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05. Januar 2015

Eintauchen in Neptuns Welt

Neptun oder Meerjungfrau für einen Tag: Die Luzernerin Nadia Peter macht mt ihren Mermaiding-Kursen Kinderträume wahr. Doch das Schwimmen mit der Monoflosse will gelernt sein.

Unglücklich verliebt singt Arielle, die Meerjungfrau, im Disney-Film 1989: «Ich möchte fort, bei den Menschen sein, ich möchte sofort dort mit ihnen tanzen.» 25 Jahre später ist es umgekehrt: Die Menschen wollen sich in Nixen verwandeln. Und Arielle ist längst out. Bei den Kindern ist die australische Serie «H₂O – Plötzlich Meerjungfrau» angesagt, die sich um drei Teenager dreht, die ein Doppelleben als Meerjungfrauen führen.

Im Hallenbad Langnau im Emmental ist es schwülwarm. In den Schwimmbecken herrscht das ganz normale Treiben, ausser dass heute eine Bahn für die «Mermaids» reserviert ist. Eltern sitzen leicht schwitzend und mit gezückter Kamera auf den Bänken am Beckenrand.

Schwimmlehrerin Nadia Peter mit ihrem Sohn Michel. Er ist begeisterter Monoflossenschwimmer.
Schwimmlehrerin Nadia Peter mit ihrem Sohn Michel. Er ist begeisterter Monoflossenschwimmer.

Das Team von «Suisse Mermaids» rund um die Luzernerin Nadia Peter (35) fährt für das Mermaiding-Schnupperschwimmen grosses Geschütz auf: Lippenstift, Schminkfarben und Glitzer liegen auf dem Tisch am Beckenrand. Daneben farbige Flossenanzüge in allen Farben und Grössen.

Youtube-Video zeigt, wie die Flosse funktioniert

Die Freundinnen Michelle und Jennifer (beide 8) aus Zweisimmen BE sind heute ins Hallenbad gekommen, um einmal so zu schwimmen wie ihre Vorbilder von «H₂O». Jennifer hat Meerjungfrauen «uu fescht gärn», erzählt sie, während sie am Schminktisch sitzt und aufgeregt mit den Beinen wippt. Milena (10) aus Studen BE ist mit ihrer Schwester Luana (7) gekommen: «Ich habe schon in der Badi immer geübt, aber ohne Flosse. Als Meerjungfrau sieht man einfach schön aus!»

Fertig geschminkt, setzen sich die Kinder an den Beckenrand und bekommen Anziehhilfe für das Flossenkostüm. Sie zwängen beide Füsse in eine Monoflosse aus durchsichtigem Plastik und ziehen darüber einen Bezug aus Badekleidstoff. Sind die Füsse in der Flosse verstaut, rollen sich die angehenden Meerjungfrauen auf roten Turnmatten auf den Bauch. Schon liegen sie da wie Fische auf dem Trockenen.

Meerjungfraufan Alessia (7) aus Eschenbach SG
Meerjungfraufan Alessia (7) aus Eschenbach SG

«Ich wollte schon immer eine echte Meerjungfrau sein.»

Meerjungfraufan Alessia (7) aus Eschenbach SG kann es kaum erwarten, endlich im Wasser ihre Fähigkeiten zu zeigen: «Ich habe schon mega viele Youtubefilme über die Flossenbewegung geschaut. Ich wollte schon immer eine echte Meerjungfrau sein, halb Fisch, halb Mensch, und wie ein Blitz durch das Wasser schiessen.» Sagts, lässt sich von ihrer Grossmutter ins Wasser hieven und taucht davon. Ihre Grossmutter Ruth Wahl findet es toll, dass für ihre Enkelin endlich ihr Mädchentraum in Erfüllung geht: «Sie ist seit Wochen wie ein Gummiball unterwegs.» Nach ein paar Minuten im Wasser braucht Alessia eine Verschnaufpause: Das Aussteigen ist noch etwas schwierig, da muss sie das «Noni» rausheben. Alessia zittert, strahlt aber über das ganze Gesicht.

