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23. Januar 2012

Engagierte Jugend

Im Asylzentrum, im Altersheim, in der Schule: Eine neue Generation entdeckt die Freiwilligenarbeit. Drei junge Frauen im Dienst des Jugendrotkreuzes zeigen, dass Helfen glücklich macht.

Mirjam und Anchal
Hausaufgaben gehören dazu: Mirjam Kaiser büffelt mit Anchal Deutsch und Französisch.

Es gibt sie: Jugendliche, die sich sozial engagieren. Sie führen Pfadigruppen, betreuen kleine Kinder, kümmern sich um behinderte Menschen. Sie tun es gern und gratis.

Die Freiwilligen profitieren bei ihren Einsätzen selber, lernen fürs Leben oder für den zukünftigen Beruf. Dies sollte eigentlich mehr Schweizer dazu ermutigen, sich ebenfalls für andere Menschen einzusetzen. In der Schweiz wird aber immer weniger gemeinnützige Arbeit verrichtet. 1997 waren noch gut 46 Prozent der Schweizer sozial engagiert, 2010 waren es nur noch knapp 33 Prozent (siehe auch Interview und Grafik auf Seite 16).

Doch es gibt Hoffnung auf eine Trendwende: Vereine wie Jungwacht Blauring, die Pfadi und das Jugendrotkreuz erfreuen sich eines zunehmenden Interesses. Das Jugendrotkreuz erhöht laufend die Zahl der kantonalen Ableger und bietet entsprechend mehr Möglichkeiten für Jugendliche, sich zu engagieren. Wie solche Einsätze aussehen können, zeigen die Beispiele von Ronja Römmelt (17), Sinja Clavadetscher (19) und Mirjam Kaiser (24).

Im Online-Extra: Wie stark engagieren sich die Schweizer(innen) je nach Alter, Bildungsstand oder Wohnort?

Ronja Römmelt (17): Spielprogramm im Empfangszentrum

Ronja Römmelt im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel
Ronja Römmelt spielt im Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel mit Kindern aus aller Welt. Was für diese ein erfreulicher Unterbruch ihres Alltags darstellt, ist für die Jugendrotkreuz-Freiwillige ein Schritt zu ihrem Traumberuf Entwicklungshelferin.

Amir malt seine Finger an: erst den kleinen der linken Hand, dann Ring-, Mittel- und Zeigefinger, Daumen. Den Deckel des blauen Filzstifts hat der kleine Junge aus Afghanistan zwischen die Zähne geklemmt, die kurzen Füsse in den zu grossen Adiletten baumeln in der Luft. Hartnäckig ignoriert er das Blatt Papier, das ihm Ronja Römmelt über den Tisch geschoben hat.

«Children only» steht auf dem Schild, das schief an der Tür zum Spielzimmer des Empfangs- und Verfahrenszentrums Basel des Bundesamts für Migration hängt. Rund 30 Kinder aus aller Welt basteln an diesem Montagabend unter der Aufsicht von sechs freiwilligen Helferinnen des Basler Jugendrotkreuzes.Das Stimmengewirr ist babylonisch, der Lärmpegel enorm. «Man gewöhnt sich daran», sagt Ronja Römmelt mit einem breiten Lachen. Die 17-jährige Baslerin kommt seit 2009 zweimal pro Monat für zwei Stunden in den Betonbau. Über 300 Menschen aus 40 Nationen warten hier zurzeit auf ihren Asylentscheid, auf die Weiterverteilung in einen anderen Kanton — oder auf ihre Ausweisung.

Ronja Römmelt
«Als Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes in ein Krisengebiet — das wäre mein Traum», sagt die 17-jährige Ronja Römmelt.

Die Tage sind eintönig, erst recht für die Jüngsten. Umso willkommener sind die Abende mit den Freiwilligen des Jugendrotkreuzes. «Die Kinder saugen unsere Zuwendung auf wie ein Schwamm», bestätigt Ronja, während sie Alamaz aus Eritrea einen bunten Papierhut über die Zöpfchenfrisur stülpt. Das magere Mädchen schmiegt sich an die junge Frau. Ein wirkliches Kennenlernen sei aber leider selten möglich, bedauert diese, «meist sind die Kinder beim nächsten Spielabend schon wieder weg». Dass sich die Schülerin trotzdem im Empfangszentrum engagiert, hängt mit ihrem Berufswunsch zusammen. Ronja Römmelt will nach Abschluss der Fachmaturitätsschule in die Entwicklungszusammenarbeit gehen, möglichst für eine Nichtregierungsorganisation. «Als Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes in ein Krisengebiet — das wäre mein Traum», sagt sie, da sei ihr Engagement im Empfangszentrum ein erster Schritt.

Zweitägiger Einführungkurs durch das Jugendrotkreuz

Vor ihrem Einsatz hat Ronja einen zweitägigen Einführungskurs durchlaufen. Und erst kürzlich habe ein Spezialist für Asylwesen einen Vortrag gehalten, erzählt sie, «das war sehr informativ». Gleichzeitig bringt sie Hassan aus Syrien dazu, die gehamsterten Filzstifte auf den Tisch zurückzulegen. Ronja schätzt es aber auch, sich jeweils vor dem Spielabend mit ihren fünf Kolleginnen auszutauschen. Die Stimmung unter den Bewohnern des Zentrums sei oft sehr gedrückt. Zwar versuche sie, eine gewisse Distanz aufrechtzuerhalten. Trotzdem: «Gerade bei verletzten Kindern habe ich schon meine Schwierigkeiten», gibt sie unumwunden zu.

Unterdessen haben die Betreuerinnen das Bastelmaterial weggeräumt. Ronja stellt den altersschwachen Kassettenrekorder an, der in einer Ecke steht. «I’m Singing in the Rain» gibt Gene Kelly zum Besten. Mit ihm singen und tanzen Amir aus Afghanistan, Alamaz aus Eritrea, Hassan aus Syrien und — Ronja Römmelt aus der Schweiz. (Text: Almut Berger, Bilder: Matthias Willi)

Sinja Clavadetscher und Alice Wehrli
Sinja Clavadetscher (links) liebt es, Zeit mit Senioren wie der 86-jährigen Alice Wehrli zu verbringen.

Sinja Clavadetscher (19): Teenie im Altersheim

Denise Bolliger (84) freut sich: Die Jungen sind da. Es ist Samstagnachmittag, und im Seniorenzentrum Wasserflue in Küttigen AG steht gemeinsames Backen auf dem Programm. Gerade hat Sinja Clavadetscher (19) zusammen mit ihren Kollegen vom Jugendrotkreuz Aargau Säcke voller Backzutaten ins «Aktivierungsstübli» im obersten Stock des Altersheims geschleppt. Hier sollen eine Rüeblitorte und ein Gleichschwerkuchen entstehen.

Sinja Clavadetscher besucht seit drei Jahren einmal im Monat unentgeltlich Senioren im Altersheim. Sie hat im Sommer die Matura gemacht, möchte Primarschullehrerin werden und absolviert gerade ein Praktikum in einer Kindertagesbetreuung. Ein volles Programm. «An den Nachmittagen im Altersheim kann ich mich aus meinem Alltag ausklinken und einen Gang runterschalten», sagt die junge Frau. Ausserdem findet sie es schön, den alten Menschen ein wenig Freude vermitteln zu können.

Im «Aktivierungsstübli» des Küttiger Seniorenheims muss zunächst der Arbeitsplatz eingerichtet werden. Zwei zusätzliche Tische werden hereingetragen, zwei Rollatoren hinausgeschoben. Senioren tauschen wieder und wieder die Plätze. Dann ist die Gruppe bereit.

Wenn der ehemalige Förster sein Baumalbum hervorholt

Das gemeinsame Backen ist eine Ausnahme im Seniorenprogramm. Meist ist Clavadetscher mit einem der alten Menschen allein, geht mit ihm spazieren oder einkaufen oder setzt sich für einen Kaffee und einen Schwatz zusammen. «Ich liebe es, wenn die Senioren erzählen», sagt Clavadetscher, «es sind Geschichten aus einem völlig anderen Leben.» Sie berichtet vom ehemaligen Förster, der ihr sein Baumalbum zeigte, und von der pensionierten Coiffeuse, die ihr frühere Haarfärbepraktiken erklärte. «Mit einzelnen dieser Menschen habe ich Beziehungen aufgebaut», so Clavadetscher, womit sie bei einer Schattenseite ihres Engagements angelangt ist: «Manchmal sterben vertraute Menschen oder erkennen einen nicht mehr.»

In der improvisierten Backstube geht es aber munter zu. Maia Aeschbach (83) raffelt emsig Rüebli, am anderen Tischende isst eine Seniorin gemütlich Apfelschnitze. Denise Bolliger verabschiedet sich von der Backrunde —Besuch wartet auf sie. Sie schätzt die jungen Besucher sehr: «Es ist eine Freude, mit ihnen zu spazieren und zu schwatzen.» Sie hat selber zwei Enkel von 15 und 18 Jahren und weiss: «In diesem Alter hat man ja nicht so viel Zeit.» Auch der ehemalige Küttiger Bäckermeister Walter Steiner (86) findet es toll, dass junge Leute ins Altersheim kommen, vor allem wenn sie ihm etwas vorlesen. «Zu den gemeinsamen Aktivitäten schleppen mich die Frauen immer mit», sagt er lachend — und vergisst, den Eischnee zu schlagen.

Sinja Clavadetscher kümmert sich darum. Zusammen mit ihren Kolleginnen entsorgt sie Abfälle, beantwortet Fragen der Senioren und achtet darauf, dass alle ins Geschehen involviert sind. «Hinterher bin ich meist völlig erledigt», sagt die junge Frau. Doch Stunden wie diese möchte sie nicht missen. Müde und zufrieden sind nach so einem Nachmittag auch die Senioren, wie Therapeutin Karin Blattner sagt. «Wer sonst Schlafmittel braucht, nimmt an diesem Abend bestimmt keins.»

Anchal (rechts) und ihre Mentorin Mirjam Kaiser
Anchal (rechts) und ihre Mentorin Mirjam Kaiser: Die Chemie stimmte auf Anhieb.

Mirjam Kaiser (24): Starthilfe für junge Migrantinnen

Anchal (13) lässt die selbst gebastelten Spielsteine durch die Finger gleiten. «Ich liebe es», sagt das Mädchen aus Bangladesch mit einem schüchternen Lächeln. Sie meint das Brettspiel Atari Go: Darin ist Anchal so schwer zu schlagen, dass auch Mirjam Kaiser (24) noch etwas von ihr lernen kann.

Gedacht wars umgekehrt: Mirjam Kaiser, Studentin der Erziehungswissenschaften, der Psychologie und der populären Kulturen, will dem Mädchen das hiesige Leben erklären. Sie tut das aus persönlichem Interesse und als Mentorin des Jugendrotkreuzes Zürich. Anchal, die vor sieben Monaten aus Bangladesch in die Schweiz kam, ist für ein Jahr ihr Mentee, ihr Schützling.

Als Migrantin besucht das Mädchen die Integrationsklasse der 1. Sek im Zürcher Schulhaus Feld. Alle ihre Klassenkollegen haben seit ein paar Monaten Mentoren und Mentorinnen: Studenten, die ihnen freiwillig helfen, sich im neuen Land zurechtzufinden. Die Teams werden nach Eignungen und Neigungen der Mentoren zusammengestellt. Für Mirjam Kaiser und Anchal passts: Das war beiden sofort klar, als sie sich Ende Oktober das erste Mal begegneten. «Ich dachte, sie ist gut», sagt Anchal in bescheidenem Deutsch, aber unmissverständlich. Mirjam Kaiser sagt: «Ich hatte mir den Anfang viel schwieriger vorgestellt. Ich wusste nicht, ob die Kommunikation klappt und was Anchals Hintergrund alles zulässt.» Nun bereitet ihr die Aufgabe nichts als Freude. Nicht immer finden Mentor und Mentee so reibungslos zusammen. In solchen Fällen stehen die Projektveranwortlichen des Jugendrotkreuzes für Gespräche und Hilfe zur Verfügung.

Die Studenten lehren und lernen bei ihren Einsätzen

Als Vorbereitung auf ihre Aufgaben durchlaufen die Studenten zu Beginn ihres Mentoringjahres ein Coachingprogramm. Dabei werden sie im Umgang mit den jungen Schützlingen geschult, aber sie lernen auch, was ein Ausländerausweis oder eine Aufenthaltsbewilligung ist. «Die Studenten lernen bei uns etwas», sagt Sarah Schweingruber, die das Projekt im Kanton Zürich betreut. Das soll möglichst viele von ihnen zum Mitmachen motivieren. Ausser einer Spesenvergütung gibt es für den Einsatz kein Geld.

Tatsächlich ist auch Mirjam Kaisers Motivation das Lernen, wobei sie vor allem an den Austausch der Kulturen denkt und natürlich an den Umgang mit Jugendlichen. Sie will Sozialpädagogin werden. Anchal hingegen sieht sich dereinst als Ärztin. Zunächst muss das Mädchen aber die Schweizer Landessprachen lernen. Deshalb verbringt sie zusammen mit Mirjam Kaiser zahlreiche Stunden über Französisch- und Deutschbüchern. Die beiden haben aber auch schon mehrmals die Pestalozzibibliothek unsicher gemacht, waren beim Kerzenziehen und in einem Café. Das Programm machen sie spontan, zu entdecken gibt es genug. Und falls den beiden doch mal nichts mehr einfällt, holt Anchal das Atari-Go-Brett hervor.

Weitere Infos über Freiwilligeneinsätze:
www.jrk.ch www.benevol.ch www.sajv.ch

Autor: Yvette Hettinger, Almut Berger

Fotograf: Matthias Willi