Archiv
27. April 2015

Eishockey-Coach Hanlon vor der WM

Glen Hanlon trainiert die Eishockey-Nati und tritt mit seinem Team im Mai an der Weltmeisterschaft in Tschechien an. Im Interview erzählt der Kanadier, warum dank dem Internet jeder Weltmeister werden kann und was ihn mit Schweizer Fans verbindet.

Eishockey-Nationaltrainer Glen Hanlon ...

Glen Hanlon, Sie sind seit knapp einem Jahr Trainer der Eishockeynationalmannschaft. Wie steht es um Ihre Sprachkenntnisse?

Ich habe einen Deutschkurs in der Migros-Klubschule gemacht. Ausserdem versuche ich, täglich eine Stunde Zeitungen und E-Mails auf Deutsch zu lesen. Aber zu Hause und mit meinen Spielern rede ich Englisch. Da macht man kaum grosse Fortschritte.

Wie wohl fühlen Sie sich in der Schweiz?

Die Schweiz hat viele Ähnlichkeiten mit meinem Heimatland Kanada. Zudem leben in meinem Wohnort Zug viele Expats, die Englisch reden. Das erleichtert vieles.

Wohnen Sie deshalb in Zug?

Nein, daran ist mein Vorgänger Sean Simpson schuld (lacht). Wir verstehen uns gut, und er hat mir Zug empfohlen. Dank der zentralen Lage fahre ich zu jedem Eishockeystadion in weniger als drei Stunden. Zudem gibt es dort eine gute internationale Schule mit Skiteam. Mein Sohn Jackson wollte das unbedingt.

Was lernten Sie bereits über unsere Kultur?

Dass es für Schweizerinnen und Schweizer ein Bedürfnis ist zu wissen, was andere über sie denken. Das beweisen Sie mit dieser Frage erneut (lacht). Ausserdem ist es ein gut organisiertes, sauberes und ernsthaftes Land, das durch seine Vielfalt geprägt ist.

Zuvor arbeiteten Sie in Weissrussland und der Slowakei – ohne Familie. Jetzt haben Sie sie dabei. Macht das den Job schwieriger?

Es macht den Job einfacher, aber das Leben schwieriger. Ich musste mir beispielsweise keine Sorgen um die Hausaufgaben meines Sohns machen und nicht im Haushalt mithelfen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kümmere mich gern darum. Aber es ist nicht immer einfach, weil es aufwendig ist.

Vermutlich schauen Sie weniger Eishockeyspiele als zuvor, allein im Hotelzimmer …

Nein, eigentlich sehe ich sogar mehr. In Weissrussland konnte ich, anders als hier, nicht jedes Spiel auf den Computer runterladen und mir jede wichtige Szene mehrfach ansehen. Die technischen Voraussetzungen hier in der Schweiz sind hervorragend.

Lohnt es sich noch, ins Stadion zu fahren, wenn Sie jedes Spiel so schauen können?

Nichts ersetzt den Stadionbesuch! Live sehe ich viel besser, wie sich die Spieler verhalten, die nicht in der Nähe des Pucks sind. Das ist genauso wichtig wie ein Pass oder Torschuss.

Welcher Schweizer Spieler beeindruckt Sie?

Sie werden verstehen, dass ich Ihnen keinen Namen nenne. Sonst denkt sein Konkurrent: «Geh doch zum Teufel!».

Anders gefragt: Welchen Spielertyp oder charakter mögen Sie?

Leidenschaft ist das wichtigste – ich muss sie bei Gesprächen mit den Spielern in ihren Augen lodern sehen. Ich nenne es das «Internal Fuel». Nehmen Sie Denis Hollenstein von Kloten. In der Relegation spielte er, als hinge sein Leben davon ab. Oder Andres Ambühl: Würde ich ihn anrufen und sein Auto wäre kaputt, er würde zur Nationalmannschaft laufen. Diesen Einsatzwillen fordere ich.

Diesen Willen bringen wir zwei auch mit. Sind wir beim nächsten Spiel dabei?

(lacht) Es braucht schon noch mehr. Gutes Skating (Schlittschuhlaufen, Anm. d. Red.) ist enorm wichtig, sonst kommt kein gutes Spiel zustande. Ausserdem müssen die Spieler ein hohes Spielverständnis mitbringen und auf dem Eis die richtigen Entscheidungen treffen.

Was sagt der Trainer zum Spieler Hanlon?

Ich war kein besonders guter Hockeyspieler. Aber ich überlebte 14 Jahre in der NHL (Nordamerikanische Profiliga, Anm. d. Red.), weil ich immer alles gab, ein guter Teamkollege war und voller Leidenschaft Eishockey spielte. Wenn ich ausser meiner Familie etwas liebe, dann ist es Hockey – und das Fischen und ein kühles Bier.

Ich bin nicht anders als die Menschen, die jedes Wochenende mit mir im Stadion sind.

