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13. April 2015

Ein Zimmer voller NHL-Hoffnungen

Dominik Diem und Roger Karrer spielten an der WM in Zug und Luzern für das U18-Eishockey-Nationalteam. Zu zweit meistern sie den Trainingsalltag – und träumen von einer Zukunft in Nordamerika. Oben gestehen sie, was sie am Zimmerkollegen mögen und was nervt. Im Nachtrag (unten): Beide fielen nach gegnerischen Fouls verletzt aus. Zwei Zuschauer mit dem Arm in der Schlinge...

«Unfähig!», neckt Roger Karrer Kollege Dominik Diem beim Armdrücken auf dem Hotelbett, ohne dabei die Miene zu verziehen. Doch nicht immer ist es der Verteidiger aus Wallisellen ZH, der im Duell der Zürcher Zimmergemeinschaft im Trainingslager der Nationalmannschaft auf der Lenzerheide obenaus schwingt. In der anschliessenden Kissenschlacht punktet der praktisch gleich grosse Angreifer Diem mit einer Spur Skrupellosigkeit: Er nimmt konsequent Karrers Kopf ins Visier.

Stürmer Dominik Diem (rechts) pariert den Angriff von Verteidiger Roger Karrer
Rollentausch bei der Kissenschlacht: U18-Stürmer Dominik Diem (rechts) pariert den Angriff von Verteidiger Roger Karrer.

Die beiden ziehen sich ungeniert auf, weil sie sich gut verstehen. Und weil sie auch neben dem Aufgebot für die Weltmeisterschaften der Unter-18-Jährigen einiges gemeinsam haben. Ende Januar wurden sie innert vierer Tage 18 Jahre alt. Sie wohnen beide noch bei den Eltern und spielten die abgelaufene Saison auch im gleichen Klub – bei den Grasshoppers (GCK Lions) in der zweithöchsten Schweizer Liga mit den Erwachsenen. Davor errangen sie gemeinsam Juniorentitel bei den GCK und den ZSC Lions. Zudem feierten beide am 4. Januar ­Premiere beim NLA-Klub Zürcher SC – sogar mit einem Kurzeinsatz im Überzahlspiel.

Plapperi und Morgenmuffel
Die beiden Zimmergenossen, die wegen des Einsatzes im Nationalteam rund fünf Wochen im Jahr nicht zu Hause verbringen, schätzen sehr, dass sie zusammen so viel Spass haben. Wobei natürlich jeder im anderen denjenigen sieht, der «mehr Seich macht». Und wenn sie nicht gerade ihre Lausbubenseite ausleben, telefonieren die beiden oft mit Verwandten und Bekannten – auch das stärkt den Zusammenhalt der beiden. Dass der Inhalt der Gespräche das Zimmer nicht verlässt, ist Ehrensache.

Das wäre ohnehin schwer, verbringen sie doch viel Freizeit mit weiteren Freunden aus der ZSC-/GCK-Organisation. Oft tummeln sich vier oder fünf Jungs im selben, mehrheitlich aufgeräumten Zimmer – etwa der im Playoff-Final beim ZSC engagierte Jonas Siegenthaler, der an der U18-WM zum Schlüsselspieler werden könnte. Lieber, als zusammen zu gamen, gehen die beiden gemeinsam nach Zürich. Der Ausgang fehlt Karrer und Diem an einem Wochenende in Lenzerheide GR denn auch fast am meisten. Ein paar Tage Kurzferien im Tessin verbrachten sie auch schon im «Kernteam», nach Saisonende ist gar ein Auslandtrip geplant. Natürlich lernt man auch die gegenseitigen Marotten kennen, wenn man so viel zusammen ist: Diem verrät, sein Zimmernachbar gebe abends «ewig keine Ruhe». Umgekehrt lässt Karrer durchblicken, gelegentlich nerve ihn Morgenmuffel Diem.

Der Traum von der NHL
Die beiden sind schon lange zusammen unterwegs: Als sie 2010 im gleichen Team eines wichtigen Sichtungs-Juniorenturniers landeten, besuchten sie bereits seit Monaten dieselbe Sportklasse an der Kantonsschule Oerlikon. Der Walliseller Karrer spielte damals noch für den EHC Dübendorf, der Schwerzenbacher Diem bereits bei den Unter-15-Jährigen der GCK Lions. Dann haben sich ihre schulischen Wege getrennt: Diem absolviert zurzeit die letzten zwei Jahre am Sportgymnasium Rämibühl in Zürich, Karrer besucht die United School of Sports in Zürich und macht ein Praktikum bei der Neopost AG. In stressigen Zeiten, Ende Saison etwa, ist Karrer froh um das Verständnis des Arbeitgebers, der es ihm ermöglicht, die Präsenzzeit auf ein eishockey­verträgliches Mass zu reduzieren. Kollege Diem kämpft in solchen Phasen dafür, trotz längerer Absenzen mit dem Lernstoff nicht zu stark in Rückstand zu geraten.

