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27. März 2017

Neustart nach der Elternzeit: Endlich wieder frei!

Sind die Kinder aus dem Haus, beginnt für die Eltern ein neuer Lebensabschnitt. Die einen besinnen sich zurück auf alte Leidenschaften, die anderen verwirklichen lang gehegte Träume. Drei Porträts von Eltern, die ihr Dasein neu gestalten – manchmal auch anders als geplant.

Familie Huber
Othmar und Esther Huber mit ihrer zweiten Kinderschar David, Julie und Stigie (von links)

Der Moment, wenn die Kinder das Haus verlassen, ist ein heikler: «Auch wenn nicht die Kinder den alleinigen Sinn des Lebens verkörpert haben, so haben sie ihre Eltern doch zuverlässig daran gehindert, allzu oft über den Sinn des Lebens nachzugrübeln.» So formuliert es Gerlinde Unverzagt in ihrem neuen Buch «Generation ziemlich beste Freunde» . Und: «Statistisch gesehen werden die meisten Ehen geschieden, wenn die Kinder kommen – und wenn die Kinder gehen.»

Der Moment, wenn die Sprösslinge dem heimischen Nest den Rücken kehren, ist besonders für jene Eltern schwierig, die stark auf ihre Kinder fokussiert waren und sich nun als Paar quasi neu entdecken müssen. Nicht immer freuen sie sich über das, was sie dann finden. Psychotherapeut und Paarberater Mark Froesch vergleicht diese Lebensphase mit derjenigen des Erwachsenwerdens und der Familiengründung. «Es ist ein wesentlicher Übergang im Leben von Eltern – wie man ihn bewältigt, hat grossen Einfluss darauf, wie es einem im Rest des Lebens geht.» (siehe das exklusive Online-Interview )

Der dänische Film «Parents» zeigt die Bewältigungsstrategien eines solchen Elternpaars, dessen einziger Sohn nach dem Auszug zunächst eine ziemliche Leere hinterlässt – wir verlosen bis 2. April 2017 Tickets: Kinotickets für «Parents» gewinnen. Dass es auch anders geht, zeigen die drei folgenden Geschichten.

Und plötzlich noch einmal Kinder

Als die drei Sprösslinge von Esther (68) und Othmar Huber (71) 2003 fast gleichzeitig auszogen, verspürte das Paar durchaus ein Gefühl von Freiheit. «Ich habe die Kinder schon auch vermisst. Aber plötzlich konnten wir wieder reisen und Tango tanzen, mussten uns keine Gedanken machen, rechtzeitig zu Hause zu sein, um etwas zu kochen», sagt Esther Huber. Ihr Mann engagierte sich verstärkt beim Marburger Kreis, einem überkonfessionellen Netzwerk von Christen, die einladen, Glauben neu zu entdecken. Schliesslich leitete er sogar die Region Schweiz, was vorher zeitlich nie dringelegen hätte.

«Und wir hatten noch diverse weitere Pläne», erinnert sich der pensionierte RAV-Leiter. «Weil wir hier in Buchs AG um unser Haus so viel Land hatten, überlegten wir uns, auf dem Gelände regelmässige Sommerserenaden zu organisieren, also Konzerte mit Picknick für das Quartier.» Auch mit einer öffentlich zugänglichen Bildergalerie im Haus liebäugelte er damals.

Eine Anfrage des Sozialamts
Doch plötzlich kam alles ganz anders. Othmar Hubers vier Jahre jüngerer Bruder geriet in eine gesundheitliche und berufliche Krise. Der Informatiker und alleinerziehende Vater von drei Kindern fand sich unversehens im Visier des Sozialamts, das abzuklären begann, ob seine elterlichen Standards noch ausreichten. «Mein Bruder war ein Perfektionist. Er wollte alles richtig machen, seinen Kindern ein idealer Vater sein, und war damit letztlich völlig überfordert.»

Wegen der Belastung zu Hause und seiner sich zunehmend verschlechternden Gesundheit verlor er seinen Job. Das Sozialamt nahm mit Hubers Kontakt auf, bei denen die drei Kinder schon zuvor regelmässig zu Gast gewesen waren, um den Vater zu entlasten. «Die Behörde fragte uns, ob wir bereit wären, die drei aufzunehmen. Die Alternative wäre gewesen, sie zu trennen und in verschiedenen Jugendheimen unterzubringen.» Das Ehepaar zögerte nur kurz, dann sagte es zu, «im Vertrauen, immer die notwendige Kraft und Weisheit für diese Aufgabe zu erhalten». Und so kam es, dass die Hubers ab Juni 2010 plötzlich noch einmal Kinder bekamen: zwei Jungs (11 und 16) und ein Mädchen (14). Wenige Wochen später starb deren Vater an Herzinsuffizienz.

Plötzlich wieder Verantwortung
«Der Anfang war nicht leicht, und zwar für beide Seiten», sagt Othmar Huber. «Bisher waren wir Tante und Onkel gewesen und sie bei uns zu Gast. Nun, als Pflegeeltern, setzten wir plötzlich Grenzen, stellten Forderungen, versuchten, sie anzuspornen.» Und mit der eigenen Freiheit war es wieder vorbei, hatten sie doch plötzlich die Verantwortung für drei Teenager, die zwar froh waren um das neue Arrangement, sich aber wieder ganz neu im Leben zurechtfinden mussten. Lediglich eine bereits vorher geplante Australienreise unternahm das Paar noch und organisierte für die Jugendlichen für diese Zeit eine Betreuung.

Esther und Othmar Huber nahmen die drei Teenager-Kinder seines Bruders auf
Statt ihre Freiheit zu geniessen, nahmen Esther und Othmar Huber die drei Teenager-Kinder seines Bruders auf.

Statt ihre Freiheit zu geniessen, nahmen Esther und Othmar Huber die drei Teenager-Kinder seines Bruders auf.

Inzwischen aber haben die Hubers einen Teil ihrer Freiheit zum zweiten Mal zurückgewonnen. Der Jüngste ist mittlerweile 18 und besucht die Wirtschaftsmittelschule, die Mittlere absolviert nach bestandener Fachmatur in Sozialer Arbeit noch eine KV-Lehre, und der Älteste studiert in Zürich Japanologie und Politikwissenschaften. «Sie wohnen alle noch bei uns und brauchen schon immer noch eine gewisse Begleitung», sagt Esther Huber, «aber sie sind natürlich im Alltag recht selbständig.»

So konnten die Hubers schon vor zwei Jahren allein eine grosse Chinareise machen und planen demnächst einen Besuch bei ihrem ältesten Sohn (41) in Kenia, der dort mit Frau und Kind lebt. Ihre anderen beiden Sprösslinge (38 und 34) wohnen inzwischen ganz nah in eigenen Häusern, die auf dem grossen Stück Land neben dem Elternhaus gebaut wurden. «Das Verhältnis zu allen ist sehr eng.Unsere leiblichen Kinder sehen die meines Bruders nicht als Cousins und Cousine, sondern als jüngere Geschwister», sagt Othmar Huber.

Das Paar geniesst die erneut gewonnene Unabhängigkeit, allerdings sind bereits neue Betreuungspflichten hinzugekommen: Zweimal pro Woche kümmern sich die Hubers um ihre beiden Enkelsöhne (4 und 6). Manchmal dauert der Weg in die Freiheit eben etwas länger.

Der Traum vom eigenen Hotel

Monika Gmür im Vorhof ihres kleinen Hotels im malerischen Maggia
Monika Gmür im Vorhof ihres kleinen Hotels im malerischen Maggia TI.

Monika Gmür im Vorhof ihres kleinen Hotels im malerischen Maggia TI.

Und plötzlich sass sie allein da: Ihr Mann hatte sie wegen einer anderen Frau verlassen, die beiden Töchter waren kurz vor und nach der Scheidung 2004 ausgezogen, und dann starben auch noch ihre Eltern kurz nacheinander. «Ich dachte: Und jetzt? Das kann es doch noch nicht gewesen sein?», erzählt Monika Gmür (62) und lacht.

