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28. September 2015

Dadadada

Streitende Mütter
Krieg auf dem Spielplatz: Wenn sich zwei Mütter in Erziehungsfragen nicht mehr grün sind ... (Bild: Keystone)

Ich höre es deutlich. Dadadadadada. Es kommt vom nahe gelegenen Spielplatz. Noch ein Salve: Dadadadadada. Ich kenne das Geräusch. Es entsteht, wenn Kinder dort etwas Verbotenes machen. Dadadadada. Eva hat es auch gehört: «Mami, irgendjemand lässt Kieselsteine die Rutsche runterkullern, das darf man doch nicht.» Nein, darf man nicht. Dadadada.
Wir reden nicht von zwei, drei Steinchen, wir reden von Steinlawinen, dadadadadadadada.
Wenn Sie mich fragen, dann gibt es mindestens drei rationale Gründe, warum Steine nicht rutschen sollten: 1. Wenn sie unterwegs sind, zerkratzen sie die Kunststoffbahn 2. Wenn sie unten ankommen, spicken sie oft meterweit weg. (Das kann ins Auge gehen.) 2. Wenn sie erst mal im Gras liegen, sieht man sie kaum noch. (Viel Spass beim nächsten Rasenmähen, lieber Gärtner!) Dadadadada.
Wo ist, verdammt nochmals, die Mutter dieses Kindes? Sie muss das unterbinden. Und zwar jetzt. Dadadada. Sachschaden, Personenschaden. Dadadada. Wenn ich nur wüsste, wer da gerade nicht erzieht. Dadadadada.

Tja, und dann geht der Gaul mit mir durch, ich mache etwas Dummes: Ich stürme zur Rutsche, um den kleinen Steineschubser in den Senkel zu stellen. «Uufhöre! Kei Steinli abelaa!». Dass in einiger Entfernung eine Frau im Gras sitzt, nehme ich nur am Rande wahr. Das Dadadadada verstummt. Ich denke schon: Super, Scharmützel beendet.
Doch dann bricht der Krieg aus. Die Fremde ist, wie sich jetzt zeigt, die Mutter des Dreikäsehochs. Sie herrscht mich an, will wissen, was mir einfalle, ihr Kind zu massregeln, wo sie doch hier sei. Ich merke: Die Operation «Kieselstein» läuft mit ihrer Zustimmung ab. Meine Einwände (siehe Punkt 1 bis 3) prallen an ihr ab wie Wattebäusche an einer Stahltür. Es interessiert sie nicht, dass das hier ein Privatspielplatz ist. Und ihr Kind, das erzieht nur einer: sie selbst.
Ich stammle herum, Schlagfertigkeit, wo bist du? Zumindest in einem Punkt hat die Steinli-Mutter recht: Fremderziehung ist nicht besonders lässig. Ich will schon zu Kreuze kriechen, ihr sagen, dass es falsch war, mich direkt an das Kind zu wenden.
Doch ich komme nicht dazu. Sie putzt mich so ab, wie man Siebenjährige zum Schweigen bringt: «Ende der Diskussion!» Dann dreht sie mir den Rücken zu und ignoriert mich. Dadadadada.

Autor: Bettina Leinenbach