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14. Oktober 2013

Endlich wieder was wert

Über zwei Millionen Syrer sind auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Einer von ihnen ist Ahmad. Er wurde als Kurde in seiner Heimat gefoltert und lebt seit fünf Monaten in der Schweiz.

Ahmad lebt in 
einem Vierbettzimmer im kantonalen Durchgangszentrum Hegnau. Mit seinem Heimatland Syrien verbindet er nur noch 
die Angst um seine Eltern, die noch immer in Damaskus leben.

An der Wand in Ahmads Zimmer im kantonalen Durchgangszentrum Hegnau in Volketswil ZH hängen verschiedene Zettel. Hier hat Ahmad (20) Sätze und Wörter auf Deutsch notiert: «Ich arbeite als Maler», «Ich will Deutsch lernen» oder «Ich bin Kurde, nicht Araber». Neben seinem Bett steht eine Kiste mit Kochutensilien, daneben Dosen mit Tabak. Selbst gedrehte Zigaretten seien billiger, erklärt er und grinst. Auf der Fensterbank steht ein Basilikumstock und eine Sonnenblume, eine Pet-Flasche dient als Vase. Über Ahmads Bett hängt die kurdische Flagge. Die hat ihm sein bester Freund Karoj (16) gemalt. Karoj lebt bereits seit fünf Jahren in der Schweiz.

Heute sitzt er neben Ahmad am Tisch und übersetzt von Kurdisch ins Schweizerdeutsch. Ahmad erzählt von den Geschehnissen in seinem Heimatland Syrien. Der junge Mann spricht energisch, gestikuliert, hält ab und zu inne und versucht, sich zu erinnern. Vor Ahmad auf dem Tisch liegt ein blauer Ausweis mit dem Buchstaben N: Die Bestätigung, dass Ahmad in der Schweiz ein Asylgesuch beantragt hat und die definitive Antwort der Behörden abwartet.

«Ohne Nationalität», steht in seinem Ausweis. In Syrien galt er als staatenlos, wie viele der Kurden, die als ethnische Minderheit in Syrien leben. «Als hätte ich nicht existiert, bevor ich in die Schweiz kam», sagt Ahmad. 120 000 Syrer wurden 1962 zu Ausländern erklärt, als «Bedrohung des Arabertums» wurden ihnen jegliche Rechte entzogen. Heute machen die Kurden rund zehn Prozent der syrischen Bevölkerung aus.

Ahmad besass keine Papiere, durfte nicht auswandern, nicht wählen und nicht heiraten. Dagegen ging er immer wieder auf die Strasse. Er demonstrierte gegen die Regierung und für mehr Mitbestimmung. Denise Graf, Flüchtlingskoordinatorin bei Amnesty International Schweiz, bestätigt: «Die Kurden in Syrien haben keine Rechte, sie dürfen beispielsweise nicht einmal Häuser kaufen.»

Nach drei Wochen Folter wurde Ahmad freigekauft

An ein Datum erinnert sich Ahmad genau, es hat sein Leben für immer verändert. Es war der 28. Mai 2012, als er und seine Malerkollegen während des Streichens eines Hauses von bewaffneten Sicherheitskräften in Damaskus festgenommen wurden. Ab dann verlor er jegliches Zeitgefühl.

Karoj (l.) hilft Ahmad bei den Deutsch-Hausaufgaben.

Mit verbundenen Augen wurde er tagelang festgehalten und verhört. Ob er sunnitenfeindliche Schriften verbreitet habe. Er verneinte: Er konnte kaum schreiben und ist selbst Sunnit. Ob er an Demonstrationen gegen die Regierung teilgenommen habe. Er verneinte, obwohl das stimmte. Er wurde mit Stöcken geschlagen, an den Armen aufgehängt und mit eiskaltem Wasser übergossen. Nur mit Unterwäsche bekleidet harrte er mit 300 anderen Inhaftierten in einem 70-Quadratmeter-Raum aus. Danach kam er in Einzelhaft, wo er gefesselt am Boden schlief.

Während der Zeit in Haft dachte Ahmad nur an seinen Vater. Er hatte Angst, dass dieser aus Sorge um ihn krank werden könnte. Einem Freund, der aus der Haft entlassen wurde, gab er einen Stofffetzen mit, auf den er mit seinem Blut die Telefonnummer seiner Eltern aufgeschrieben hatte.

Die einzige Angst ist, dass er nach Syrien zurückgeschickt wird.

Nach fast drei Wochen Haft kam die Erlösung: Der Hausbesitzer, dessen Haus sie vor der Verhaftung gestrichen hatten, kaufte ihn, seinen Chef und die anderen Mitarbeiter frei. Als Ahmad nach Hause kam, weinte die ganze Familie. «Ich habe auch geweint», erzählt er und senkt den Blick. Von da an wollte Ahmad das Haus nicht mehr verlassen. Zu gross war seine Angst, in die Armee einberufen zu werden. Er wollte niemanden töten und nicht für diese Regierung kämpfen. In ganz Damaskus wurden Strassensperren errichtet, wo junge Männer abgefangen und in die Armee berufen wurden. Denise Graf von Amnesty sagt: «Soldaten der syrischen Armee werden dazu angehalten, im eigenen Gebiet Menschenrechtsverletzungen zu begehen.»

Ahmad hat alle Türen im Durchgangszentrum abgeschliffen und wird sie streichen.

Für Ahmad war klar: Er musste weg aus Syrien. Ahmads Vater beauftragte einen Schmuggler damit, seinen Sohn aus dem Land zu bringen. Mit einem Beerdigungsbus kam er in den Osten des Landes. Beerdigungsbusse, in denen eine Familie für die Beisetzung eines Verwandten in einen anderen Teil des Landes fährt, sind beliebte Fluchtfahrzeuge: Sie werden nicht kontrolliert.

