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09. September 2013

Eintritt verboten!

Mamma Mia
Wenn das Haus aufgeräumt ist, gilt: Bitte nicht stören!

Ich hasse es, wenn alle diese Kinder (eigene und fremde) mein Haus verwüsten. Sie stellen Möbel um, vergessen, die Lichtschalter wieder auszuknipsen – und überhaupt: Können sich die Bälger nicht anders beschäftigen? Da verbringt unsereins eine Ewigkeit damit, alle Tassen in den Schrank zu räumen. Wenn dann nach stundenlanger Arbeit endlich alles auf seinem Platz ist, bricht das Chaos los. Dann zieht eine Horde Vandalen durch MEIN Haus. Manno, das nächste Mal sperre ich das Kinderzimmer ab. Finger weg von meinem Playmobilhaus, ihr Saugoofen!

Wenn Sie bisher nur Bahnhof verstanden haben, helfe ich Ihnen gerne auf die Sprünge: Kennen Sie den Satz, mit dem die Meetings der anonymen Alkoholiker beginnen? Doch, den kennen Sie! Er geht so: –«Hallo, mein Name ist John, und ich bin Alkoholiker.» Bei mir müsste es heissen: «Hallo, mein Name ist Bettina, und ich bin playmobilsüchtig. Und zwar schon seit mindestens 32 Jahren.» Ich habe diese Plastikfigürchen schon geliebt, als noch kein Mensch ein Handy hatte. Damals, als die Männlein noch starre Handgelenke und blaue Finger hatten, ging es bei mir los. Irgendwann schaffte ich es (nicht zuletzt mit der Hilfe meines Therapeuten), von den Cowboys, den Indianern und den Rittern loszukommen. No more Playmobil for this Lady. Wenn die Sehnsucht nach winzigen Halstüchern, Planwagen und Schöpfkellen zu gross wurde, schlich ich jeweils in die Spielwarenabteilungen grosser Kaufhäuser. Sie wissen sicher, dass das deutsche Unternehmen, das die kleinen Männlein herstellt, grosse Glaskasten unterhält. Dort werden komplette Stilwelten ausgestellt. Gut mit Panzerglas gesichert. Die machen das in voller Absicht, sage ich Ihnen. Die wollen, dass wir anonymen Playmoholiker rückfällig werden. Doch ich blieb standhaft.

Mit dem vierten Geburi meines Kindes änderte sich alles. Ida wollte nämlich nur noch mit Playmobil spielen. Sie wünschte sich alles, was es gab. Ich musste sie fast gar nicht überreden. Dass ich wieder voll drauf war, war mir ziemlich egal, denn jetzt bekam ich endlich, was mir als Kind verwehrt geblieben war: das moderne Stadthaus. Natürlich wollte Ida vom Christkind dann noch eine Etagenerweiterung und das Beleuchtungsset. Und genau diese Traumvilla wird nun von wurstfingrigen Kindergartenkindern verwüstet. Manchmal mischt sogar Evas Gang mit. Während die Grossen vor allem instinktlos umdekorieren (Sofa ins Badezimmer, Teller ins Babybett), führen die Kleinen Materialtests durch. (Wie fest ist der Kamin? Kann man die Storen herausreissen? Ups!, die Treppe ist ja nur angeklickt und so weiter.) Ich hasse es. Aber ich glaube, das sagte ich schon. Nun meine Frage an Sie: Würden Sie es verwerflich finden, wenn ich das Playmobilhaus ins Elternschlafzimmer auf die hohe Kommode stellen würde? Oder habe ich mal wieder nicht alle Tassen im Schrank?

Autor: Bettina Leinenbach