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02. Juli 2012

Endlich leichter leben

Rund acht Prozent der Erwachsenen in der Schweiz leiden unter Fettleibigkeit. Wie lebt es sich mit 50 bis 100 Kilogramm zu viel auf den Rippen? Und wie wird man sie los? Babs Heiniger-Hug und Peter Moser haben es geschafft.

Babs Heiniger-Hug (37), vorher: 129 Kilo, heute: 88 Kilo.
Babs Heiniger-Hug (37), vorher: 129 Kilo, heute: 88 Kilo. Am Nutellaglas bediente sie sich mit dem grossen Löffel. 
Das lässt ihr Speiseplan heute nicht mehr zu.

Bluthochdruck, Diabetes und Co.: Die gefährlichen Begleiterscheinungen von Adipositas.

«Sie werden nicht alt.» Die Worte stehen unter einer Zahl auf dem Blatt Papier, das Babs Heiniger-Hug (37) sich ausgedruckt hat. Die zweifache Mutter aus Dietlikon ZH liest sie immer wieder, fassungslos. Vor zwei Jahren hat sie zum ersten Mal ihren Body-Mass-Index (BMI) gegoogelt. Er lag bei 44, Adipositas Grad III.

Jeder dritte Erwachsene in der Schweiz ist nach Angaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) übergewichtig. Das heisst, 37,3 Prozent haben einen BMI von über 25. Adipös (fettleibig) sind rund acht Prozent der erwachsenen Schweizer. Gewicht in Kilogramm geteilt durch Grösse in Metern im Quadrat: Der BMI gilt als Gradmesser für Übergewicht. Bei einen Wert von 30 und mehr spricht man von Adipositas.

«Ich war immer dick», erinnert sich Babs Heiniger-Hug. «Während mein Bruder eine ganze Tafel Schokolade verputzen konnte, ohne zuzunehmen, sah man mir schon zwei Stücke an. Mein Stoffwechsel war sehr langsam.» Sicher habe sie sich gewünscht, genauso schlank zu sein wie ihre Freundinnen, aber gelitten habe sie unter ihrem Gewicht nie. «Ich habe gerne gegessen und mich dabei gut gefühlt: Am Nutellaglas bediente ich mich regelmässig mit einem grossen Löffel, zu meinen Lieblingsnachtessen gehörten Schinkengipfeli.»

Peter Moser (44), vorher: 203 Kilo, heute: 90 Kilo.
Peter Moser (44), vorher: 203 Kilo, heute: 90 Kilo. Früher war Sport wegen der Gelenke undenkbar, heute läuft er Marathon.

Wir essen heute oft zu süss, zu fettig, zu kalorienhaltig, und wir bewegen uns zu wenig, beklagen Ernährungswissenschafter. Bei Peter Moser (44) aus St. Gallen begannen die Gewichtsprobleme erst im Erwachsenenalter. Beruflich war er viel unterwegs, die restliche Zeit gehörte seiner Frau und den drei Kindern. «Ich nahm mir keine Zeit mehr für Sport und begann unregelmässig und ungesund zu essen: Pommes frites, Döner — alles, was sich auf Dienstreisen schnell und einfach bekommen liess, meist noch spät abends.» So nahm er über die Jahre Kilo um Kilo zu. Mit 39 wog der 1,93 Meter grosse Mann 203 Kilo.

Betroffene wie Peter Moser leiden häufig nicht nur unter ihrem Übergewicht, sondern auch unter zum Teil gefährlichen Begleiterkrankungen. «Bluthochdruck, ein zu hoher Cholesterinspiegel, meine Werte wurden schlechter und schlechter, ich fühlte mich ständig müde, antriebslos. Und ich litt unter Knieproblemen», erinnert sich Moser.

Nach der Operation schaffte ich nur noch eine Kinderportion.

Babs Heiniger-Hug bekam mit Mitte 30 Knie- und Gelenkprobleme. Damals rechnete sie im Internet ihren BMI aus — und wollte unbedingt abnehmen. Sie stellte mit Hilfe einer Ernährungsberaterin und unter Betreuung des Adipositas-Stoffwechselzentrums der Klinik Hirslanden ihren Speiseplan komplett um, achtete auf fettreduzierte Kost, ass keine Zwischenmahlzeiten mehr und keine Kohlenhydrate nach 14 Uhr. Ausserdem ging sie zwei Mal pro Woche zum Zumba-Tanz. Ihr Gewicht reduzierte sich von 129 auf 104 Kilo. «Aber ich wusste, wie gross die Gefahr ist, in altes Essverhalten zurückzufallen.»

