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12. Dezember 2016

Engagierte Auslandschweizerinnen

Die Auslandschweizer-Organisation, die vor hundert Jahren gegründet wurde, hat Nachwuchssorgen: Nur noch drei Prozent der rund 760 000 Schweizer im Ausland engagieren sich in Vereinen. Junge Auslandschweizerinnen wollen das nun ändern.

Überaltert, zu klein, zu unattraktiv: Schweizer Vereine im Ausland haben nicht das beste Image. Viele von ihnen haben mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Remo Gysin (71), Präsident der Auslandschweizer-Organisation (ASO), fordert deshalb eine Öffnung und Erneuerung der weltweiten Schweizer Klubs: «Wir müssen uns mehr Gehör verschaffen und Jugendliche stärker ansprechen. So wird es uns gelingen, die Zukunft der Vereine und der ASO zu sichern.»

Mehr Gewicht in Bern

Das Problem: Nur rund drei Prozent der über 762 000 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer sind Mitglied in einem Schweizer Verein. Aus ihren Reihen wurden bisher die Mitglieder des Auslandschweizerrats (ASR) gewählt. Der ASR wird auch als «Parlament der Fünften Schweiz» bezeichnet und gilt als Sprachrohr der Auslandschweizer.

Im August hat der ASR nun den Weg freigemacht für eine Wahl, an der sich alle Auslandschweizer beteiligen können. «Die Verbreiterung der Wählerbasis wird die ASO demokratischer machen», sagt Gysin. «Sie wird deutlich an Legitimation und Akzeptanz gewinnen. Das ist wichtig, um auch in Zukunft in Bern gehört zu werden», so der frühere Basler SP-Regierungs- und Nationalrat.

Mit dieser Massnahme allein ist es jedoch nicht getan. Gysin will deshalb sein Augenmerk auf die Nachwuchsförderung richten. In Italien bestehen rund 60 Schweizer Jugendgruppen, die eng mit den traditionellen Schweizer Vereinen zusammenarbeiten. «Italien ist punkto Jugendförderung ein Vorzeigebeispiel. Die Vereine in anderen Ländern sollten es ihnen gleichtun.»

2015 wurde das sogenannte Auslandschweizer-Jugendparlament ins Leben gerufen. Es ist kein typisches Parlament, sondern ein Netzwerk, das sich als politisch neutrale Plattform für alle Schweizer Jugendlichen, die im Ausland leben, versteht. «Das Jugendparlament gibt jungen Auslandschweizern die Möglichkeit, mit Gleichaltrigen aus der ganzen Welt über politische Themen zu diskutieren, die die Schweiz betreffen», sagt Remo Gysin.

Die Facebook-Gruppe «Youth Parliament Of The Swiss Abroad», die rund 550 Mitglieder zählt, ist derzeit das wichtigste Forum, in dem sich die engagierten Jugendlichen austauschen können. Ab der neuen Wahlperiode 2017/2021 werden im 140-köpfigen Auslandschweizerrat drei Jugend- liche vertreten sein.

Die Frauen übernehmen

«Wir müssen den Nachwuchs fördern und sichern», sagt Gysin. Auch wenn sich das Bild von Altherrenklubs vielerorts verfestigt hat: Es gibt sie, die jungen Schweizerinnen, die sich im Ausland für ihre Landsleute einsetzen, innerhalb und ausserhalb der traditionellen Vereine. Vier engagierte Frauen mit Schweizer Pass aus drei Kontinenten zeigen, wie das geht.

«Der Klub ist die zweite Heimat»

Name: Sarah Hill-Müller (31)

Wohnort: Adelaide

Verein: Swiss Club Adelaide

«Ich war vier Jahre alt, als meine Eltern beschlossen, nach Australien auszuwandern. Wir wohnten damals in Unterstammheim ZH. Eine Tischlerei hatte meinem Vater einen Job in Adelaide angeboten.

Als ich ein kleines Mädchen war, nahmen mich meine Eltern zu den Veranstaltungen des Swiss Club mit. Das sind schöne Erinnerungen. Der Klub ist für uns zu einer zweiten Familie geworden, eine Schweizer Oase fernab der Heimat.

Leider stand der Klub 2015 vor der Schliessung. Der Verein war einfach nicht mehr zeitgemäss, er brauchte frisches Blut. Mein Bruder und ich haben uns deshalb gesagt, wir müssen etwas tun, damit diese schöne Tradition nicht verloren geht. Seit August bin ich Vizepräsidentin, mein Bruder Fabian (29) ist Präsident.