Mehrere Monate blieb Ahmad in Qamischli an der türkischen Grenze im Osten Syriens. Von dort aus brachte ihn der Schmuggler in einem Bus weiter nach Istanbul, wo er weitere Monate lebte. Von Istanbul aus fuhr er per Lastwagen in die Schweiz. Mit einem anderen Flüchtling musste er acht Stunden in einer unter dem Lastwagen angebrachten Kiste verharren, bis die Gefahr gebannt war. Für die nächsten drei Tage Fahrt durften sie dann auf die Ladefläche.

Im Asylzentrum verteilt Ahmad die Post

Das andere Datum, an das Ahmad sich genau erinnert, ist der 13. Mai 2013: An diesem Tag beantragte er Asyl in der Schweiz. Die letzten Meter zum Auffangzentrum für Asylsuchende bei Basel ging er zu Fuss, es regnete, er war erschöpft von der langen Fahrt. Sie wollten ihn erst weiter nach Dänemark bringen, doch Ahmad wusste: Hier in der Schweiz wollte er neu anfangen.

Nach ein paar Tagen kam er ins Durchgangszentrum Hegnau in Volketswil. Dort lernte er Karoj kennen. Karoj, aufgewachsen im Nordosten Syriens, lebt mit seiner Familie seit fünf Jahren in der Asylunterkunft Hegnau. Den kurdischen Namen Karoj darf er erst benutzen, seit er in der Schweiz ist: In Syrien hiess er offiziell Malarasol, denn nur arabische Namen wurden von der Regierung geduldet. Karoj besucht das zehnte Schuljahr und fängt nächstes Jahr eine Lehre als Automechaniker an. Karoj büffelt mit Ahmad Deutsch und hat ihm das Inlineskaten beigebracht.

Im Sommer waren sie zusammen an der Streetparade in Zürich. Weil Ahmad in der Asylunterkunft die Post verteilt, bekommt er pro Monat zehn Zugbillette geschenkt. So liegt auch mal ein Ausflug an Gratisanlässe wie die Streetparade oder das Zürifäscht drin.

Während der Zeit in Haft dachte Ahmad nur an seinen Vater.

Die beiden jungen Kurden sprechen oft über die Ereignisse in Syrien, so wie heute. «Ahmad tut es gut, über all das zu sprechen. Er erzählt mir viel über das Land, das ich nur noch aus der Kindheit kenne», sagt Karoj. Die Schweiz sehen beide als ihr neues Heimatland. «Es geht uns gut hier, die Schweiz ist wunderschön. Die Leute sind sehr freundlich», sagt Ahmad und zeigt aus dem Fenster auf eine Wohnsiedlung.

Hier in der Gegend würde er gerne wieder als Maler arbeiten. «Es wäre ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden», sagt er. Gebraucht wird er mittlerweile im Durchgangszentrum. Er hat die Aufenthaltsräume mit Wandmalereien verziert. Sein neustes Projekt: Alle Türen der Asylunterkunft abschleifen und neu lackieren. Dafür bekommt er ein bisschen Extrataschengeld. In zwei Wochen will er mit Karoj neue Turnschuhe kaufen. Sie kosten 40 Franken, dafür legt er seit Wochen immer wieder ein paar Franken auf die Seite.

Jeden Donnerstag bekommt Ahmad 91 Franken. Mit dem Geld kauft er sich Essen und lädt seine Lycamobile-Handykarte auf, damit er seine Eltern in Damaskus oder seine Geschwister, die in den Irak geflohen sind, anrufen kann. Richtig kochen kann Ahmad nicht. Gemeinsam mit den anderen Syrern in der Asylwohnung macht er in der Gemeinschaftsküche Pizza, Hamburger, manchmal auch Spaghetti. Aber die syrischen Gerichte, wie sie seine Mutter immer gekocht hat, kriegt er nicht hin.

Seine Eltern haben seit über vier Monaten das Haus nicht mehr verlassen. Er vermisst sie sehr, würde sie gerne in die Schweiz holen. Doch er hat Angst, am Telefon darüber zu reden: Die meisten Gespräche werden abgehört. Wären seine Eltern nicht noch dort, würde Ahmad nichts mehr mit Syrien verbinden.

Bilder aus der Haft holen ihn immer wieder ein

Er rollt den Ärmel seines Shirts hoch. Auf seinen rechten Oberarm hat er sich einen Skorpion tätowieren lassen. Er erinnert ihn an all jene, die ihn enttäuscht haben, ihm ihren giftigen Stachel gezeigt haben: die syrische Regierung, einige seiner Freunde — und seine Verlobte. Über sie spricht er nicht gerne. In ihrer Familie galt die Regel, dass zuerst seine vier älteren Brüder heiraten müssen, erst dann wäre Ahmad dran. Seine Verlobte konnte nicht warten und heiratete einen anderen. Er schiebt den Ärmel noch weiter hoch und zeigt seine Schulter. Sie ist übersät mit Dehnungsstreifen. Sie stammen vom stundenlangen Hängen an der Decke während der Haft.

Wenn Ahmad in einem engen Lift steht, überkommen ihn Ängste. Die Bilder sind immer noch da: flackernde Lampen, Kondenswasser, das von der Decke tropft, Inhaftierte, die sich vor Verzweiflung blutig kratzen. Trotzdem geht es ihm heute gut. «Es ist schön, dass ich hier endlich wieder etwas wert bin», sagt er und lächelt. Die einzige Angst, die ihn plagt, ist, nach Syrien zurückgeschickt zu werden. Sein Vater hat viel bezahlt für seine Flucht, er selbst hat sein Leben riskiert. Wenn er zurück muss, hat er alles verloren.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Salvatore Vinci