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11. April 2016

Emojis: Aus Alltag nicht mehr wegzudenken

Die kunterbunten Piktogramme prägen zunehmend unser Schreiben und unsere Beziehungen. Fünf Nutzer erklären, was sie Ihnen bedeuten. Was ist Ihr Lieblings-Emoji? Verraten Sie es auf Facebook.com/MigrosMagazin.

Man kann von ihnen halten, was man will. Sicher ist: Emojis, die kleinen Symbole, die man mittlerweile von jedem Smartphone aus verschicken kann, prägen unsere Kommunikation. Sie werden zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der ganzen Welt verschickt, über Twitter, Facebook, Instagram oder Whatsapp. Sie sind eine neue, universale Sprache. Allein das Herzsymbol wurde 2014 laut Global Language Monitor eine Milliarde Mal pro Tag verschickt. Rund 800 offizielle Emojis gibt es derzeit, Tendenz steigend.

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Dabei sind Emojis längst nicht mehr nur in der digitalen Welt anzutreffen: In Zürich wirbt eine Bar in ihrem Namen mit einem gelben Smiley, der die Augen rollt. In Amerika musste sich ein zwölfjähriges Mädchen vor Gericht verantworten, weil es auf Instagram die Symbole einer Bombe, eines Revolvers und eines Messers gepostet hatte. Ganze Bücher werden mit den Piktogrammen geschrieben, es gibt sie als Kuscheltiere oder Eiswürfel. Eine Künstlerin ernährte sich im Rahmen eines Tests eine Woche lang nur von Nahrungsmitteln, für die es Emojis gibt: Sie ass dabei viel Reis und Sushi. Denn in den Zeichen widerspiegelt sich noch heute die Heimat der Emojis.

Erfinder der kleinen Symbole ist der Japaner Shigetaka Kurita. Für den Mobilfunkanbieter Docomo kreierte er 1999 bunte Symbole. Weil die Bildschirme der ersten Mobiltelefone sehr klein waren, hatte Kurita die Idee, die Kommunikation damit einfacher und emotionaler zu gestalten. Da sie nicht als urheberrechtlich schützenswert angesehen wurden, kopierten andere Mobilfunk­anbieter ­die Symbole – und verhalfen ihnen so zu rascher Verbreitung.

Der Sprung von Japan in die Welt gelang den Emojis aber erst 2010. Seither verwaltet das weltweit tätige Unicode-Konsortium die Bildchen. Es garantiert eine einheitliche Kodierung und entscheidet laufend über die Aufnahme neuer Emojis. Jeder ist berechtigt, beim Gremium Vorschläge einzureichen; Gottheiten und Logos sind offiziell tabu, nach Möglichkeit wird das Gleichheitsprinzip angewendet. Im laufenden Jahr sollen um die 70 neue Emojis dazukommen. Bei der letzten Aktualisierung kam der Stinkefinger dazu – unter den Usern das meist­gewünschte Symbol.

Pistole in Kanada, Partyhut in Spanien
Emojis haben auch eine politische Strahlkraft: Über sie werden gesellschaftliche Regeln neu ausgehandelt. Apple und Google haben sich erfolgreich für Emojis in verschiedenen Hautfarben eingesetzt, Facebook hat erst kürzlich die Auswahl der «Gefällt mir»-Funktion auf sechs verschiedene Emotionen ausgeweitet.
Christina Siever vom Deutschen Seminar an der Universität Zürich forscht zum Thema Emojis. Sie räumt ein: «Die Bildzeichen sind vieldeutig. Das Emoji eines Schweinchens kann beispielsweise für das Tier, aber auch symbolisch für das Wort Glück stehen.» Das mache eine eindeutige Übersetzung reiner Emoji-Texte schwierig. «Emojis können die geschriebene Sprache nur bedingt ersetzen», folgert sie.

Auch kulturelle Unterschiede sind auszumachen: Über die Hälfte aller verschickten Emojis in Frankreich sind Herzen, die Kanadier verschicken Pistolen und Messer, die Australier bevorzugen Alkoholsymbole, die Spanier Partyhüte. «Der Gebrauch von Emojis ist an die gesellschaftlichen Konventionen eines Landes geknüpft», sagt Expertin Siever. Während etwa das Auberginen-Emoji in der Schweiz eher auf Einkaufslisten auftaucht, kommt es in Amerika als Phallussymbol zum Einsatz.