Ich kümmere mich vor allem um die interne und externe Kommunikation sowie um die Organisation von Veranstaltungen. Im ­November führten wir einen Brätliplausch durch, der auf ein grosses Echo stiess. Im Dezember organisieren wir einen weihnachtlichen «Buurezmorge» im Park unter Eukalyptusbäumen. Auch der Fondueplausch kommt bei unseren Mitgliedern immer gut an.

Wir sind ein junges Team und verstehen uns prächtig. Fünf von sieben Vorstandsmitgliedern sind Anfang 30 oder jünger. Um News, Einladungen und andere Informationen zu verbreiten, ­nutzen wir den Facebook Messenger. Ausserdem haben wir die Website neu gestaltet und verschicken regelmässig einen elektronischen Newsletter. Darin berichten wir nicht nur über Vereinsaktivitäten, sondern auch über politische Themen.

Vorbild für andere Schweizer Vereine

Wir sehen uns ein bisschen als Vorbild für andere Schweizer Vereine. Der Erfolg scheint uns recht zu geben. Seit dem Wechsel in der Vereinsleitung haben wir viele neue Mitglieder gewinnen können. Heute zählt der Klub 80 Mitglieder – der Genera­tionenwechsel hat neuen Schwung gebracht.

Die Schweiz bedeutet mir viel. Dort leben alle meine Verwandten, und ich bewundere die direkte Demokratie. Die Möglichkeit der direkten Mitbestimmung existiert in Australien leider nicht.»

«Mich traf der Pfeil der Nostalgie»

Name: Laura Derrer (20; 4. von links)

Wohnort: Santiago de Chile

Gruppe: Youth Parliament of the Swiss Abroad in Chile

«Meine Kindheit verbrachte ich in Niederglatt ZH. Mein Vater ist Schweizer, meine Mutter Chilenin. Die Schweiz ist meine zweite Heimat, das Land, wo meine Verwandten leben und ich mein halbes Leben verbracht habe. Als ich vor zehn Jahren mit meiner Familie nach Chile zog, spielte die Schweiz keine grosse Rolle in meinem Leben. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich an das neue Land zu gewöhnen.

Erst als ich meine Matura in der Hand hatte und ich entscheiden musste, ob ich in der Schweiz studieren wollte, traf mich der Pfeil der Nostalgie.

Ich war auch ein paarmal in der Schweiz in den Ferien – mit der Zeit spürte ich, dass ein Teil von mir diesem Land zugehört. Trotzdem habe ich mich, nach langem Hin und Her, für das Jurastudium in Chile entschieden. Aber ich wollte als Auslandschweizerin aktiv werden.

2015 wählte man mich zur Südamerika-Vertreterin im Youth Parliament of the Swiss Abroad, wie das Jugendparlament der Auslandschweizer heisst.

Das Jugendparlament ist kein Parlament im eigentlichen Sinn, sondern ein Netzwerk. Die Mitglieder kommunizieren vor allem über soziale Medien. Das Parlament bietet jungen Auslandschweizern eine Plattform, damit sie mit ihrem zweiten Heimatland in Kontakt bleiben und über aktuelle Themen wie Abstimmungsvorlagen diskutieren können.

Persönliche Kontakte

Wir setzen uns aber auch für Werte wie Demokratie und Menschenrechte ein, die für die Schweiz wichtig sind, indem wir zum Beispiel Artikel und andere wichtige Informationen dazu in unserer Facebook-Gruppe publizieren. Es ist jedoch sehr wichtig, dass man sich auch persönlich kennenlernt. Aus diesem Grund wollen wir lokale Jugendparlamente auf allen Kontinenten aufbauen. Das werde ich in Chile gemeinsam mit Francisca Espinoza, der Südamerika-Vertreterin im Auslandschweizer-Jugendparlament, in Angriff nehmen.»

«Die Leute sollen stimmen gehen»

Name: Annemarie Tromp (35)

Wohnort: Hamburg

Verein: Schweizer Verein Hamburg

«Vor zwei Jahren wurde ich zur Präsidentin des Schweizer Vereins Hamburg gewählt. Er zählt knapp 160 Mitglieder und gehört zu den grösseren Schweizer Vereinen in Deutschland. Als Präsidentin liegt mir viel an einer guten Durchmischung: Der Verein soll ein Ort der Begegnung sein, für alteingesessene Auslandschweizer wie auch für jüngere Neuzugezogene aus der Schweiz. Viele ältere Mitglieder haben sich nach meiner Wahl zur Präsidentin erfreut darüber gezeigt, dass nun eine junge Frau den Verein führen wird.

