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29. Mai 2017

Entfernte Freunde

Kontakt übers Internet näher
Wenn sich der Kontakt übers Internet näher gestaltet als beim Wohnen am selben Ort.

Paul und David kennen sich nicht. Sie sind liebe Freunde von mir, ich mag beide sehr. Und, ach, man sieht sich viel zu selten. Vor einigen Jahren war das anders. Da sah ich sie nie – und doch täglich …

Wir sahen uns nicht wirklich. Hatten aber jeden Tag Kontakt. Einer der beiden, Paul, lebte nämlich in New York. David, der andere, in Kathmandu. Sprich: Einer war immer wach, um sich Kummer anzuhören und Freuden zu teilen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit gab es da einen, mit dem ich sozusagen einen Kaffee trinken konnte. Oder ein Bier, wenns bei uns schon später war. New York hinkt unserer Zeit jahrein, jahraus sechs Stunden hinterher; ich konnte also noch so spät dran sein – Paul war bestimmt noch wach, wenn ich ihn nachts um zwei etwas fragen wollte. Und während er dann schlief, war sicherlich David zur Stelle, denn Nepal, wo er lebte, ist unserer Zeit sommers dreidreiviertel Stunden voraus, winters vierdreiviertel Stunden. (Und ich hatte, ehe er dorthin zog, nicht gewusst, dass es Zeitzonen gibt, die von der unseren anders abweichen als um volle Stunden.)

Bänz Friedli (52)
Bänz Friedli (52)

Es war, als begegnete ich Paul und David auf Schritt und Tritt. Hier eine Kurznachricht, da eine E-Mail, zwischendurch mal ein Anruf, zuweilen skypten wir. Mal teilten wir einen albernen Gedanken: «Gigi hat wieder gegen sich selbst gewettet.» (Das schrieben wir eigentlich immer, wenn «Gigi» Buffon im Tor von Juventus Turin ein unglückliches Goal kassiert hatte – auf die Gerüchte anspielend, Buffon beteilige sich an illegalen Spiel­wetten.) Mal schickte David einen Link: «Hör dir diesen Song an!» Bald gings um Nichtigkeiten und Tratsch, bald um den Sinn des Lebens. Meistens schriftlich, weil Intimes einem leichter über die Finger geht als über die Lippen.

Über solcherlei Verbundenheit hat der amerikanische Musiker Howe Gelb einen Song geschrieben: «Texting Feist». Der Liedtext ist nichts anderes als ein SMS-Wechsel mit der Musikerin Leslie Feist. «Sie und ich gehörten zu einer Gruppe von Leuten, verstreut über den Globus, die alle in einer Liebeskummerphase steckten und per Mobiltelefon einen Chat unterhielten», erklärte er mir mal. «Irgendwo auf der Welt war immer jemand wach, der einem ‹zu­hören› konnte.» Er wähnte die Fernen näher als die, mit denen er seinen Alltag teilte.

Paul und David sind in die Schweiz zurückgekehrt. Mit beiden habe ich, seit wir wieder näher beieinanderwohnen, viel weniger Kontakt. Eigenartig, nicht?
Es ist höchste Zeit, sie auf einen Kaffee zu treffen. Oder auf ein Bier. Real und in Echtzeit. 

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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli