Bauernhaus, dem heutigen Wohnhaus der vierköpfigen Familie. Beide Objekte gehörten 250 Jahre lang einer Erbengemeinschaft und standen sieben Jahre lang leer. Nach dem Kauf vor 15 Jahren hat das ­Lehrerpaar die Häuser renoviert. «Ich bin handwerklich begabt und habe alles selbst geplant und mit der Unterstützung eines Architekten, der kantonalen Denkmalpflege und des Heimatschutzes umgesetzt», sagt Tamino Cordeiro.

Heute wird die zweistöckige Scheune als Ferienwohnung genutzt. «Die meisten Gäste sind Schweizer, die in der Stadt wohnen», sagt Klingler. Darunter seien viele Künstler. Ein Franzose habe an diesem ruhigen Ort eine Oper komponiert; eine Frau reise regelmässig an, um Gedichte zu schreiben.

Der stolze Erbe aus dem Bergell

STECKBRIEF

Cäsa Picenoni Cief in Bondo/ Bergell GR

Objekt: Ferienhaus direkt am Dorfplatz mit 3 Doppel- und 2 Einzelzimmern, ­vielen Treppen, Internetzugang, Nichtraucherhaus, Parkplatz am Dorfplatz

Baujahr: 13. Jahrhundert

Preis: ab 1678 Franken pro Woche

Geöffnet: ganzjährig, im Winter schafft es die Sonne nicht über die Berge. Es bleibt schattig.

Anreise mit ÖV: mit Zug via Chur und St. Moritz, weiter mit Bus ­(Richtung Chiavenna, lange Fahrt)

Geeignet für: Paare, Kleingruppen, Familien, Wanderer/Kletterer und Kunstinteressierte (Giacometti)

Die Cäsa Picenoni Cief am Dorfplatz von Bondo GR im Bergell gehört der Familie Picenoni schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts. Be­sitzer Andrea Picenoni (64) ist in Samedan GR geboren und Ende der 50er-Jahre nach Zürich gezogen. Heute lebt er in Feldmeilen ZH. «Langsam bin ich in einem Alter, in dem man die Häuser den Kindern übergeben sollte.» Zwei Söhne, eine Tochter, die Architektin ist, und drei Enkelkinder hat der Finanz- und Rechtsberater.
Und wenn er über sein Bergeller Haus spricht, hat man das Gefühl, es handle sich um ein weiteres Familienmitglied. «Es ist meine Heimat. Ich kenne die Einwohner aus dem Bergell und spreche auch den Dialekt.» Picenoni verbringt mit seiner Frau regelmässig die Ferien in diesem Haus, zuletzt im Februar, und demnächst eine Woche im Juli.

Obwohl dem Hobbyhistoriker und leidenschaftlichen Jäger die Cäsa Picenoni Cief sehr am Herzen liegt, vermietet er sein Haus seit vergangenem Jahr über die Stiftung «Ferien im Denkmal». Mit den Gästen, darunter auffallend viele Architekten, habe er gute Erfahrungen gemacht. «Sie gehen behutsam mit der historischen Bausubstanz um.» Diese führe die Besucher auf eine Zeitreise fernab von der Hektik der Gegenwart.

«Ich habe ein Flair für alte Hütten»

STECKBRIEF

Chatzerüti Hof in Hefenhofen TG

Objekt: Ferienhaus für maximal 6 Personen, 5 Zimmer, kleine Sauna, Terrasse/Balkon, Internetzugang, Nichtraucherhaus, Parkplatz direkt beim Haus

Baujahr: 1626

Preis: ab 1199 Franken pro Woche

Geöffnet: ganzjährig

Anreise mit ÖV: bis Amriswil und weiter mit dem Ortsbus

Geeignet für: Paare, Familien, Velofahrer (Bodenseetouren) und Tierliebhaber

Es war am Stephanstag 2011: Nachdem die Ostschweizerin Angelika Keller (54) jahrelang nach einem Haus gesucht hatte, entdeckte sie den Chatzerüti Hof in der Nähe von Amriswil TG. «Das ist es», dachte sie, nachdem sie das Objekt auf Google Earth angeschaut hatte. Das Riegelhaus befindet sich in einem barocken Bauerngarten.

«Ich habe ein Flair für alte Hütten und wollte immer ein Haus, um ein Bed & Breakfast zu betreiben.» Ihr Mann Walter (64), von Beruf Gipsermeister und Architekturberater, ergänzt: «Wir haben rund 50 Objekte angeschaut und schon eine Woche nach der Besichtigung des Chatzerüti Hofs eine Anzahlung geleistet.» 2014 zügelten sie nach umfangreichen Renovationsarbeiten von Flawil SG nach Hefenhofen TG.
Das Ehepaar, das fünf erwachsene Söhne hat, lobt die Denkmalpflege, die bei den Umbauplänen kooperativ war. Walter Kellers Berufserfahrung war hier von Vorteil.

Der Hof besteht aus zwei nebeneinanderliegenden Häusern. Die Gäste, die über «Ferien im Baudenkmal» buchen, bewohnen den historischen Teil aus dem Jahr 1626. Der Bodensee ist nur drei Kilometer entfernt, der Alpstein und Schloss Werdenberg rund eine Autostunde.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Samuel Trümpy