Mehr Ehre als Bürde

Das Vereinsleben gibt mir viel. Ich bin ein geselliger Mensch. Das Amt ist für mich deshalb mehr Ehre als Bürde. Es bringt zwar viel Arbeit mit sich, aber das Organisieren von Ausflügen oder Unterhaltungsabenden macht mir grossen Spass. Das schlechte Image der Schweizer Vereine – klein, überaltert, un­attraktiv – stört mich, ­zumal es auf viele Vereine nicht zutrifft. Unser Verein hat Zulauf, was ich nicht zuletzt auf die Verjüngung im Präsidium zurückführe.

Als Vereinspräsidentin ist es mir ein besonderes Anliegen, die Mitglieder zu motivieren, sich an Schweizer Abstimmungen und Wahlen zu beteiligen. Die direkte Demokratie ist ein grosses Privileg, das wir nicht ­ungenutzt lassen dürfen.

Im Auslandschweizerrat, im «Parlament der Fünften Schweiz», bin ich eins der jüngsten Mitglieder. Dort mache ich mich für die ­Interessen der Auslandschweizer in der Schweiz stark, zum Beispiel für die Einführung der elektro­nischen Stimmabgabe.

Das Auswandern hat sich verändert. Viele Schweizer bleiben zeitlich befristet im Ausland – ‹mobile Schweizer› trifft es darum besser als Auslandschweizer. Ich bin vor acht Jahren nach Hamburg gezogen, weil mich die Hafenstadt mit ihrem maritimen Flair fasziniert hat. Wann ich mit meiner Familie in die Schweiz zurückkehren werde, lasse ich offen. Die Schweiz bleibt aber auf jeden Fall meine Heimat.»

«Die Kinder sollen sich auch als Schweizer fühlen»

Name: Annette Aerni (39)

Wohnort:Santa Cruz, Bolivien

Verein: Schweizer Verein Santa Cruz

«Der Liebe wegen bin ich vor 17 Jahren zusammen mit meinem Freund, der heute mein Mann ist, von Bern nach Bolivien ausgewandert. Mein Mann ist gebürtiger Bolivianer mit Schweizer Wurzeln. Auch nach so vielen Jahren fühle ich mich in Südamerika sehr wohl. Der Kontakt zu meinen Landsleuten und zur Schweiz ist mir dennoch sehr wichtig. Aus diesem Grund engagiere ich mich im Schweizer Verein Santa Cruz.

Unser Verein zählt rund 370 Mitglieder. Das sind zwei Drittel aller Schweizer, die im Einzugsgebiet unseres Vereins leben und bei der Schweizer Botschaft registriert sind. Eine Rekordzahl! Das macht mich schon ein bisschen stolz, weil es zeigt, dass unsere Mitglieder, darunter zahlreiche Familien, unsere Aktivitäten schätzen.

In unserem Verein zelebrieren wir ein Stück Schweizer Kultur und Lebensart weit ab von der Heimat. Wir ­feiern beispielsweise Bräuche, die in Bolivien keine Tradition haben – etwa die Eiersuche an Ostern oder der Besuch des Samichlaus am 6. Dezember.

Ich lege grossen Wert darauf, dass meine Kinder diese und andere Schweizer Bräuche kennenlernen, damit sie sich auch als Schweizer fühlen. Auch ist der Verein eine gute Plattform, um andere Schweizer zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und Probleme zu besprechen. Ich habe einen direkten Draht zum Konsul. Für Schweizer, die Hilfe benötigen, stehe ich deshalb als Ansprechperson zur Verfügung.

Als Auslandschweizerrätin verstehe ich mich als Sprachrohr der Auslandschweizer inBolivien und vertrete deren Interessen gegenüber den Be­hörden und der Öffentlichkeit in der Schweiz. Wir haben seit längerer Zeit mit verschiedenen Pro­blemen zu kämpfen, etwa mit Schwierig­keiten mit Schweizer Banken. Der Auslandschweizerrat hat in den letzten Jahren einige Verbesserungen für die Auslandschweizer erreichen können, zum Beispiel die Bewahrung der freiwilligen AHV/IV und die Förderung der Ausbildung junger Auslandschweizer.

Grosser Aufwand

Das Engagement als Auslandschweizerrätin ist mit einem hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Man muss regelmässig und auf eigene Kosten in die Schweiz reisen, um an den Sitzungen teilzunehmen. Das mag auf viele, insbesondere auf Jüngere, abschreckend wirken. Aufgrund der modernen Kommunikationsmittel und der günstigen Verkehrsmittel haben die Vereine zwar etwas an Attraktivität verloren, aber eine persönliche Begegnung kann weder das Telefon noch das Internet ersetzen. Deshalb sehe ich für die Zukunft der Schweizer Vereine überhaupt nicht schwarz.»

Autor: Ricardo Tarli