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04. März 2013

Engadiner Kultur erleben

Der Schlittelausflug auf Muottas Muragl auf den Spuren des Martin-Suter-Romans «Der Teufel von Mailand» (Migros-Magazin vom 4. 3. 2013) ist bloss ein Beispiel: Weitere lohnende Ausflugsziele zu bekannten Engadiner Orten von Malerei, Literatur oder Film.

Engadiner Postkartenausblick
Engadiner Postkartenausblick auf St.Moritz (unten rechts) und die Seen Richtung Westen. (Bild Keystone)


IN DER MALEREI

Den Maler Giovanni Segantini kennen viele Besucher des Oberengadins bestens, schon nur des allein ihm gewidmeten gleichnamigen Museums am (Nord-)Westrand von St. Moritz wegen. Er prägte nicht nur mit seiner Jahreszeiten-Serie mit das Bild (auch das fotografische!) des Oberengadins.
Tipp: Am besten macht man sich nach dem Studium einiger seiner Bilder im Museum an der Via Somplaz 30 (auch ein fürs Engadin herausragender Bau des lokalen Architekten Nicolaus Hartmann!) auf zu speziellen Standorten, die des Malers Umgang mit Farben und speziell Licht stehen: Zuallererst der Schafberg oberhalb von Pontresina (ab Spätfrühling oder Frühsommer auch von Muottas Muragl gut erreichbar) in den möglichst frühen Morgen oder späten Nachmittags- bis Vorabend-Stunden. Zur Not kann man auch von Pontresina aus mit dem Sessellift den Hang hochfahren und nur noch ein paar Schritte weiter den Hang hinauf spazieren. Weiter sollte etwa im Abendlicht die Kirchenruine zwischen Celerina, Samedan und der Muottas Muragl-Talstation aufgesucht werden, nicht zuletzt natürlich auch die Seen. Am besten etwa am Morgen mit Blick westwärts von der Brücke zwischen Silvaplana und Surlej aus.
Zur Abrundung reist man etwa zum Giacometti-Haus nach Stampa und auf das malerische Grab im nahen Borgonovo, beides im Bergell (Val Bregaglia) gleich westlich angrenzend ans Oberengadin. Als Einstimmung darauf unbeingt im ersten Bergeller Ort Maloja vor der Pass-Abfahrt anhalten und ins Tal hinunterschauen.

IN DER LITERATUR

In der Bücherwelt, sei es der Belletristik im engeren Sinn, sei es der Philosophie oder vielen Gebieten mehr, ist die Auswahl an bedeutenden Werken und Autoren mit Engadin-Bezug fast unendlich. Zum Besichtigen lädt ebenfalls wie unser Film-Tipp (s. unten) natürlich das Friedrich-Nietzsche-Museum in Sils-Maria ein, und auch wenn diese Schrift wenig(er) mit dem Engadin zu tun haben, empfiehlt sich gerade für regelmässig dem landschaftlichen Zauber der Se(l)enlandschaft zwischen St. Moritz und Maloja Erliegende die Lektüre von Passagen zur Ewigen Wiederkehr. Nietsche war mehrmals längere Zeit hier und hat als rekordjunger Basler Professor ja auch sonst einen ausgeprägten Schweiz-Bezug. Wer es erzählerischer, theatralischer mag und eine wunderliche Figur als Begleitung für Engadiner Wanderungen sucht, nimmt den (Also sprach) Zarathustra mit.
Während Robert Musil sich zum Thema des ihm bekannten Engadins leider mit der etymologisch kreuzfalschen Herleitung des Begriffs vom Fluss Inn selbst diskreditierte (besser im Unterland lesen...), sollte man bei klassischen Romanen am besten dem breiten erzählerischen Atem, der unglaublichen Präzision in der Beschreibung sowie dem atemraubenden Erfindungsreichtum in Szenerien, alltäglichen Geschehnissen und Dialogen von Marcel Proustfolgen, ebenfalls einem guten Engadin-Liebhaber. Wer sich nicht gleich die ganze Recherche (du temps perdu) antun will, steigt am besten mit einem Buch des emeritierten Zürcher Romanistik-Professors Luzius Keller ins Werk Prousts ein. Schon nur, weil Keller ein noch genauerer Engadinkenner ist, Prousts Erlebnisse und biografischen Bezüge bestens präsent hat – und einen mit der Zeit ohnehin zur Proust-Lektüre überzeugt (besser: nötigt). Der Buchtitel: Proust im Engadin.
Tipp: Wer gerne thematisch breiter unterwegs ist, mehr Abwechslung schätzt oder eine Einführung in die literarische Welt des Engadins wünscht, der greift am besten zum relativ neuen Buch Engadin - Ein Lesebuch von Jürg Amann und Anna Kurth. Hier trifft man schnell auch auf Hesse, C.F. Meyer (eigentlich der Bündner Klassiker und mit dem Jenatsch-Buch auch ein guter sommerlicher 'Flucht'-Begleiter vom Unterland über Julier udn Engadin bis ins Veltlin!), Ernst Bloch oder Karl Kraus.

IM FILM

RIen ne va plus: Es gibt sicher noch viele Filme, die zu beträchtlichem Teil im Engadin spielen. Aber keiner zeigt auf so charmante, zwar distanzierte, aber zugleich fast liebevolle Weise das Luxushotel von innen, das letztlich seit weit über einem Jahrhundert das Zentrum des kulturellen Lebens im Oberengadin verkörpert: Das Fünfstern-Haus Waldhaus in Sils. Als sich mitunter gegenseitig aufs Kreuz legendes Gaunerpärchen entdeckt man in Chaude Chabrols Werk von 1997 Schauspiel-Altmeister Michel Serrault, neben ihm Chabrols Muse Isabelle Huppert als Betty in ihrer (neben La Cérémonie) wohl schönsten Rolle. Hier ist alles wunderschöne Fassade, alles hat einen mehr oder weniger geheimen Hintergrund. Das Rätsel ist nur: Wie passt alles zusammen. Diese Spannung überträgt sich auf die Champagner-Umgebung von Landschaft und Touristen-Reichtum.
Tipp: Seit einigen Jahren ist das Hotel mit Angeboten für Familien beinahe schon in die Reichweite des Mittelstands geraten, noch immer verströmt der markante Bau auf einem Hügel mitten in Sils aber Geschichte, Patina sowie unbestreitbare Klasse. Mindestens für einen Tee oder eine Schokolade, vielleicht einen Drink oder auch ein Essen ist das Haus fast ein Must. Nicht zu verpassen der auch im Film vorkommende Lesesaal. Hier kann man sich frühere Gäste wie den Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno oder noch unzählige mehr bestens beim Sinnieren und Analysieren vorstellen.
Daneben empfehlen wir eine Winter- oder Frühlingswanderung oder eine Kutschenfahrt ins Fextal, vielleicht auch der längere Spaziergang dem südlichen Maloja-Seeufer entlang nach Isola mit seinem heimelig einfachen Gasthaus (zum Kontrast!) oder noch weiter bis Maloja. Dazu auch den Besuch des Nietzsche-Hauses gleich unterhalb des Waldhaus-Hügels (siehe 'Literatur').

Autor: Reto Meisser