Archiv
12. August 2013

Elternsein in der Schweiz und in Schweden: Ein Vergleich

Die staatlichen Leistungen sind in Schweden hoch, die Steuern aber auch. Und während die familienexterne Kinderbetreuung hierzulande immer noch gegen das Image einer Aufbewahrungsanstalt kämpft, ist man sich in Schweden einig, dass die Kinder dort mindestens so gut aufgehoben sind wie zu Hause.

Spielende Kinder mit einem Erwachsenen
Die spielenden Kinder mit einem Erwachsenen in der Stella-Nova-Vorschule bei Stockholm.

DIE BEVÖLKERUNG

Schweiz: Die Schweiz zählt 8 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 41’000 Quadratkilometern. 23 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer.

Schweden: Schweden zählt 9,5 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 450’000 Quadratkilometern. Der Ausländeranteil beträgt etwa 19 Prozent.
MÜTTER UND VÄTER

Schweiz: Schweizerinnen bekommen im Durchschnitt 1,52 Kinder. 37,5% der Mütter mit Kindern bis zum Alter von 15 Jahren arbeiten weniger als 50% – davon gut 7% überhaupt nicht oder unter 20%; nur 19,5% arbeiten 90% oder mehr. Der minimale Mutterschaftsurlaub beträgt 14 Wochen. Vaterschaftsurlaub schreibt das Gesetz nicht vor.

Schweden: Die Kinderquote liegt bei 1,98. 81 Prozent der schwedischen Mütter (mit Kindern bis 16 Jahren) sind erwerbstätig, 77 Prozent Vollzeit. Der Elternurlaub heisst Elternversicherung. Letztere beträgt 480 Tage, die bis zum achten Lebensjahr des Kindes bezogen werden können. Je zweieinhalb Monate müssen der Vater respektive die Mutter beziehen, den Rest können sie frei unter sich aufteilen.
URSPRÜNGE DER KINDERBETREUUNG

Schweiz: Kinderbetreuungsangebote wurden anfänglich in privater Initiative – vorwiegend von den Frauenvereinen – für Mütter geschaffen, die aus finanziellen Gründen arbeiten mussten. Die Angebote sind heute zu 90 Prozent privat organisiert und werden grösstenteils durch Elternbeiträge finanziert. Da die Schweiz ein Zuwanderungsland ist, war die Wirtschaft nicht auf weibliche Arbeitskräfte angewiesen.

Installationen und Möbel sind aufs Vorschulalter abgestimmt
Der Teufel liegt im Detail: In diesem WC sind die Installationen und Möbel hübsch aufs Vorschulalter abgestimmt.

Schweden: In den 60er-Jahren brauchte Schweden dringend Arbeitskräfte für die florierende Wirtschaft, doch es gab kaum Zuwanderung. Man zögerte, die Frauen in den Arbeitsmarkt zu holen, weil man befürchtete, sie würden dann keine Babys mehr bekommen. Es wurde ein Betreuungsangebot geschaffen, das so gut war, dass die Eltern ihre Kinder gern dorthin gaben. Heute noch ist der schwedische Arbeitsmarkt auf Frauen angewiesen. Über 80 Prozent der schwedischen Kinder zwischen einem und fünf Jahren besuchen eine Vorschule.
KOSTEN

Schweiz: Die Krippen und Horte werden zu etwa 80 Prozent durch Elternbeiträge finanziert. Die Kosten variieren stark von Kanton zu Kanton und sind zum Teil durch die Gemeinden subventioniert. Private Krippen kosten nicht selten 100 Franken und mehr pro Tag und Kind. Niemand zahlt mehr als 50 Prozent Steuern auf sein Einkommen.

Schweden: Die Vorschule ist für Durchschnittsverdiener gratis. Die Kommunen können eine Höchstbeteiligung durch die Eltern festlegen, die aber nicht mehr als 138 Euro pro Monat beträgt – für einen ganztägigen Platz in der Vorschule an fünf Tagen pro Woche. Dafür sind die Steuern hoch: Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von ca. 2000 Euro 20 Prozent. Bei Einkommen über 5000 Euro betragen die Steuern 50 Prozent und mehr. Über die Höhe der Steuern wird zurzeit in Schweden rege diskutiert, die Finanzierung der Kinderbetreuung bleibt praktisch unumstritten.
ANSPRUCH AUF BETREUUNGSPLÄTZE

Schweiz: Ein gesetzlicher Anspruch auf eine familienexterne Kinderbetreuung existiert nicht. Die Wartelisten sind zum Teil lang, besonders für Kinder unter 18 Monaten.

Schweden: Die Kommunen (Gemeinden) müssen für jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr einen Platz in der Vorschule anbieten, und zwar spätestens vier Monate nach der Anmeldung. Die Eltern können die Vorschulen ihres Wunsches angeben, haben jedoch keine Garantie auf einen Platz in der gewünschten Institution.
ELTERLICHE MITSPRACHE

Schweiz: Die Krippen- und Hortreglemente werden durch die Institutionen erstellt und sehen eine Zusammenarbeit mit den Eltern vor, ein Mitspracherecht gibt es nicht. Bei Regelverstössen können Kinder vom Betreuungsangebot ausgeschlossen werden.

Schweden: Eltern haben ein ausgeprägtes Mitspracherecht, wenn es um das Reglement der Vorschule geht. Zum Teil dürfen sie an Personalrekrutierungsgesprächen teilnehmen, die Finanzen der Vorschule einsehen und Projekte mitgestalten. Gespräche zwischen Eltern und Pädagogen sind regelmässig eingeplant.
LEHRPLAN

Schweiz: Einen Lehrplan gibt es in der Schweiz erst ab dem Kindergarten. Der Kindergarten ist in 17 Kantonen obligatorisch, wobei fast alle Kantone mindestens ein Jahr Kindergarten anbieten müssen. In einigen Kantonen füllen die Kindergärtler sogenannte Beobachtungsbögen über die Kindergärtner aus. Noten werden zum Teil ab der ersten, zum Teil ab der vierten Klasse verteilt.

Schweden: In Schweden gelten Lehrpläne für alle Vorschulen, also für alle Kinder ab einem Jahr. Sie sind altersgerecht abgestuft und definieren Werte, die den Kindern vermittelt werden sollen, und Erfahrungen, die man ihnen ermöglichen soll. Die Entwicklung jedes Kindes wird schriftlich festgehalten.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Yvette Hettinger