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02. Juni 2014

Entscheidung fürs Leben

Schweiz oder nicht Schweiz, das ist hier die Frage. Prominente Fussballer wie Josip Drmic oder Ivan Rakitic und ihre schwierigen Entscheide für oder gegen eine Nationalmannschaft. Noch nicht entscheiden müssen sich die Kleinen: Die Reportage zu meist vorbildlich gelebter Integration im Kinderfussball (rechts: «Beim Fussball sind alle Kinder gleich»).

Er zupft ein Blütenblatt nach dem anderen vom Margritli: «Schweiz», «nicht Schweiz», «Schweiz», fragt sich der junge Fussballer, und trifft einen folgenschweren Entscheid, der Volkes Seele hochkochen lässt. Egal, welches Blatt er zuletzt von der Blume reisst: Eine Nation ist immer enttäuscht.

Haris Seferovic und Izet Hajrovic sind die beiden Spieler, die sich zuletzt für eine Nationalmannschaft entscheiden mussten. Beide sind in der Schweiz geboren und reisen für die Weltmeisterschaft nach Brasilien. Während Seferovic im Aufgebot von Ottmar Hitzfeld steht, fliegt Hajrovic für Bosnien-Herzegowina nach Südamerika – obwohl er schon das Trikot der Schweizer Nati getragen hat.

Drohbriefe und Beschimpfungen

Wieso ist ein Nationenwechsel möglich? Die Fifa-Reglemente besagen, dass ein Spieler, der noch kein Pflichtspiel für ein Land absolviert hat, jederzeit für eine andere Nationalmannschaft auflaufen kann. Da Hajrovic lediglich im Freundschaftsspiel gegen Tunesien zum Einsatz gekommen ist, darf er an der Weltmeisterschaft für Bosnien-Herzegowina auf Torejagd gehen.

Ivan Rakitic beim Länderspiel im kroatischen Dress gegen die Schweiz (Bild: Keystone)
Ivan Rakitic beim Länderspiel im kroatischen Dress gegen die Schweiz (Bild: Keystone).

Ebenfalls nicht für die Schweiz, sondern für Kroatien wird der in Möhlin AG geborene Ivan Rakitic auflaufen. Nach einer grandiosen Saison mit dem FC Sevilla hat Rakitic das Interesse von grossen Klubs wie Real Madrid geweckt und soll an der Weltmeisterschaft für seine zweite Heimat eine wichtige Rolle spielen. Sein Entscheid aus dem Jahr 2007 verfolgt ihn noch heute: Im März wurde der 26-Jährige beim Freundschaftsspiel gegen die Schweiz in St. Gallen ausgepfiffen.

Einbürgerung wird mehrfach abgelehnt

Der kroatisch-schweizerische Doppelbürger Josip Drmic hat sich für die Schweiz entschieden
Der kroatisch-schweizerische Doppelbürger Josip Drmic hat sich für die Schweiz entschieden (Bild: Keystone).

Einen anderen Weg wählte Josip Drmic, der treffsicherste Schweizer Stürmer der letzten Saison. Er entschied sich für das Trikot der Schweizer Nati und wird in Brasilien wohl als Stammspieler auflaufen. Zum guten Glück bewies er bei seiner Einbürgerung dieselben Nerven wie im Strafraum: Schliesslich wurde sein Gesuch zweimal abgelehnt! Er wusste unter anderem nicht, zu welcher Gemeinde die Ortschaft Hurden gehört. Zudem sei er «zu sehr nach Zürich orientiert», begründeten die Schwyzer Behörden. Erst beim dritten Anlauf streckte bei der Gemeindeversammlung in Freienbach SZ mehr als die Hälfte der Anwesenden die Hände in die Luft.

Lazio-Spieler Guerino Gottardi hätte für die Schweiz spielen dürfen, hätte das Einbürgerungsamt nicht gepennt
Lazio-Spieler Guerino Gottardi hätte für die Schweiz spielen dürfen, hätte das Einbürgerungsamt nicht gepennt (Bild: Keystone).

Die Schweiz hätte nicht zum ersten Mal die Einbürgerung eines Topstars in den Sand gesetzt. Guerino Gottardi, 1970 in Bern geboren, spielte fast 160 Spiele in der NLA für die Berner Young Boys und Neuchâtel Xamax und lief während zehn Jahren über 80 Mal für Lazio Rom auf. In dieser Zeit gewann er die italienische Meisterschaft und drei Mal den Cup. Beim ersten der Pokalsiege wird er zum Helden: Er schiesst im Halbfinale gegen die AS Roma das Siegtor und im Finale gegen Milan den wichtigen Ausgleich. Für die Schweizer Nationalmannschaft spielt der Flügelflitzer indes nie: Die Behörden schmettern sein Gesuch zweimal ab, weil er im Ausland lebt.

Xherdan Shaqiri steht vor zweitem Entscheid

Bei Valon Behrami, Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka klappte die Einbürgerung problemlos. Auch der Schweizer Fussballverband warb erfolgreich um die Talente. Zumindest vorerst: Obwohl alle drei Spieler zusammen knapp 100 Länderspiele für die Schweiz absolvierten, könnten sie sich noch ein anderes Nationalmannschaftstrikot überstreifen. Warum? Ihre zweite Heimat Kosovo spielte im März 2014 sein erstes offizielles Länderspiel – ein Freundschaftskick gegen Haiti. Wenn das Land in die Uno aufgenommen und damit als Fifa-Mitglied anerkannt wird, darf es offiziell an einer WM- oder EM-Qualifikation teilnehmen.

Xherdan Shaqirii muss sich trotz zahlreichen Länderspielen für die Schweiz bald nochmals entscheiden
Xherdan Shaqirii muss sich trotz zahlreichen Länderspielen für die Schweiz bald nochmals entscheiden (Bild: Keystone).

«Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die drei Spieler für den Kosovo spielen dürften, wenn sie denn wollten», sagte Fifa-Kommunikations-Direktor Walter De Gregorio zum «Blick». Es sei eine neue Ausgangslage. Deshalb dürften sie den Verband genau ein Mal wechseln, dann aber nicht mehr zu ihrer alten Nati zurückkehren. «In diesem Fall werde ich die Situation neu beurteilen», kommentierte Xherdan Shaqiri.

Als wäre es für junge Fussballer nicht schon schwer genug, sich ein Mal für ein Land zu entscheiden, müssen es Behrami, Shaqiri und Xhaka irgendwann wohl ein zweites Mal tun.

Autor: Reto Vogt