Emojis würden derzeit noch stark ergänzend verwendet, sagt Christina Siever. Sie sollen die Bedeutung des vorangehenden Satzes entweder verstärken oder abschwächen. So dient beispielsweise ein Zwinkersmiley dazu, dem Empfänger Ironie zu signalisieren, während das Herz Liebesworte verstärkt. Der Gebrauch dieser Symbole beschränkt sich heute noch stark auf den privaten Bereich. In der Arbeitswelt seien Emojis kaum anzutreffen.

Trotz aller Veränderung bleibt der Mensch bekanntlich ein Gewohnheitstier. «99 Prozent der verwendeten Emojis sind Smileys», so Siever. Sie sähen einem menschlichen Gesicht am ähnlichsten. Eine Studie des australischen Psychologen Owen Churches zeigt, dass der Mensch auf ein gezeichnetes Gesicht genauso reagiert wie auf ein echtes. Erhalten wir also einen lächelnden Smiley, ist es ein bisschen so, als würde uns jemand in echt anlächeln. Ausserdem gelangen Informationen aus Bildern schneller ins Gehirn als Worte.

Die Schweiz ist noch arm dran
Das beliebteste Emoji der Welt ist das, das Tränen lacht. Die Oxford Dictionaries wählten es 2015 sogar zum «Wort des Jahres» mit der Begründung, dass es sprachliche Barrieren überwinde. Tatsächlich belegen fröhliche Symbole wie der lächelnde oder küssende Smiley global Spitzenplätze – die Welt verschickt ­offenbar gern positive Nachrichten.

Frauen verwenden durchschnittlich doppelt so viele Emojis wie Männer. Studien zeigen aber auch: Nur weil die Zahl der Emojis steigt, werden nicht automatisch mehr Varianten verwendet – die meisten Emojis ­kommen kaum je zum Einsatz. Ein paar wenige wie das Herz zirkulieren dafür umso öfter.

Neben den vom Unicode-Konsortium auserkorenen Smileys bieten Stars und Sternchen mittlerweile eigene Symbole an. Kim Kardashians «Kimojis» beispielsweise sind für zwei Franken erhältlich. Zum Angebot zählt auch ein Emoji ihres Hinterteils. Den Fans gefällts: Mit 9000 Downloads pro Millisekunde legte Kims Allerwertester beim Launch 2015 kurzerhand den App-Store lahm.

Während Finnland inzwischen seine eigenen, landestypischen Symbole herausgebracht hat, lässt die Schweiz damit noch auf sich warten. Sie ist im internationalen Vergleich generell eher arm dran. So gibt es zur Emoji-Nutzung hierzulande noch immer keine Zahlen. Das will die Universität Zürich mit dem Projekt «What’s up, Switzerland?» nun ändern. Unter anderem wird sie sich dabei mit der sozialen ­Bedeutung der mobilen Kommunikation auseinandersetzen. Erste Ergebnisse sollen 2017 vorliegen. Man darf gespannt sein.

Flavio Kindler (19), Binningen BL, Student

«Der nachdenkende Smiley passt irgendwie zu allen möglichen Situationen. Ich leiste damit meinen Humorbeitrag, wenn meine Freunde und ich einander schreiben.

Auch das Daumensymbol benutze ich oft, um den Leuten mitzuteilen, dass etwas okay ist oder schon klappen wird. Oder den Smiley, der Tränen lacht: Er kommt zum Einsatz, wenn wir lustige Videos teilen. Vieles passiert routiniert, unbewusst. Wenn mich jemand fragt, wie es mir gehe, schicke ich automatisch den Lachsmiley, aus Höflichkeit.

An Emojis mag ich, dass man kurz und rasch etwas mitteilen oder die Konversation beenden kann, ohne dass das Gespräch in der Stille endet.

Meiner Freundin schicke ich oft ein Herz oder den Kusssmiley. Wir wollten mal zum Spass eine Woche lang auf alle Emojis verzichten; für Verstösse gab es Strafpunkte. Sie hatte am Ende der Woche mehr Punkte als ich und musste mich zum Essen einladen.»

Nora Zukker (29), Urdorf ZH, Autorin

«Ich bin ein theatralischer Mensch. Der Smiley, der den Mund weit aufreisst und schreit, entspricht meiner Persönlichkeit.

Ich verwende Emojis sehr spärlich und nur bei ausgewählten Menschen. Ich habe mich lange geweigert, sie überhaupt zu installieren. Wenn ich einen Mann kennenlerne, der ganze Sätze durch Emojis ersetzt, finde ich das eher unattraktiv und vermute, dass wir uns auch offline nicht viel zu sagen hätten.

Als Autorin habe ich einen gewissen Anspruch: Ich betrachte Emojis nicht als Ersatz für Sprache. Werden die Symbole aber bewusst eingesetzt, als stilistisches Element, finde ich das ziemlich gut.

Als ich erfuhr, dass ein Emoji zum Wort des Jahres gekürt wurde, war ich erst bestürzt. Dann aber realisierte ich: Dieses Visuelle, Unmittelbare gehört zu unserem heutigen Sprachgebrauch mit dazu. Klug eingesetzt, können Emojis faszinierend sein.»

Jolanda Isella (54), Morcote TI, Hausfrau

«Ich mag den Kuss­smiley sehr, weil er so viel Liebe und Fröhlichkeit ausstrahlt. Ich bin ein optimis­tischer, fröhlicher Mensch – wenn ich ­einen Smiley verschicke, transportiere ich auch eine Emotion.

Schicke ich einen küssenden Smiley, ist es, als würde ich die Person gerade küssen. Ich schicke ihn nur nahestehenden Menschen, die ich liebe oder sehr mag. Erhalte ich Nachrichten ohne Smileys, fehlt für mich irgendwas.

Natürlich ist da der Inhalt, aber irgendwie fehlt die Emotion. Mit Smileys wird jede Nach­richt sofort viel fröhlicher. Oder eben einfach emotionaler: Emojis unterstreichen den Inhalt einer SMS mit Gefühlen. In meinem Freundeskreis kursieren viele Smileys, aber auch andere Symbole wie die Flamencofrau, das Teufelchen oder das Gespenst.»

Sophia Gruissem (26), Lausanne, Studentin

«Ich liebe das rote Ballönchen – es erinnert mich an meine Kindheit: Manchmal habe ich das Helium eingeatmet und damit lustige Stimmen ­ nachgeahmt. Ballone sind so fröhlich und frei. Immer wenn ich einen Ballon sehe, weiss ich: Jetzt gibt es was zu feiern.

Ich benutze Emojis nach Lust und Laune, fand sie von Anfang an lustig. Damit kann ich auch die Zweideutigkeit in Sätzen abschwächen. Emojis helfen, sich besser zu verständigen.

Anhand der Symbole sehen meine Freunde, wie es mir geht. Ein Gefühl hat mehr Gewicht, wenn ich die Worte mit Emojis verbinde. Obwohl natürlich auch die Gefahr besteht, dass die Aussagen irgendwann bedeutungsleer werden. Wenn man beispielsweise zu Beginn einer Beziehung täglich Smileys mit Herz verschickt, verliert die Botschaft an Bedeutung. Man sollte Emojis nicht überstrapazieren.»

Leo Siegenthaler (13), Winterthur, Schüler

«Bei Whatsapp haben wir einen Klassenchat, darin schicken wir einander auch Witze. Darauf antworte ich immer mit dem Smiley, der Tränen lacht, um zu zeigen, dass ich den Witz lustig fand.

Ich besitze erst seit Kurzem ein Handy; vorher habe ich bei meiner Mutter gesehen, dass sie Emojis benutzt. Ich schicke mindestens bei jeder zweiten Nachricht einen Smiley mit, die anderen Symbole nutze ich nicht. Mit den Smileys ist es, als würde ich einen Gesichtsausdruck mitschicken. Was soll hingegen eine Fahne aussagen?

Meine Kollegen verwenden die gleichen Smileys wie ich. Es gibt Unterschiede zwischen Buben und Mädchen: Die Jungs senden eher Daumen, fragende oder lachende Smileys, die Mädchen eher Herzen und küssende Smileys.»

Autor: Anna Miller

Fotograf: Dan Cermak, Airbrush-Styling: Stephan Beutler