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10. September 2012

English lessons

Bänz Friedli singt heimlich mit.

Trällert die knapp 14-jährige Tochter durch die Wohnung «Blow my whistle, baby, whistle, baby, here we go …», ist dies in mehrfacher Hinsicht absurd. Denn sie singt auf schlecht Deutsch — und jetzt kommt etwas Wüstes, weshalb wir die geschätzte Leserin Gamber, die keine ugattligen Ausdrücke in der Zeitung duldet, bitten, die nächsten zwei Zeilen zu überspringen. Merci! — … Anna Luna singt also sinngemäss: «Blas mir einen, blas mir einen! Fertig, los!» Seit Monaten läuft der Hit von Flo Rida täglich gefühlte dreihundertsiebenundvierzig Mal am Jugendsender ihres Vertrauens, und ich … Korrekt müsste es an dieser Stelle heissen: Ich mag den Mist schon gar nicht mehr hören, drei Ausrufezeichen!!! Das wäre aber nur die Gamber-friendly Version. Wahr ist: Ich Löli trällere heimlich mit: «… whistle, baby, whistle, baby …»

«Weisst du eigentlich, was du da singst?», besinne ich mich dann doch meiner väterlichen Verantwortung. Noch ehe die Schwester antwortet, reagiert Hans auf die Frage. Mit einem mitleidigen: «Vatiiii …» Will heissen: Natürlich weiss sie, was sie singt. Und der kleine Bruder weiss es grad auch. Ich hätte als Kind — wäre zu jener Zeit in der Hitparade so strub gesungen worden — kein Wort verstanden. Uns musste «Love to Love You Baby» genügen; darin stöhnte Donna Summer derart heftig, dass man es auch ohne Worte verstand. Aber Frühenglisch? Forget about it. Gabs nicht. Ich weiss noch, wie ich mal «Rock Around the Clock» mittels Pausentaste mühsam ab Kassettenrecorder transkribierte: «Uantuu Sri ä Klok, forä Klok Rok …» Und dann sang ich irgendwie mit, nicht wissend, was genau ich sang. Um 1975 muss es gewesen sein.

Lady Gaga auf Berndeutsch? Na ja.

Ganz anders heute. Unsere Kinder verstehen englische Liedtexte, und ihnen ist längst klar, wie albern manche davon sind. Anna Luna sorgt sich schon ums anglophone Radiopublikum. Bei uns kommen ja zuweilen auch Plattheiten im Baselbieter Dialekt zum Lautsprecher raus … «Aber den ganzen Tag?! Das musst du dir mal vorstellen, Vati!», erhitzt sie sich. «Jeeee-des Wort in der eigenen Sprache! Wie muss das wohl sein?» Wir habens gleich ausprobiert und uns einen Spass gemacht, ad hoc ins Berndeutsche zu übertragen, was grad so am Radio lief. «Hüt Na-a-a-a-acht, sy mer jung!» Das war unser Ferienhit, im Sommer: «We Are Young» von Fun. Toller Song. Aber in der eigenen Sprache? Schon tönt Lady Gaga: «I bi schön uf mi Art, wül dr Liebgott kener Fähler macht», übersetzen wir singend «Born This Way», «i bi ufem rächte Wäg, Baby, i bi so uf d Wäut cho!» Na ja. So verliert Popmusik ihren Glanz, irgendwie. «In eurem Alter hatte ich den Vorteil», erkläre ich den Kindern, «dass ich ‹Love Me Do› der Beatles für hohe Poesie hielt, für schiere Literatur. Ich konnte nicht ahnen, wie doof der Text ist.»

Lady Gaga auf Berndeutsch? Na ja.
Lady Gaga auf Berndeutsch? Na ja.

Schon zupft unser Beatles-Experte, der Hans, aus der Box mit deren Gesamtwerk eine Raritäten-CD und spielt sie ab: «Ouu, gho-om dok, ghom su mi-i-ir, ghom gip mia dainöö Handt …» Eine Aufnahme, von der ich nichts wusste: «Komm, gib mir deine Hand», die Beatles auf Deutsch! Mit einem very funny accent. Hans nimmt die CD aus dem Gerät und sagt ruhig: «Nein. Nein, das wollen wir kein zweites Mal hören.» Er schaltet auf Radio um, wo gerade … erraten: «Whistle» läuft. Was nun die ganze Familie im Chor auf Berndeutsch singt, verschweige ich hier. Nur schon Frau Gamber zuliebe.

Bänz Friedli live: 13. 9. Domat-Ems GR.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli