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21. Oktober 2013

Endlich Indianersommer

Eines Tages werde ich ihn erleben, den Indian Summer an Amerikas Nordostküste — wenn sich die Blätter in alle Rotschattierungen färben, und darüber wölbt sich ein Himmel von übernatürlichem Blau. Eine Explosion der Farben, stelle ich mir vor. O ja, ich will den Indian Summer erleben. Und sie werden ihn mir hoffentlich bis dahin nicht aus lauter Political Correctness umbenennen! Man weiss nie, bei den Amis … (Jetzt, da die Footballer der Washington Redskins scheints bald nicht mehr «Rothäute» heissen dürfen!) Was sollte falsch sein daran, dass der schönstmögliche Herbst als «indianischer Sommer» gilt? Ich werde ihn erleben, bestimmt. Bis es so weit ist, geniesse ich ihn ab Fotos, denn ich lasse mir Jahr für Jahr einen Kalender mit Landschaftsaufnahmen aus Maine kommen — so viel Romantik muss sein. Oder nennen Sie es meinetwegen Kitsch.

Das Emmental ist ja auch schön.

Sohn Hans (Ansicht von hinten) blickt über weite grüne Hügel
«Das Emmental ist ja auch schön.»

Sosehr ich vom Indian Summer träume, im Emmental ist es auch schön. Gerade im Oktober, wenn die kleinen Nebel aus den Chrächen schleichen, wenn ein milchiges Licht die sonderbar buckligen Hügel in unendlich viele Grüntöne taucht. «Ist das nicht wunderbar?», fragte ich die Kinder, als wir in den Herbstferien zu Tante Ida fuhren. Ich zeigte irgendwo zwischen Huttwil und der Bresteneggalp auf einen entstehenden Neubau und raunte scherzeshalber: «Hierhin zügeln wir dann im Sommer, ist das okay für euch?» Darauf Anna Luna, knapp: «I würd düredräihe.» Und Hans, etwas pragmatischer: «I würd es Töffli choufe.» Bis vor Kurzem wollten sie ja beide noch partout aufs Land ziehen, wollten Chüngel und Schafe halten, Baumhütten bauen, Bäche stauen und … Jetzt plötzlich graut ihnen davor, in einem entlegenen Tobel zu wohnen, ist ihnen die laute Stadt lieb geworden mit ihren Tanzateliers, Kinos und Läden.

So rasch ändern kindliche Vorlieben. Mir passiert es immer wieder, dass eines der Kinder sagt: «Du weisst doch, dass ich Champignons nicht mag!», wo es sie doch gerade noch fürs Leben gern ass — derweil dasjenige, das noch letzte Woche Pilze nicht ausstehen konnte, meinen Herbstsalat mit gedünsteten Champignons das Feinste findet, was es je gegessen hat. Täglich neue Überraschungen, ich bin gewappnet. Kastanien sammeln? Wollen die bestimmt nicht mehr!, dachte ich. Doch sie wollten. Stürzten sich beim Spazieren auf die «Chegele», konnten nicht genug davon vom Boden klauben … Obs Gewohnheit war? Ob sie wirklich damit basteln wollten? Oder ob selbst sie schon von leiser Wehmut ergriffen sind, von Nostalgie? Bin mir ja selber nicht sicher, ob ich die Cremetta, die nun wieder zu meinen Einkaufsreflexen zählt, wirklich mag — oder ob mich diese viel zu süsse Schoggi mit ihren viel zu farbigen Füllungen nur an meine frühe Kindheit erinnert? Gewiss, einen Vorteil hat sie: Niemand in der Familie mag sie, ich muss also nicht teilen. Aus demselben Grund entscheide ich mich stets für Erdbeerglace. Nicht, dass ich die besonders gern hätte. Aber es isst sie mir niemand weg, meine Frau nicht, der Hans nicht, Anna Luna schon gar nicht.

Aber natürlich ist der Tag nicht fern, da ich irgendwo meine Erdbeerglace schlecke und froh wäre, es ässe sie mir jemand weg. Vielleicht droben in Maine, im Indian Summer. Und wenn ich dann in der fahlen Sonne am Moosehead Lake sitze, allein mit meinem Strawberry Ice Cream, werde ich vielleicht zu mir sagen: Nett hier. Aber es gibt keinen schöneren Ort auf der Welt als das Emmental.

Bänz Friedli live: 24. 10. Bern, 26. 10. Wil SG

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli