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31. März 2014

Ende gut, alles gut!

Schulklassen aus dem ganzen Land haben die neue Märchenstimme der Schweiz gewählt. Am besten kam das Erzählen mit Musikinstrumenten an.

Die neue Märchenstimme
Die Erstklässler aus Küttigen AG bewerten die Märchenvideos auf dem Smartboard.
Die Erstklässler aus Küttigen lauschen gespannt
Die Erstklässler aus Küttigen konzentrieren sich aufs Zuhören

Die Erstklässler von Marlis Wildi in Küttigen AG haben viel zu tun. Ihre Meinung ist gefragt, denn heute geht es darum, die neue Märchenstimme der Schweiz zu küren. Zuvor hatten das Migros-Magazin und das Landesmuseum Zürich Märchenerzähler und -erzählerinnen dazu aufgerufen, sich mit einem Video zu bewerben. Die Kinder sind aufgeregt, denn heute wird ein «Battle» veranstaltet, «wie bei ‹The Voice of Switzerland›!» In Kleingruppen platzieren sich die Kinder vor dem Smartboard, der modernen Wandtafel. Dort werden die Videos der «Battlekandidaten» abgespielt. Nach zwei Videos stecken die Kinder die Köpfe zusammen: Wer bekommt null Punkte, wer geht als Sieger aus der Runde hervor? Die Kinder nehmen ihre Aufgabe ernst, konzentrieren sich so sehr auf die Erzählstimme, dass sie auch mal mit geschlossenen Augen lauschen. Die Kriterien haben die Schülerinnen und Schüler vorher in der Gesprächsrunde klar definiert: Ein guter Erzähler muss verständlich, deutlich und vor allem spannend erzählen. Wer «immer gleich» spricht, fällt bei den Kindern durch. Was ein gutes Märchen ausmacht, weiss Jessica (7) ganz genau: «Ein schönes Märchen ist es, wenn es spannend ist und am Schluss etwas Unerwartetes passiert.» Yanik (7) kann sich an sein Lieblingsmärchen noch gut erinnern: «Im Chindsgi haben wir Dornröschen gelesen. Der beste Teil ist der, wo sie aus dem Schloss befreit wird.»

Rund 50 Kilometer Luftlinie entfernt, im Südwesten des Kantons Luzern, haben sich unterdessen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 2A und 2B in Entlebuch versammelt. Auch sie dürfen heute Jury spielen, haben sich jedoch eine andere Bewertungstaktik überlegt. Alle Augen sind auf die Beamerleinwand gerichtet, auf der gerade Kandidatin Andrea Fischer, eine von 14 ausgewählten Erzählerinnen und Erzählern, das Bündner Märchen «Die drei goldenen Schlüssel» zum Besten gibt. Ein Kichern geht durch die Reihen, als Andrea Fischer ihre Stimme zu einem Krächzen verstellt. Am Ende jedes Videos geben die Kinder ihre Wertung ab und malen je nach Gusto einen Smiley aus: Bekommt sie einen Lätsch oder ein Lachen? Eifrig wird gemalt, ein paar Kinder machen sich sogar Notizen. «Ser lustig» oder «die beste!!!!» wird da zum Beispiel notiert.

Die Kinder wissen genau, was ihnen gefällt und was nicht

Die beiden Klassenlehrerinnen Stefanie Steiger und Yvonne Schmidiger sind erstaunt, wie schnell sich die Schüler nach dem Ansehen eines Videos jeweils ihre Meinung bilden. «Die Kinder wissen ­genau, was ihnen gefällt und was nicht.» Unbeliebt ist zu schnelles oder zu langsames Erzählen. Wer eine ausgeprägte Mimik aufweist, kommt bei den Kindern hingegen gut an. Imitiert eine Erzählerin ein Geräusch wie das Knarren der Tür, lacht das halbe Schulzimmer.

Die Entlebucher Schüler diskutieren über ihre Lieblingsmärchen
Die Zweitklässler aus Entlebuch diskutieren über ihre Lieblingsmärchen

Auf ihre Lieblingsmärchen angesprochen, kommen die Kinder aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Stichworte wie «Barbie» und «Globi» fallen, bis die Lehrerin die Kinder aufklärt, dass Märchen meist mit «Es war einmal …» beginnen und darin Hexen, Zauberer oder Elfen vorkommen. Plötzlich fällt der Groschen: «Mir gefällt das Schneewittchen gut, weil die böse Hexe am Schluss nicht siegt», erklärt Alexandra (8). So sieht das auch Sitznachbarin Lea (7), der die Grossmutter regelmässig Märchen vorliest. Romeo (8) weiss genau, welche Märchen ihn am meisten fesseln: «Die gefährlichen Märchen sind die coolsten!» Das sieht sein ­Gschpänli Dario (7) genauso: Sein liebstes Märchen ist «Der Teufel mit den drei goldenen Haaren». Jason (8) mag am liebsten die Geschichte von Rapunzel, weil der einfach die schönen langen Haare abgeschnitten werden. «Mir gefällt die Stelle, wo der Prinz angeritten kommt», sagt Damiano (8).

Jolanda Steiner ist die Favoritin der Kinder
Jolanda Steiner (52) aus Kriens ist die Favoritin der Kinder

Nachdem die Kinder fleissig bewertet haben, beraten sie mit ihren Lehrerinnen über die beliebtesten Erzähler. Und auch die vierte Klasse aus Niederrohrdorf AG von Anja Blankenhorn, die sechste Klasse von Andrea Leuzinger und Sara Fenini aus Zürich und die Sonderklasse von Yvonne Schmidlin aus Diessenhofen TG haben ihr Urteil gefällt. Dabei hat sich eine Tendenz herauskristallisiert: Jolanda Steiner (52) aus Kriens, «die Erdenbewohnerin mit dem roten Haar und der lieblichen Stimme», ist die Favoritin der Kinder. Jolanda Steiner ist vor allem in der Zentralschweiz eine kleine Berühmtheit: Sie hat fast 30 Geschichten­CDs herausgebracht, sendet jeden Sonntagmorgen auf Radio Central eine Kindergeschichte und lebt vom Märchenerzählen. Neben ihrer 21-jährigen Tochter seien Märchen ihr zweites Kind, das sie umsorge und liebe, sagt die diplomierte Kindergärtnerin.

Die Auszeichnung soll allen Märchenerzählern Mut machen

Als Jolanda Steiner von der frohen Nachricht erfährt, ist sie überglücklich. «Dass die Kinderjury sich für mich entschieden hat, ist für mich ein grosses Geschenk und das wertvollste Lob überhaupt.» Mit ihrer Auszeichnung ­möchte sie allen Erzählern Mut machen, das wertvolle Kulturgut der Märchen weiterzutragen. Märchen erzählen bedeutet für Jolanda Steiner vor allem Geborgenheit, Unterhaltung und den kindgerechten Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Das schafft sie wohl am besten dank ­ihrer beliebten «Märchenküche», wie sie ihre Bagage aus Scheinwerfern, Trommeln und Perkussion nennt. Noemi (9) aus der Klasse von Yvonne Schmidlin aus Diessenhofen zum Beispiel findet: «An Jolanda Steiner gefällt mir, wie sie das Erzählen mit Musikinstrumenten gestaltet und mit Tüchern und Kugeln eine märchenhafte Atmosphäre schafft.»

Neben Jolanda Steiner hat es auch Heinz Breuniger (55) aus Aarau den Schülerinnen und Schülern angetan. Er vermochte das Publikum ohne Video, allein mit einer Tonaufnahme zu begeistern: «Seine Stimme hat einen schönen Klang», lautet der Tenor über ihn. Beatrix Jocher-Studer (50) aus Frenkendorf BL kam beim Publikum ebenfalls gut an. Sina (10) aus Niederrohrdorf findet: «Beatrix Jocher-Studers Stimme ist so schön und geheimnisvoll, wie ich noch nie eine Stimme gehört habe.» Und Märlitante Barbara alias Barbara Burren (44) aus Uetendorf BE hat die Kinder mit ihrer Mimik begeistert: «Barbara Burren hat das Schauspielern im Blut und ist sehr unterhaltsam», findet Lisa (12) aus Zürich. Zu guter Letzt war das Kichern der Kinder bei Andrea Fischer (45) ein gutes Zeichen: Auch sie ist unter den ersten fünf. Ende gut, alles gut!

«Märchen, Magie und Trudi Gerster» im Landesmuseum Zürich dauert noch bis zum 11. Mai 2014.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Samuel Trümpy