Also setzte sie sich hin und versuchte zu ergründen, was sie mit dem Rest ihres Lebens noch tun wollte. «Das dauerte zwei Jahre und brauchte viele Gespräche und einen Flipchart, auf dem ich notierte, was meine Leidenschaften und Fähigkeiten sind und was ich damit anfangen könnte.»

Die Suche endete mit einem klaren Ergebnis: «Ich wollte mein eigenes kleines Hotel im Tessin eröffnen.» Mit dem Südkanton verband sie schon lange eine enge Beziehung, beinahe wäre die Familie früher schon mal dorthin gezügelt. Und nach dem Tod der Eltern hatte sie ein wenig Geld geerbt. «Damals fühlte ich mich richtig reich, heute weiss ich es besser.»

Freunde und die Familie rieten ab
Ihr Umfeld reagierte skeptisch und riet ab von diesem Abenteuer, sogar ihre Töchter. Doch das spornte Monika Gmür umso mehr an. «Zugegeben: Hätte ich damals gewusst, wie mühsam und schwierig es wird, hätte ich es vermutlich gar nicht erst versucht. Doch zum Glück war ich ahnungslos.» Vielmehr habe sie sich damals gesagt: «Ich will nicht dereinst auf dem Sterbebett denken: Hätte ich es doch gewagt!»

Und so wagte sie es. 2008 zog sie von Männedorf ZH ins Tessin, kaufte ein heruntergekommenes, seit Jahren leer stehendes Gebäude an wunderschöner Lage in Maggia – und kollidierte rasch und unsanft mit einer Vielzahl bürokratischer Hürden und finanzieller Herausforderungen. «Zum Glück kann ich gut Italienisch, sonst wäre das alles völlig unmöglich gewesen.»

Hinzu kam, dass sie sich als Frau gegenüber lauter eher machohaften Männern durchsetzen musste. Obwohl sie in jungen Jahren schon mal ein Restaurant geführt hatte, musste sie schliesslich sogar noch das Wirtepatent auf Italienisch machen, um ihren Traum wahr werden zu lassen.

Heute gilt sie als Vorzeigemodell
Es waren schwierige Jahre, aber 2012 war es so weit: Monika Gmür eröffnete ihr Boutiquehotel Casa Martinelli. Und es war alles, was sie sich erträumt hatte – und mehr. «Ich lerne so viele spannende Menschen kennen und höre von ihren Geschichten. Und ich liebe es, Gastgeberin zu sein.»

Finanziell ist sie zwar noch nicht über den Berg, aber sie hat ihren Entscheid zum Neustart im Tessin keine Sekunde bereut. Und das, obwohl sie richtig viel arbeiten muss, während andere von den Kindern «befreite» Eltern ihres Alters auf Reisen gehen und ihre Hobbys pflegen. «Das würde mir schnell langweilig werden», sagt Monika Gmür. «Meine Arbeit ist mein Hobby, und ich hoffe, ich kann das so lange weitermachen, bis ich tot umfalle.» Zudem geniesst sie die Anerkennung ihrer anfangs so skeptischen Umgebung. «Heute werde ich sogar als ­Vorzeigemodell präsentiert – als Beweis, dass es möglich ist, in diesem Alter nochmals ganz neu anzufangen.»

Eine WG als Familienersatz

Thomas und Cordelia Eberle (Mitte) mit Daniel Rost, Martin Rapp und Renate Schnorf
Thomas und Cordelia Eberle (Mitte) mit Daniel Rost, Martin Rapp und Renate Schnorf (von links).

Fröhliche WG-Familie: Thomas und Cordelia Eberle (Mitte) mit Daniel Rost, Martin Rapp und Renate Schnorf (von links).

