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24. Juni 2013

Elterliche Fürsorge: Ruhig Blut, alles gut!

Viele Eltern machen sich permanent Sorgen um ihre Kinder. Was hinter dieser Angst steckt und wie man sie in den Griff bekommt.

Junge, der auf einen Baum klettert
Auch wenn es gefährlich aussieht: Zu viel elterliche Fürsorge schadet Kindern. (Bild: Getty Images/Vyacheslav Osokin)

Kleinkinder ein paar Stunden der Grossmutter anzuvertrauen. Grundschüler alleine durchs Quartier stromern lassen. Teenager mit ihren Freunden den Ausgang erlauben. Für manche Eltern sind diese Situationen eine Horrorvorstellung. Sie sind ständig in Angst und Sorge um ihre Kinder, würden sie am liebsten nie aus den Augen lassen und rund um die Uhr kontrollieren. Überbehütende Mütter und Väter sind ein Phänomen unserer Zeit. Familientherapeuten und Entwicklungspsychologen sprechen von Helikoptereltern — in Anlehnung an Polizeihelikopter, die ständig über verdächtigen Kriminellen kreisen und diese so auf Schritt und Tritt überwachen und notfalls augenblicklich eingreifen können.

WOVOR SICH ELTERN FÜRCHTEN
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Über die Gründe, warum immer mehr Eltern Probleme mit dem Loslassen haben, sind sich die Experten uneins. Manche betrachten die Überbehütung als ein Wohlstandsproblem. Früher hätten viele Eltern schlicht keine Zeit gehabt, ihre Kinder ständig zu überwachen. Andere sehen die sinkende Geburtenrate sowie die späte Elternschaft als Ursache. Habe sich früher die elterliche Fürsorge oft auf ein halbes Dutzend Kinder verteilt, sind es heute meist bloss zwei Kinder, deren Erziehung oberste Priorität hat.

Vertrauen stärkt auch die Selbstverantwortung der Kinder

«Eltern sollten sich ihren Kindern zuliebe mit ihren Ängsten auseinandersetzen», rät Corina Vuksic (35) vom Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung in Zürich. «Helikoptereltern wollen ihren Kindern alles Leid und allen Schmerz ersparen, damit nehmen sie ihnen aber auch die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen und an Herausforderungen zu wachsen», erklärt die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Eltern müssten lernen, Gefahren und Risiken realistisch einzuschätzen. Sie sollten ihre Kinder unterstützen, mutig zu sein und Selbstvertrauen aufzubauen. «Kinder haben feine Sensoren: Sie spüren die Furcht der Eltern, können dadurch verunsichert werden und so selber zu übertriebener Angst tendieren», sagt Corina Vuksic.

Um die eigenen Ängste in den Griff zu kriegen, rät sie, sich gemeinsam mit dem Nachwuchs möglichen Gefahren zu nähern, etwa dem Kletterbaum auf dem Spielplatz. So können Eltern erleben, wie ihr Kind mit Risiken umgeht und wie es gefährliche Situationen meistert. Das stärke einerseits das Vertrauen der Erwachsenen, aber auch die Selbstverantwortung des Kindes. Nicht immer funktioniert dieses Prinzip. Jugendliche wollen zum Beispiel sicher nicht von Mami oder Papi in die Disco begleitet werden. Aber vielleicht entspannt es die Eltern, wenn sie wissen, mit wem ihr Kind unterwegs ist — also tun sie gut daran, die Türen für die Freunde ihres Teenagers offen zu halten.

Autor: Andrea Freiermuth