Das Gegenmittel hiess: Gesünder essen und Magenverkleinerung
Peter Moser hat viele Diäten versucht — er nahm immer wieder zu. «Irgendwann sagte mein Arzt zu mir: ‹Wenn du so weitermachst, sehen wir uns nicht mehr lange.› Das sass.» Er entschied sich für eine Operation. Im August 2008 wurde ihm im Adipositas-Zentrum Ostschweiz des Kantonsspitals St. Gallen der Magen verkleinert. Babs Heiniger-Hug unterzog sich Anfang Jahr im Zürcher Stadtspital Waid einer Magenbypassoperation, bei der ihr Magen verkleinert und ihr Dünndarm umgeleitet wurde. «Hatte mein Nachtessen früher für eine Fussballmannschaft gereicht, schaffte ich nach dem Eingriff nur noch eine Kinderportion», freut sich Peter Moser. Zudem isst er heute gesünder: Früchte, Gemüse, Vollkornprodukte. In einem Jahr verlor er 100 Kilo. «Ich habe wieder mit Sport angefangen, erst walken, dann joggen.» Heute läuft er Marathon. Auch Babs Heiniger-Hug hat ihren gesunden Speiseplan beibehalten. Mittlerweile wiegt sie 88 Kilo und geniesst ihr neues, leichtes Leben.

«Ob Sie dick werden, entscheidet die Energiebilanz»

Experte Christian Wolfrum von der ETH Zürich
Experte Christian Wolfrum von der ETH Zürich

Das Experten-Interview Christian Wolfrum (39), Professor an der ETH Zürich in den Bereichen Lebensmittelwissenschaften, Ernährung und Gesundheit.

Christian Wolfrum, unser Körperfett kommt uns ziemlich überflüssig vor. Dabei speichern Fettzellen Energie, schützen Organe vor Stössen und isolieren gegen Kälte. Eigentlich eine gute Sache. Ab wann ist es zu viel des Guten?

Das ist sehr individuell. Grundsätzlich braucht man Fett. Nimmt man aber mehr Energie zu sich, als man verbrennt, führt das vermehrt zu Fettbildung, und die Konzentration an freien Fettsäuren im Blut steigt. Dies stört die Glukoseverwertung im Muskel- und Fettgewebe, es kommt zu Fettablagerungen in der Leber und in den Muskeln, Insulinresistenz und oft in letzter Konsequenz zu Diabetes.

Übergewichtige Menschen essen zu viel und zu fett, und sie bewegen sich zu wenig. Ist es tatsächlich so einfach?

Es stimmt schon: Ob Sie dick werden oder nicht, entscheidet die Energie­bilanz. Wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbrauchen kann, legt auf Dauer an Gewicht zu. Natürlich können auch Stoffwechselkrankheiten wie eine Schilddrüsenunterfunktion zu Übergewicht führen. Und auch die Gene spielen eine grosse Rolle, wobei man da vorsichtig sein muss: Sind es nun die Gene selbst und damit die Veranlagung zur Fettleibigkeit, die von der Mutter an das Kind weitergegeben werden, oder ist es das Sozialverhalten? Dann würde das Kind von der Mutter lernen, zu fettig und zu viel zu essen.

Grosse Fortschritte hat die Ursachen­forschung in den letzten Jahren im Bereich der Epigenetik gemacht.

Die Epigenetik untersucht, wie Umwelteinflüsse, zum Beispiel die Nahrung, Markierungen im menschlichen Erbgut hinterlassen und welche Folgen das hat. Verschiedene Experimente zeigen eindeutig, dass die Ernährung schwangerer Mäuse nicht nur Einfluss auf den Gesundheitszustand der direkten Nachkommen hat, sondern sich auch auf ­weitere Generationen auswirkt. Viel ­zitiert wird dabei das Beispiel der Agouti-Mäuse, die eine starke Anlage für Fettsucht haben. Durch die Fütterung schwangerer Tiere mit Vitaminen und anderen Nahrungsergänzungsmitteln können die Nachkommen über Generationen hinweg von diesen Leiden geheilt werden. Eine grosse Hoffnung in der Adipositas-Forschung.

Und wann wird es die Fettwegpille geben?

Die wird es meiner Meinung nach nicht geben. Wir können nicht einfach Energie in Wärme umwandeln, also Fett verbrennen. So setzen die aktuellen Medikamente auch weniger bei der Ausgabe- als bei der Einnahmeseite an. Appetitzügler beispielsweise sollen die Menge, die ich zu mir nehme, reduzieren.

Was hilft sonst nachhaltig gegen Adipositas?

Sein Leben umzustellen, die Energiedichte seines Speiseplans zu reduzieren, weniger zu essen, dafür gesunde Dinge, und sich mehr zu bewegen. Das hilft zumindest, wenn die Ursachen der Adipositas nicht in einer chronischen Krankheit liegen. Dass für viele Betroffene diese Umstellung nicht einfach ist, steht ausser Frage.

Können operative Eingriffe, wie zum Beispiel eine Magenverkleinerung, helfen?

Ja, Magenverkleinerungen haben einen grossen Effekt. Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden damit quasi umgehend «abgestellt». Aber es sind operative Eingriffe, die immer ein Risiko in sich bergen. Dessen muss man sich bewusst sein.

Autor: Evelin Hartmann

Fotograf: René Ruis