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17. Oktober 2011

Irgendwo zwischen Rock ’n’ Roll und Tradition

Das Emmental ist mehr als nur ländliches Idyll. Es ist auch die Heimat stiller Rebellen und geschäftstüchtiger Gesellen. Das Migros-Magazin hat einen Blick hinter die sieben Hügel geworfen.

Martin Hunziker, Prediger der Alttäufer-Gemeinde
Im 16. Jahrhundert wurden die Täufer als Ketzer und Rebellen verfolgt; auf der Dürsrüti oberhalb Langnau trafen sie sich. Heute predigt Martin Hunziker ihre Botschaft noch immer.

Wer Emmental hört, denkt an sanfte Hügel, saftige Wiesen, Käse, Kühe, wuchtige Bauernhäuser — und vielleicht noch an die Geschichten von Jeremias Gotthelf und die 50er-Jahre-Filme «Uli der Knecht» und «Die Käserei in der Vehfreude». Aber dieses Emmental «ist ein Gerücht», wie der Filmemacher und Journalist Bernhard Giger und Migros-Magazin-Kolumnist Bänz Friedli in ihrem Buch «Herz im Emmental» (Buch und Film «Herz im Emmental» ab 20. Oktober 2011) schreiben, «ein Mythos».

Im Emmental haben die Menschen ihren eigenen Kopf.

Entstanden aus der Sehnsucht nach Heimat. «Und wenn die Schweiz sich rückbesinnt, dann am liebsten aufs Emmental, auf weidende Kühe an stotzigen Borten, auf Chäs und Höger.» Das Migros-Magazin warf einen Blick hinter den Mythos. Wir lernten Menschen kennen, die im Emmental leben und arbeiten. Natürlich trafen wir dabei auf sanfte Hügel und Kühe, aber auch auf innovative Unternehmer, erfolgreiche Hardrocker und wurden mit Erinnerungen an den Heimarbeiterinnenaufstand aus den 40er-Jahren konfrontiert.

Das Emmental ist eine Gegend, die ihre Eigenheiten erst auf den zweiten Blick preisgibt, in der Menschen leben, die selbstbewust eigene Wege gehen. Eine Gegend, deren Bewohner den verfolgten Täufern im 16. Jahrhundert Unterschlupf geboten haben, in der SVP-Politiker abrupt zu einer neuen Partei, der BDP, übergelaufen sind, und in der junge Frauen zu schwingen begannen, als das eigentlich noch Männersache war.

«Man muss auch mal zufrieden sein im Leben»

Brigitte Kunz (27), Trubschachen, Schwingerkönigin und Haushaltshilfe, ledig

Brigitte Kunz, Schwingerkönigin und Haushaltshilfe
Schwingen sei nichts für Frauen, sagten ihr die Männer. Brigitte Kunz liess sich nicht beirren. Heute ist sie fünffache Schwingerkönigin.

Brigitte Kunz war zwölf Jahre alt, als sie zum ersten Mal mit ihrer älteren Schwester mitging und das Schwingen erlebte. Sie war sofort begeistert — und erwies sich als echtes Talent. «Ich habe früh immer wieder Kämpfe gewonnen, und das hat mich motiviert weiterzumachen.» Im September hat sie sich zum fünften Mal den Titel der Schwingerkönigin geholt. Kunz mag das Traditionelle und Familiäre bei den Schwingfesten und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen von der älteren Generation männlicher Schwinger, die findet, Schwingen sei nichts für Frauen. Als Rebellin sieht sie sich nicht, «aber es ist schon speziell», sagt sie.

Kunz arbeitet als Haushaltshilfe und lebt mit ihren Eltern auf einem kleinen Bauernhof in den steilen Hügeln bei Trubschachen. Dazu gehören Kartoffeläcker und Wiesen, ein halbes Dutzend Kühe und ein Pferd. «Aber der Hof ist viel zu klein, um davon zu leben, eigentlich ist es mehr ein Hobby. Mein Vater musste daneben immer noch andere Arbeit machen, damit wir durchgekommen sind.»

Bodenständig und einfach: die Emmentaler

Bodenständig und einfach sind die Leute im Emmental, findet Kunz, die sich dort sehr wohlfühlt und keine Pläne hegt, ihre Heimat in näherer Zukunft zu verlassen, auch wenn es woanders vielleicht bessere Jobs gäbe. «Meiner gefällt mir, und irgendwie muss man auch mal zufrieden sein im Leben.»

