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29. März 2016

Elterntipps für mehrsprachig aufwachsende Kinder

Dürfen auch Eltern die Sprachen «mischen», wie oft und streng sollen sie korrigieren, und woran Fortschritte messen? Sechs Überlegungen mit ein paar Regeln. Rechts das Porträt einer mehrsprachigen Familie («Wenn jeder eine andere Sprache spricht») und was der Sprachwissenschaftler dazu meint.

Damit das Kind nicht im Regen steht
Ein paar Überlegungen helfen, damit Kinder in mehrsprachigen Familien nicht im Regen stehen ... (Bild Keystone)

1. Die Sprache leben
Damit ein Kind tatsächlich profitiert, reicht es nicht, wenn ein Elternteil quasi eine oder zwei Schulstunden pro Woche mit dem Nachwuchs in seiner Sprache abhält. Sie oder er muss konsequent im Alltag in ihrer/seiner Muttersprache mit dem Kind reden: beim Kochen, Einkaufen, Spielen usw. Nur dieses 'Eintauchen' (Immersion) ermöglicht bei kleineren Kindern, die nicht mit Systematik an den Sprachaufbau herangehen, grössere Fortschritte.

2. Mit Personen verknüpfen
Genauso wichtig wie das konsequente Anwenden im Alltag ist das Zuordnen von einer Sprache zu einem Elternteil. Mutter und Vater reden mit den Kindern in ihrer Muttersprache, abgesehen von ein paar Situationen, in denen sie sich vielleicht nicht auf Anhieb verständigen konnten. Zum einen wegen der Kompetenz: Das Kind lernt von jenen, die die Sprache wirklich beherrschen. Zum andern wegen der Motivation: weil das Kind so automatisch die Sprache anwendet, wenn es sich mit dem jeweiligen Elternteil austauschen will.

3. (Ausbleibende) Fortschritte nicht persönlich nehmen
Auch wenn das Kind in zwei Sprachen lebt, heisst das nicht, dass es bei der Aneignung der Sprache stets hübsch parallel voranschreitet. Man kann kein perfektes Gleichgewicht erwarten, und vor allem sollte man allfällige Rückstände in der eigenen Sprache nicht persönlich nehmen.
Vielleicht hatte das Kind gerade etwas mehr Gelegenheit, die andere Sprache zu üben (speziell wenn die schneller entwickelte Sprache auch noch die von Schule und Freunden ist), oder erlebte darin zuletzt prägendere Erlebnisse. Das wendet sich in einer späteren Phase oft wieder. Eine parallele Sprachentwicklung wäre fast unnatürlich, Fortschritte stellen sich in der Regel schubweise ein.

4. Zurückhaltung bei Erfolgsbilanzen
Was für den Vergleich von Mutter- und Vatersprache gilt, gilt noch verstärkt für automatisch angestellte Vergleiche mit anderen Kindern. Mehrsprachigkeit heisst nicht, dass Ihr Kind besser oder gleich gut ist wie ein anderes Kind, das auch mehrsprachig (mit einer identischen Sprache) aufwächst, geschweige denn wie eines, dessen unangefochtene Muttersprache einer der zwei geläufigen Sprachen Ihres Kindes entspricht. Es kommt hier nur zum Teil auf die Begabung des Nachwuchses an, daneben auch auf die Breite von Wortschatz und das Sprachgefühl der Eltern, das weitere Umfeld oder die Qualität des Sprachunterrichts in der Schule bei nicht mehr ganz kleinen Kindern.

Ganz wichtig: Wenn Sie schon von Zeit zu Zeit Bestandesaufnahmen machen, achten Sie darauf, mündliche und schriftliche Kompetenzen zu trennen. Das Schriftliche kommt in der Regel später hinzu, wenn man im Schulstoff auch mit der analytischen Herangehensweise der Grammatik, Syntax und eben schlicht der Orthografie (Rechtschreibung) arbeitet. Mehrsprachige Kinder weisen beim Schreiben nicht selten in frühen Phasen des Spracherwerbs keinen Vorsprung gegenüber Kindern ohne breite Familienerfahrung in der jeweiligen Sprache auf.
Hingegen lohnt sich Mehrsprachigkeit zu Hause mittel- und langfristig generell für die geistige Entwicklung, ein breiteres Sprachverständnis und wachsende Ausdrucksmöglichkeiten durchwegs.