Sie klingen wie ein Fan.

Das stimmt. Ich bin nicht anders als die Menschen, die jedes Wochenende mit mir im Stadion sind. Ich kaufe einen Hotdog, schaue mir das Spiel an und hoffe, dass der Senf nicht auf mein Hemd tropft (lacht).

Sie können sich zu Hause aber nicht ins Bett legen, sondern müssen das Spiel analysieren.

Richtig, aber das ist nicht das wichtigste in meinem Job.

Was dann, ein Spielsystem zu entwickeln?

Nein, das kann jeder. Auch Sie.

Sicher? Wie?

Im Internet gibts Spielsysteme zum Herunterladen. Dort kann jeder nachlesen, wie man clever verteidigt und gefährlich angreift.

Was zeichnet dann einen guten Trainer aus?

Er entwickelt ein Gefühl für Menschen und kann sie in jeder Situation dazu motivieren, ihr Bestes zu geben. Als Coach der Nationalmannschaft ist das eine besondere Herausforderung, weil die Spieler nur ein paar Tage zusammen sind und anschliessend zu ihren Vereinen zurückkehren.

Wie gehen Sie damit um?

Ich sehe mich ein bisschen wie ein Grossvater, der seine Enkel fürs Wochenende bei sich hat und sie wieder zu den Eltern zurückschickt. Wie jeder Opa nutze ich die Zeit, um ihnen zu sagen, dass sie die grössten, besten, schönsten Grosskinder sind.

Ein gemütlicher Job!

So einfach ist es nicht, aber manchmal komme ich mir so vor. Richtig arbeiten und weiterbringen kann ich die Spieler erst seit Ende März. Seither sind wir ständig zusammen und bereiten uns auf die Weltmeisterschaft vor.

Wenn ich heute zwei Spiele verliere, ist das kein Weltuntergang mehr.

Sie arbeiten seit 1991 als Trainer. Haben Sie sich verändert?

Früher war ich viel stärker auf Sieg oder Niederlage fokussiert. Wenn ich heute zwei Spiele in Folge verliere, ist das kein Weltuntergang mehr. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht auf jede Aktion im Spiel Einfluss habe.

Werden Trainer überschätzt?

Oft entscheiden Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage, und am Ende des Tages weiss man oft gar nicht genau, was jetzt tatsächlich den Ausschlag gegeben hat. Aber ich glaube, dass ein Coach einem Team kurzfristig Impulse geben kann. Wenn ein Trainer Zeit erhält, lässt sich sein Einfluss nicht mehr wegdiskutieren.

Spieler müssen den Schweizer Pass besitzen, um für die Nationalmannschaft zu spielen. Bei Trainern ist das nicht der Fall.

Dazu kann ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen: Mein Vater arbeitete sein Leben lang für dieselbe Firma. Wenn ich je etwas gegen seinen Arbeitgeber gesagt hätte, wäre er richtig sauer geworden. Diese Einstellung habe ich verinnerlicht. Es ist eine Ehre, für diesen Job ausgewählt worden zu sein. Für den Erfolg werde ich jeden Tag alles geben.

Wie hat sich das Eishockey in den letzten Jahren entwickelt?

Klassische Spielertypen aus Russland, Skandinavien oder Nordamerika finden Sie heute in jeder Nationalmannschaft. Die Unterschiede zwischen den Teams sind kleiner geworden – und die NHL wichtiger.

Was bedeutet das?

Anders als vor 20 Jahren ist die höchste Liga der Schweiz nicht mehr das oberste Ziel. Junge Spieler wollen in die NHL und dort wie Roman Josi, Nino Niederreiter oder Jonas Hiller tragende Rollen spielen.

Für die Spieler ist das gut, nicht aber für die Nati.

Wenn sie erfolgreich sind, spielen sie in Nordamerika für ihre Vereine statt an der Weltmeisterschaft für die Schweiz, das ist so. Deswegen hoffe ich aber nicht, dass sie früh ausscheiden, damit ich die Spieler in der Nationalmannschaft einsetzen kann. Eine gute Planung reicht aus, um diese Unsicherheit wettzumachen.

Die Weltmeisterschaft startet bald. Wie erholen Sie sich nach einem Spiel? Anfangs erwähnten Sie Fischen und Bier.

(lacht) Gibts sonst noch etwas? Nein, Spass beiseite. Als Trainer ist man nach einem Spiel psychisch so ausgelaugt, dass Einschlafen kein Problem ist – gerade nach Siegen. Nur nach Niederlagen wache ich oft auf und hoffe, dass es bald schon 5 oder 6 Uhr am Morgen ist.

Mit welchem Ziel reisen Sie nach Tschechien an die WM?

Die Vorbereitung war gut. Beim Turnier nehmen wir Spiel für Spiel, und wenn wir uns laufend steigern, ist vieles möglich. 

Autor: Reto Vogt, Reto E. Wild

Fotograf: Christian Schnur