«In Zürich wurden wir auch schräg angeguckt»

Thom Blunier (43), Trub, Gründer und Gitarrist der Hardrock-Band Shakra, verheiratet

Thom Blunier, Gründer und Gitarrist der Hardrock-Band Shakra
Wer als Musiker berühmt werden will, zieht nach Zürich oder Basel. Thom Blunier blieb seiner Heimat treu – und hat Erfolg.

Der frühere Automechaniker Thom Blunier hat schon mit zwölf angefangen, Gitarre zu spielen, heute lebt er von seiner Band Shakra und ist fast jedes Wochenende auf Konzerttour. Blunier ist in Trub geboren, aufgewachsen und lebt noch immer dort. Mit seinen langen Haaren und seinem Sound war er bereits als Jugendlicher ein Exot im Emmental. «Ich war in meiner Klasse der einzige Junge, der nicht aus einer Bauernfamilie kam. Aber das alles war nie ein Problem, ich habe mich hier immer integriert gefühlt.» Im Tonstudio in Bärau entstehen alle Aufnahmen, der Proberaum ist in Bern, von wo inzwischen auch die Mehrheit der Bandmitglieder kommt.

Thom Blunier schätzt die Lebensqualität im Emmental. «Das wird einem aber erst bewusst, wenn man mal eine Weile woanders ist. Die Natur hier, der Luxus, ohne Stau zur Arbeit zu kommen, die gute Luft, kein Lärm — mit der Zeit wird das selbstverständlich.» Das konservative Image der Emmentalerinnen und Emmentaler will er nicht abstreiten, aber: «Ist es an anderen Orten so anders? In Zürich wurden wir mit unseren langen Haaren und der Rockerkluft auch schon schräg an- geguckt.» Allerdings stellt er eine gewisse Überalterung fest. Und diese habe Folgen: «In Trub gab es auch schon mehr Läden — viele sind zugegangen.»

Thom Blunier liebt den Süden und könnte sich durchaus vorstellen, mal aus dem Emmental wegzuziehen. «Ich glaube, ich hatte nur deshalb bisher nie das Bedürfnis, weil wir so oft touren.»

«Die Menschen hier sind beharrlich, behutsam»

Martin Hunziker (49), Langnau, Prediger der Alttäufer-Gemeinde in Langnau, verheiratet, vier Kinder

Martin Hunziker, Prediger der Alttäufer-Gemeinde in Langnau
Im 16. Jahrhundert wurden die Täufer als Ketzer und Rebellen verfolgt; auf der Dürsrüti oberhalb Langnau trafen sie sich. Heute predigt Martin Hunziker ihre Botschaft noch immer.

Martin Hunziker wohnt erst seit sieben Jahren im Emmental. Zuvor hat er in der Innerschweiz gelebt und als Lastwagenchauffeur und Teilzeitprediger einer Freikirche gearbeitet. Heute ist er Leiter der ältesten Täufergemeinde der Welt in Langnau. In der Schweiz gibt es 14 Täufergemeinden mit rund 2500 Mitgliedern, im Emmental sind es etwa 350.

Die Täufer galten im 16. Jahrhundert in den Anfängen der Reformation als Ketzer und Rebellen — sie lehnten die enge Verbindung von Kirche und Staat ab, waren kompromisslos pazifistisch und praktizierten die Erwachsenen- taufe. Deswegen wurden sie durch ganz Europa gejagt und ermordet. Im Emmental fan- den sie Zuflucht; zwar mussten sie sich auch dort vor den Täuferjägern verstecken, konnten sich aber halten, bis heute. Gottesdienste fanden oft unter freiem Himmel statt, auch auf der Dürsrüti, einem bewaldeten Hügel oberhalb von Langnau. «Die Täufer stellten Späher auf, um die Gemeinde notfalls warnen zu können», erzählt Hunziker.

Heute finden auf der Dürsrüti zwar keine Gottesdienste mehr statt, aber Hunziker hält sich immer wieder mal hier auf – nicht zuletzt wegen der Ruhe. «Das Emmental ist lieblich, weniger rau als die Innerschweiz», findet Hunziker. «Die Menschen hier sind beharrlich, behutsam, sie haben ein Geschichtsbewusstsein. Sie nehmen das Moderne wahr, aber öffnen sich nicht sofort. Es ist für sie nicht einfach, mit dem Tempo der heutigen Zeit klarzukommen.»