Eine Schwierigkeit zeigt sich schnell: Um die Schwanzflossenbewegung richtig auszuführen, müssen die Nixen tief tauchen. Schwimmlehrerin Nadia Peter hat sich selbst ins Flossenkostüm gezwängt und schwimmt von Kind zu Kind, erkundigt sich nach dem Befinden, gibt Tipps: Rumpf anspannen, Beine zusammendrücken, am Schluss einen kurzen Druck mit der Flosse geben. Dass Mermaiding anstrengend ist, hat sich bereits herumgesprochen. In den Philippinen zum Beispiel gibt es die erste «Mermaiding-Akademie», in der das Schwimmen mit der Schwanzflosse eher als Work-out gilt.

Fotograf brachte die Kostüme in die Schweiz

Jennifer dreht inzwischen schon gekonnt eine Rolle. Die Mutter fragt: «Braucht ihr eine Pause?» «Neeiiin!», sind sich die Mädchen einig.

Sobald die Kinder sich mit der Flosse sicher fühlen, dürfen sie beim Fotografen Michael Alle (40) zum Unterwassershooting. Er ist mit einer Tauchausrüstung vor Ort. Die Schwierigkeit als Model unter Wasser: die Augen aufzumachen und entspannt zu gucken. «Es hilft, schon vor dem Abtauchen auszuatmen», rät der Profi. Nixenexpertin Alessia hat den Dreh bereits raus. «Du hast zu Hause in der Badewanne geübt, oder?», sagt Michael Alle.

Dank des deutschen Fotografen gibt es das Mermaiding in der Schweiz: Für ein Shooting in Nadia Peters Schwimmschule brachte er einmal Meerjungfraukostüme mit. Peter, bekennender Arielle-Fan und seit acht Jahren Schwimmlehrerin, wusste sofort: «Das ist es!» Sie reiste an einen Mermaiding-Event in Deutschland und beschloss, das Schnupperschwimmen in der Schweiz anzubieten. Schon beim ersten Mermaiding vor einem Jahr waren 80 Flossenschwimmer dabei. Und Mermaiding ist nicht nur Mädchensache: Sogar erwachsene Männer schwimmen mit.

Männer fänden den Trend mehr in sportlicher Hinsicht spannend: «Sie wollen möglichst schnell mit der Flosse schwimmen. Oder sie nutzen Mermaiding, um das Apnoe-Tauchen, das Freitauchen in einem Atemzug, zu trainieren», erklärt Nadia Peter. Ihr jüngerer Sohn Michel (10), begeisterter Neptun, macht an Monoflossen-Wettkämpfen in Deutschland mit. «Den Beinschlag muss man raus haben. Immer die Beine zusammenpressen ist anstrengend», erklärt Michel vom Beckenrand aus.

Schwimmabzeichen und Kindergeburtstagspartys

Nadia Peter hat aus Elementen des Kinderschwimmens die drei Meerjungfrau-abzeichen entwickelt: Bronze, Silber und Gold. Die schwierigste Disziplin: am Grund auf dem Rücken schwimmen und Synchronschwimmen mit einer Choreografie. In Nadia Peters Abzeichenkursen sind auch viele Buben, die sogenannten Flossenkönige. Einer zum Beispiel ist ein begeisterter Schwimmer und mag Fantasy. «Er will sich einfach als Fabelwesen fühlen», sagt Peter.

Die Luzerner Schwimmlehrerin hat mit ihrem Mermaiding noch grosse Pläne: Im April will sie einen nationalen Wettbewerb veranstalten, an dem sich die Teilnehmer in verschiedenen Disziplinen messen: Tauchen, Schnellschwimmen, aber auch Originalität des Kostüms. Momentan wird ihr Team auch rund achtmal pro Woche für Mermaiding-Geburtstagspartys in teilgemieteten Hallenbädern gebucht. «Es ist der Hammer. Für mich ist es der grösste Lohn, das Strahlen der Kinder und Eltern zu sehen.»

Am Schluss des Schnuppernachmittags sind aber auch Meerjungfrauen vor Erschöpfung nicht gefeit: Nach zwei Stunden schneidet die Schwanzflosse ein, die Augen sind vom Chlor gerötet und die kleinen Mädchenkörper zittern vor Kälte. «Die schlafen heute Nacht gut», da sind sich die Eltern sicher. Und träumen von Arielle oder «H₂O».

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Michael Alle