5. Weder stets korrigieren noch «radebrechen»
Eine weitere wichtige Frage stellt sich im Alltag mit dem Kind: Welche Haltung nimmt man ein, wenn das Kind spielerisch Sprachen mischt, Kauderwelsch mit etlichen kreativen (sprich: falschen) Begriffen oder Satzteilen produziert? Wichtigste Regel, weil Sie ja nicht primär Schule geben zu Hause: Stellen Sie nicht jeden Fehler gleich richtig, speziell wenn das beim jüngeren Nachwuchs gleich mehrere in einer Aussage sind. Sonst entmutigen Sie das Kind in seinem Elan. Den jeweils markantesten und speziell die wiederkehrenden Fehler können Sie aber schon berichtigen. Ohne Tadel oder grosse Erklärung, einfach indem Sie die zentrale Aussage mit der Korrektur wiederholen. Zu den häufigsten Fehlern von Mehrsprachigen im Deutschen gehören (anfangs) das Geschlecht («die Auto») oder Präpositionen (falsche oder fehlende).

Ein spezielles Thema sind die Sprünge von einer gesprochenen Sprache zur andern, das Einsetzen einzelner Begriffe in sprachlich fremden Kontext. Tolerieren Sie es einfach, öfters entsteht beim Kind daraus produktiv ein neuer Zugang, ein neues Verständnis. Es schärft damit nicht selten auch den Sinn für Sprachunterschiede. Allerdings sollten Sie selbst bei Ihrer Sprache bleiben, nicht (häufig) mit mischen oder sonstwie allzu kreativ radebrechen. Auch hier können Sie von Zeit zu Zeit einen Begriff in Ihrer Sprache einflechten, den Tochter/Sohn nicht kannten.

6. Schule, Kollegen und Freunde berücksichtigen
So spielerisch und alltäglich das Eintauchen in eine Sprache funktioniert, Kinder können in einzelnen Entwicklungsphasen stark gefordert, fast überfordert sein mit mehreren Sprachen (neben der Schule). Speziell tritt das auf, wenn keine der beiden Elternsprachen zugleich der lokalen Schul- und Konversationssprache entspricht. Leidet die (erste) Schulsprache unter dem Engagement für mehrsprachiges Aufwachsen, heisst es auch einmal eine Elternsprache für die am Wohnort dominante Sprache zurückzustellen: Letztere hat Priorität vor der zweiten Elternsprache! Grosse Probleme in der Schule oder mangelnder Anschluss im Freundeskreis sind auf Dauer ein zu hoher Preis für Drei- (oder Zwei-)sprachigkeit. Sind Sie nicht sicher, ob das Kind in einer Phase durch mehrere parallel gesprochene Sprachen überfordert sein könnte, empfiehlt sich neben Beobachtung im Alltag zuerst das Gespräch mit den Lehrkräften an der Schule.

ALLGEMEINE ANREGUNGEN

A. Gehen Sie gelassen und ohne Druck vor. Alltägliche Fortschritte können nicht erzwungen werden.

B. Es lohnt sich nur, wenn die von Mutter und Vater gesprochenen Sprachen wirklich deren Mutter- (und keine Zweit-)sprachen sind.

C. Sorgen Sie mit zunehmendem Alter möglichst für weitere Bezugspersonen des Kindes in der von Ihnen mit dem Nachwuchs gesprochenen Sprache.

D. Sparen Sie nicht mit Lob bei treffenden Aussagen und Ausdrücken, wenn das Kind etwas Neues herausgefunden hat.

EIGENE ERFAHRUNGEN?
Erziehen Sie Kinder mehrsprachig oder sind Sie selbst so aufgewachsen? Verraten Sie uns Ihre Erfahrungen oder Tipps!

Autor: Reto Meisser