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18. März 2013

Energiekick für Frühjahrsmüde

Nicht alle kommen mit dem Übergang von der kalten zur warmen Jahreszeit gleich gut klar. Bewegung in der Natur und etwas Frisches auf dem Teller helfen dem Körper wieder auf Touren.

Energiekick für Frühjahrsmüde
Mit gesunder Ernährung und Bewegung gegen die Frühjahrsmüdigkeit. (Illustration: Corina Vögele)

Wenn die ersten Frühlingsboten aus dem Boden gucken, dann könnten manche Menschen Bäume ausreissen. Andere hingegen, Schätzungen zufolge sind es 10 bis 15 Prozent, leiden unter bleierner Müdigkeit, haben ein grosses Schlafbedürfnis und Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme. «Die Frühlingsmüdigkeit ist ein Phänomen, das in der Bevölkerung in ganz unterschiedlicher Ausprägung auftritt», sagt Jürg Schwander, Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie. «Die wirkliche Ursache ist wissenschaftlich aber nicht geklärt. Einige Experten halten ein Ungleichgewicht der Hormone Melatonin und Serotonin für den Auslöser.»

Schlafbedürfnis gegen Glücksgefühle

Das Zusammenspiel der beiden Hormone bestimmt unsere Aktivität und ist dauernden Schwankungen unterworfen. Das «Schlafhormon» Melatonin wird im Körper ausgeschüttet, wenn wenig oder gar kein Tageslicht vorhanden ist. Es steigt am Abend an und fällt gegen Morgen wieder ab. Im Frühling verschiebt sich der Melatoninanstieg aufgrund des zunehmenden Abendlichts, der Schlafrhythmus wird zum Morgen hin verschoben, und es fällt schwer, aus dem Bett zu kommen.
Der Botenstoff Serotonin, das sogenannte Glückshormon, hingegen wird bei Tageslicht gebildet, idealerweise bei direkter Sonneneinstrahlung. Er macht zufrieden und unternehmungslustig, beinahe euphorisch.
Auch die innere Uhr kann beim Entwickeln der Frühlingsmüdigkeit eine Rolle spielen. Jürg Schwander, Leiter der Klinik für Schlafmedizin in Bad Zurzach AG: «Die innere Uhr wird durch das Licht über die Augen eingestellt. Sie läuft bei den meisten Menschen recht störungsfrei, da die Verlängerung des Tageslichts ja nur allmählich auftritt.» Bei der Umstellung auf die Sommerzeit, bei der die Uhren um eine Stunde früher gestellt werden, könne die innere Uhr aber durcheinandergeraten und während einiger Tage oder Wochen das Wohlbefinden beeinträchtigen. «Wetterlagen mit verminderter Lichtintensität wie bei Hochnebel oder Regen können die innere Uhr ebenfalls destabilisieren», erklärt der Arzt.
Ist ein grosses Schlafbedürfnis vorhanden, könne man ruhig vorübergehend früher zu Bett gehen und länger schlafen, meint der Experte. Voraussetzung: Der Schlaf bleibt gut. Sobald er gestört ist und mit verlängerten Einschlafzeiten und Wachzeiten in der Nacht einhergeht, ist aber wieder eine kürzere Schlafdauer anzustreben. Jürg Schwander: «Wenn der Schlafrhythmus durch den Tanz der Frühlingshormone so stark gestört sein sollte, dass keine ausreichende Nachtruhe erreicht wird, dann darf man kurzfristig auch zu einem Schlafmittel greifen.»

Sich im Freien zu bewegen, ist ein idealer Muntermacher.

Als aktive «Therapie» gegen die Frühlingsmüdigkeit und für eine schnellere Anpassung der inneren Uhr rät der Experte, jeden Sonnenstrahl zu nutzen und in die Natur hinauszugehen, damit sich der Organismus mit Hilfe des Lichts an die Veränderung der Tageslänge anpassen kann. Auf einer Bank sitzend die noch zarten Sonnenstrahlen im Gesicht zu geniessen, tut zwar gut, als Muntermacher ist es aber zu wenig wirksam. Besser kurbelt man mit Bewegung den Kreislauf an. Von zügigem Gehen und Walken über Joggen und Velofahren ist alles sinnvoll, was uns ins Schwitzen aber nicht völlig aus der Puste bringt.
Sportliche Höchstleistungen sind nicht erwünscht, mit «langsam, aber ausdauernd» ist man besser beraten, um der Frühlingsmüdigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Hauptsache, sich im Freien bewegen. Hundehalter sind hier im Vorteil, da sie dem Vierbeiner zuliebe ohnehin bei jedem Wetter nach draussen gehen.
Ganz wichtig: Auf die Sonnenbrille verzichten! Jürg Schwander erklärt: «Sofern es die Augen problemlos ertragen, sollte man bei den Frühjahrsaktivitäten im Freien keine Sonnenbrille tragen, da sonst das meiste Licht von der Brille absorbiert wird und zu wenig davon die Netzhaut erreicht.» Zu den drei wichtigsten Pfeilern gegen die Frühlingsmüdigkeit gehört neben Licht und Bewegung die Ernährung. Ein bewusst zusammengestellter Speiseplan liefere gar einen optimalen Energiekick, sagt Sonja Bacus, Ernährungsberaterin an der Paracelsus-Klinik in Lustmühle AR. «Gemüse aus gesunden Böden bieten jede Menge an Vitalstoffen wie Vitamine, Spurenelemente und Mineralien. Das sind eigentliche Fitmacher», sagt sie. Gerade die einheimischen Wintergemüsesorten seien aufgrund ihrer Standhaftigkeit bei kalten Temperaturen echte «Kraftpakete». Ergänzen sollte man Gemüse mit Getreide wie etwa Dinkel, Quinoa, Gerste oder Hülsenfrüchten sowie hochwertigen Ölen. «So erhält man auch eine geballte Ladung von Vitalstoffen.»
Kaum sind die ersten Frühlingsgemüse und -kräuter, wie Brennessel, Bärlauch, Löwenzahn und Wiesenkerbel erntereif, empfiehlt Bacus, Salate oder zum Beispiel Pastagerichte damit anzureichern.

Autor: Martina Novak