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03. September 2012

Endstation Wald

Auch in der reichen Schweiz gibt es Menschen, die im Wald hausen. Sie sind oft mausarm und meiden den Kontakt zur Gesellschaft.

30 Jahre lang hauste hier 
ein Einsiedler: 
Unterstände aus Wellblech in einem Wald bei Brülisau AI. (Bild: Kantonspolizei AI)

Die Polizei fand vor einigen Tagen einen 80-jährigen Einsiedler tot in einer Wellblechhütte im Wald bei Brülisau AI. Seit rund 30 Jahren wohnte er allein in der selber gebauten Behausung. Illegal, wie die Polizei betonte.

Kein Einzelfall, auch wenn keine Schweizer Zahlen erhältlich sind. «Wir betreuen allein im Grossraum Zürich zwischen 15 und 20 Waldbewohner», sagt Walter von Arburg (48), Kommunikationsbeauftragter der Zürcher Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS). Seit Anfang 2012 habe vor allem die Zahl der im Wald hausenden Ausländer zugenommen. «Die meisten sind Arbeitsmigranten», so von Arburg. Sie kommen aus Spanien, Portugal oder dem ehemaligen Ostblock und versuchen ihr Glück in der Schweiz. Finden sie es nicht, landen sie im Wald.

Auch die Schweizer Waldbewohner sind in der Regel gescheiterte Existenzen. «Mal geht eine Beziehung zu Bruch, mal stirbt der Partner, oder der Arbeitsplatz geht verloren», erläutert von Arburg den Werdegang der Einsiedler. Fehlen ihnen gute soziale Kontakte, stellt der Wald für diese Menschen eine Art Zuflucht dar. «Sie suchen die Einsamkeit aber nicht aus religiösen oder romantischen Gründen, sondern weil sie menschenscheu sind», sagt von Arburg. Sie flüchten vor der Gesellschaft, die ihrer Meinung nach an ihrem Unglück wesentlich schuld ist.

Erlaubt ist ihr Tun nicht, wie Bruno Röösli (41), Sektionschef der Abteilung Wald beim Bundesamt für Umwelt, festhält: «Aus Sicht des Waldrechts sind Behausungen, die nicht dem Wald dienen, nicht zulässig.» Der Vollzug der Verordnung ist Sache der Kantone und Gemeinden und schwierig durchzusetzen, weshalb das Treiben oft eine Zeit lang geduldet wird. Auch nur geduldet werden die Betreuer der SWS von den Waldbewohnern. Zwar seien einige dankbar für die Hilfe, andere aber würden die Sozialarbeiter garstig abweisen mit den Worten: «Ich komme schon selber zurecht.»

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Autor: Thomas Vogel