Archiv
28. Januar 2013

Einschnitte

Baby und Mutter sind wohlauf
Die Hauptsache bei Geburt mit und ohne Kaiserschnitt: Baby und Mutter sind wohlauf. (Bild Getty Images)

Der zackige Spitalarzt steckte die Ultraschallsonde in die Halterung zurück und fällte sein Urteil: «Wenn Sie spontan gebären wollen, müssen wir die Geburt bald einleiten. Das Kind wiegt nämlich laut Computerberechnung schon jetzt mindestens 4500 Gramm.» Bald, das hiess innerhalb der nächsten Tage. Ich war am Ende der 36. Schwangerschaftswoche und lag wie ein gestrandeter Wal auf der Untersuchungsliege. Genauso fühlte ich mich in dem Moment auch: hilflos. Der Gott in Weiss wies noch schnell eine ebenfalls anwesende Hebamme, die meinen Bauch abgetastet hatte und kein ungewöhnlich grosses Kind erspürt hatte, in die Schranken. Er sei schliesslich der Arzt und habe viel Erfahrung mit der Ultraschalldiagnostik. Das Mädchen in meinem Bauch sei eine Sumo-Ringerin. Und die müsse schleunigst raus. Basta! Das war der erste Akt in einem Drama, das mit einem Notkaiserschnitt endete.

Warum erzähle ich das? Weil ich es so was von leid bin, als Kaiserschnittmutter wie eine Mama zweiter Klasse behandelt zu werden. Wenn ich Interviews lese, in denen manche Hebammen und Supergebärerinnen predigen, die steigende Sectiorate hätte vor allem mit einer zunehmenden Bequemlichkeit unter den Müttern zu tun, könnte ich handgreiflich werden. Ja, es stimmt. Es gibt viel mehr Kaiserschnitte als früher. Dafür kann man die Fallpauschalen in den Spitälern verantwortlich machen, sicher auch das steigende Alter der Erstgebärenden. Man darf die Operationslust der Ärzte ins Feld führen. Alles okay. «Wunschkaiserschnitte» sind jedoch ein seltenes Phänomen. Warum? Weil wir Frauen nicht doof sind. Wir wissen, dass der Eingriff mit mindestens so starken Schmerzen wie bei einer Spontangeburt verbunden ist. Wir wissen, dass wir anschliessend tagelang immobil sein werden. Wir wissen, dass eine Narbe zurückbleiben wird. Wir wissen, dass die Komplikationsrate höher ist. Wir wissen, dass Kaiserschnittkinder oft einen schlechteren Start haben. Wir wissen, dass die Chance auf eine Spontangeburt nach Kaiserschnitt geringer ist.

Als ich vor viereinhalb Jahren auf dieser Ultraschallpritsche lag, spielte ich gedanklich verschiedene Geburtsszenarien durch: Presswehen, die nie mehr aufhörten, Dammrisse dritten Grades und auch den Verlust der Darmkontrolle unter der Entbindung. Selbst, als die Geburt zwei Tage später im Spital eingeleitet wurde, sah ich mich noch im Vierfüsserstand gebären. Zwanzig Stunden später hatte meine Tochter genug von einem erbarmungslosen Wehenmarathon, der so typisch für eingeleitete Geburten ist. Sie drehte sich mit dem Kopf so, dass es zu einem Geburtsstillstand kam. Ich weiss gar nicht mehr so viel von damals, die Details sind verschwommen. Mein Mann erinnert sich aber gut. Er sagt heute, es seien die schlimmsten Momente seines Lebens gewesen. Als die Ärzte-Entourage im Morgengrauen ins Gebärzimmer rauschte und uns mitteilte, dass die Zeit für eine Schnittentbindung gekommen sei, dankte er dem Himmel. Ich habe lange gebraucht, um seine Gefühle zu verstehen, denn für mich brach in dem Moment eine Welt zusammen, ich fühlte mich wie eine Versagerin. Sämtliche Frauen in meiner Familie waren Gebärmaschinen. Komplikationen? Nie davon gehört. Und jetzt das. Der Kaiserschnitt war nicht nur ein Eingriff, das war ein Lebenseinschnitt.

Interessanterweise hat mir mein zweiter Kaiserschnitt dabei geholfen, das Trauma des ersten zu verarbeiten. Der zweite Eingriff war geplant und aus medizinischer Sicht sinnvoll. Von einem Wunschkaiserschnitt konnte aber auch hier keine Rede sein. Es war eher eine Kopfgeburt. Nachdem ich das kleine Bündel endlich in meinen Armen hielt, erzählte uns der Operateur, Eva habe die Nabelschnur mehrmals um den Hals gehabt. Hätte ich eine Spontangeburt versucht, hätte das schlimm enden können. Nun war ich mit dem Schicksal versöhnt.

Ach ja, meine erste Tochter, die Sumo-Ringerin, wog am Tag ihrer Geburt (SSW 38/1) 3590 Gramm. Die Gewichtsprognose, die künstliche Einleitung: alles Fehlentscheide. Der zackige Arzt ist mir bis heute eine Antwort auf die Frage schuldig geblieben, wo das fehlende Kilo abgeblieben ist.
Der Buchtipp zum Weiterlesen: «Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht» (ISBN 978950235708)

Autor: Bettina Leinenbach