Die Tischrunde ist vergnügt und vielsprachig: Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Englisch, Französisch, wild durcheinandergemischt. In der Mitte steht ein Shepherd’s Pie, den Cordelia Eberle (48) zubereitet hat. Sie ist in der Regel zuständig für das gemeinsame Abendessen der ungewöhnlichen WG in Aathal, einem ländlichen Ort zwischen Wetzikon und Uster im Zürcher Oberland.

Cordelia Eberle und ihr Ehemann Thomas (52) leben seit dem Jahr 2000 in dem geräumigen Haus mit den tiefen Decken, haben dort drei Kinder und eine Pflegetochter grossgezogen und kümmern sich um einen Hund, eine Katze und fünf Ponys. Auch deswegen wollten sie bleiben, nachdem die Kinder ausgeflogen waren und das Haus immer leerer wurde. «Ich gebe seit vielen Jahren Reitunterricht, und es ist schön, so nahe bei den Tieren zu sein», sagt Cordelia Eberle.

So kamen sie auf die Idee mit der WG. Dabei half, dass sie schon immer ein offenes Haus hatten und auch früher Langzeitgäste beherbergten. Zum Beispiel Renate Schnorf (41), eine Detailhandelsangestellte, die vor zehn Jahren begann, bei Eberle Reitunterricht zu nehmen, und seit fünf Jahren ein Zimmer im Haus bewohnt. «Conny bot mir das an, weil ich für einige Zeit ins Ausland wollte», erzählt Renate Schnorf. Nach der Rückkehr zog sie wieder ein. «Im Moment mache ich eine Ausbildung. Bis die fertig ist, bleibe ich sicher noch.»

Nach einer Generalrenovation des Gebäudes, bei der Eberles jüngster Sohn Lukas (23) als Zimmermann noch mithalf, bevor er für ein Jahr nach Neuseeland ging, schrieben sie zwei weitere Zimmer aus. Und nun leben auch der Lausanner Investmentbanker Martin Rapp (26) sowie der Dresdner Gastrofachmann Daniel Rost (39) bei ihnen, der als Chef de service im Restaurant Neue Spinnerei beim Bahnhof Aathal arbeitet.

Gemeinschaft mit Rückzugsmöglichkeit
Rapps Deutsch ist noch nicht so gut, weil er im Job primär Englisch spricht, derweil Rosts Englisch- und Französischkenntnisse begrenzt sind. «Wir verständigen uns ab und zu auch mit Zeichensprache», erzählt er und lacht. Beide fühlen sich aber sehr wohl in der WG. «Ich mag die Mischung aus Gemeinschaft und Rückzugsmöglichkeiten», sagt Rost. «Und die Nähe zur Arbeit ist natürlich ideal.» Rapp geniesst das Wohnen auf dem Land, während er gleichzeitig in etwa einer halben Stunde mitten in Zürich ist.

«Die WG war eine Folge des Auszugs unserer Kinder. Wir haben einfach gern Menschen um uns», sagt Cordelia Eberle. «Ausserdem macht es auch viel mehr Spass, für fünf zu kochen als für zwei.» Der Kontakt zu den Kindern ist eng, die Abnabelung sei ihnen allerdings nicht schwergefallen, sagen die Eltern.

Ein Fixpunkt im Alltag sind die gemeinsamen Abendessen, jeweils um 19 Uhr. Ab und zu geht man auch gemeinsam wandern oder Ski fahren, ansonsten ist jeder autonom. «Es gibt also keine WG-Aufgaben wie bei Studenten», betont Thomas Eberle, der als Lastwagenkranführer auf Baustellen in der Region arbeitet. Die WG-Bewohner sind nur für ihr Zimmer zuständig, um den Rest kümmern sich die Eberles. Insbesondere ums Kulinarische. «Alle bezahlen pro Monat einen Betrag, und wir sorgen dafür, dass der Kühlschrank immer voll ist und es abends etwas Gutes zu essen gibt.» Und da sitzt man dann gemütlich zusammen, diskutiert und plaudert, fast wie in einer Familie.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Sophie Stieger