Vorrang hat bei beiden derzeit aber klar der Sport. Beim ZSC, in der vielleicht besten Hockeyorganisation für Talente, stehen sie vor dem Durchbruch auf der höchsten Ebene. Und die anstehende Junioren-WM der bis 18-Jährigen bietet das erste grosse Schaufenster für eine internationale Karriere: In der Innerschweiz werden ab 16. April zahlreiche Späher der grossen Klubs in der nordamerikanischen Profiliga NHL auf der Tribüne erwartet. Wenige Wochen nach dem Turnier stehen die nächsten Drafts an, bei denen NHL-Klubs ihre gewünschten Jungstars auswählen.

Diem und Karrer: Im Gleichschritt
Diem und Karrer: Im Gleichschritt zur Junioren-WM in Zug und Luzern.

Die NHL ist zwar (noch) nicht Ziel, aber doch klar der Traum der beiden. Am liebsten ein Klub «an der Wärme, zum Beispiel Los Angeles», meint Karrer, der sich nur ungern von seiner Mütze der Ottawa Senators trennt. Diem könnte damit auch leben. Wenn man schon beim Wunschkonzert ist: Gleich zu zweit oder zu dritt aus der ZSC-/GCK-Organisation am selben Ort einen Vertrag zu ergattern, das wärs! Und nach der Eishockeykarriere? Im Halbernst planen die beiden eine eigene Firma im Immobilienbereich: Karrer eher als einer, der auf dem Bau organisiert und mitanpackt, Diem als Kopf und Planer.

Antreiber und Spielmacher
Ähnlich gut wie im Zimmer und Ausgang ergänzen sich die beiden knapp über 1,80 Meter grossen Talente auf dem Eis. Für U18-­Nationalcoach Manuele Celio gehören sie zu den Teamstützen. Vor allem Verteidiger Karrer könne «das Team mitführen». Er sei ein spielstarker Typ mit gutem Auge für die Angriffsauslösung, Zimmerkollege Diem bezeichnet ihn gar als «Aggressivleader».

Laut Celio arbeite Karrer seit zwei Saisons noch härter an sich und falle auch sonst durch Ehrgeiz und Lockerheit auf. Diem wiederum brilliere als Center oder linker Flügel mit äusserst seltenen läuferischen und stocktechnischen Fähigkeiten, als Skorer und vor allem durch seine Übersicht. Noch zulegen könne er hingegen körperlich. und in der Hartnäckigkeit, Zweikämpfe zu suchen. Vielleicht hilft der ­Punktsieg bei der Kissen­schlacht dabei weiter. 

NACHTRAG

Zwei einarmige Zuschauer

Nach Spiel zwei und Spiel vier an Schulter und Schlüsselbein verletzt: Roger Karrer und Dominik Diem
Nach Spiel zwei und Spiel vier an Schulter (und Schlüsselbein) verletzt: Roger Karrer und Dominik Diem vor der Zuger Bossard Arena. / Bild: zVg

Den beiden porträtierten Spieler brachte die U18-WM kein Glück. Ihr persönlicher Medaillentraum scheiterte nicht erst im Herzschlag-Halbfinal gegen Finnland (4:5 nach Verlängerung) oder dem Spiel um Platz 3 gegen Kanada (2:5), sondern früher:
Roger Karrer bekam nach einem nach Wunsch verlaufenen Startspiel im zweiten Match einen Blind-Side-Check eines Kanadiers ab. Fazit: Schlüsselbeinbruch, Operation, mindestens drei Monate verletzt. Der Kanadier erhielt keine Strafe.
Dominik Diem traf das Schicksal, besser: ebenfalls ein Foul, «erst» zwei Spiele später. Schulter ausgekugelt, die Ärzte klären nun ab, ob auch hier eine Operation nötig ist – mit ebenfalls mindestens drei Monaten Pause.

Gute Besserung!

Autor: Reto Meisser