«Hier sind viele geniale Unternehmen geboren»

Hans Grunder (55), Rüegsauschachen, Unternehmer, Pferdezüchter und Präsident der BDP, verheiratet, fünf Kinder

Hans Grunder, Unternehmer, Pferdezüchter und Präsident der BDP
Als er mit der Politik der SVP nicht mehr einverstanden war, stieg Hans Grunder aus und gründete mit einigen Mitstreitern eine neue Partei.

Hans Grunder ist im Emmental geboren, aufgewachsen und hat dort erfolgreich sein Vermessungsbüro aufgebaut. Mit seiner Unternehmensgruppe hat er rund 130 Arbeitsplätze geschaffen, und auf seinen Weiden in und um Rüegsauschachen führen rund 70 Pferde ein glückliches Leben, bevor sie in alle Welt exportiert werden. Mit dem Rauswurf der Bündner SVP-Sektion aus der SVP im Nachgang der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat gaben auch viele Emmentaler SVP-ler ihren Austritt bekannt. Hans Grunder war einer von ihnen und wurde Präsident der neuen BDP.

Er schwärmt von der einmaligen Landschaft des Emmentals. Die Region sei zwar vergleichsweise arm, mache dies jedoch mit der hohen Lebensqualität wett. «Die Menschen hier sind bedächtig und vielleicht ein bisschen behäbig, aber es sind viele geniale Unternehmen hier geboren: Den Biskuithersteller Kambly kennt man in der ganzen Welt, auch die Drahtseilfabrik Jakob AG in Trubschachen und die PB Swiss Tools aus Wasen mit ihren Präzisionswerkzeugen sind international ausgerichtet. Das Emmental ist sehr innovativ.»

Auf der anderen Seite seien die Leute manchmal ein bisschen zu eigenbrötlerisch und «machen zu lange die Faust im Sack, bevor sie sich zusammentun und etwas unternehmen», sagt er. Grunder ist glücklich im Emmental, aber falls er sich etwas anderes aussuchen müsste, würde er gerne als Weinbauer und Pferdezüchter in Südafrika leben.

«Das Emmental hat etwas Mystisches»

Ida Heiniger-Frauchiger (79), Eriswil, ehemalige Wäscheschneiderin, verheiratet, ein erwachsenes Kind

Ida Heiniger-Frauchiger, ehemalige Wäscheschneiderin
Die Nachricht verbreitete sich in der ganzen Schweiz: 1943 lehnten sich die Emmentaler Heimarbeiterinnen gegen die lokalen Textilbarone auf. Ida Heiniger-Frauchiger war als Kind dabei.

Ida Heiniger ist die Toch ter einer jener Heimarbeiterinnen, die von den lokalen Textilbaronen jahrelang ausgebeutet wurden, bis sie sich 1943 dagegen auflehnten — und damit national Schlagzeilen machten. 10 Rappen pro Stunde bekamen sie bezahlt, und auch Ida Heiniger, damals noch ein Kind, arbeitete mit.

«Aber ich habe auch schöne Erinnerungen», erzählt die rüstige alte Dame, die noch heute mit ihrem gleichaltrigen Mann leidenschaftlich gerne über die Hügel des Emmentals wandert. Die Lüderenalp mit ihrer prächtigen Aussicht hat es ihr besonders angetan. «Immer sonntags waren wir auf den Höhen, in den Wäldern unterwegs. Mein Vater zeigte mir alle Pflanzen und erzählte mir Sagen und Geschichten. Ich erfuhr, wo der Samichlaus wohnt und der Osterhase die Eier kocht.»

Das Emmental bedeutet Heimat für Heiniger, die im Unteren Emmental, in Eriswil, lebt. Sie kennt jeden Hügel. «Das Emmental hat etwas Mystisches. Sagen von Zwergen und Feen wer- den lebendig.» Die Menschen seien reserviert; wenn etwas Neues komme, warte man lieber erst mal ab. In den vielen Tälern und auf den einsamen Höfen fehle vielleicht manchmal der Horizont. «Man ist hier trotzdem interessiert, was in der Welt passiert.» Und wer einmal das Vertrauen der Leute gewonnen habe, könne von ihnen alles haben. «Gerade die Bauern haben ein hartes Leben, aber verglichen mit früher leben wir hier heute im Paradies.»

Fotograf: Paolo Dutto