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22. Mai 2017

Einmal mit dem Kind um den Globus

In dieses Abenteuer hat sich Janina Breitling vor rund elf Monaten gestürzt – und ist noch bis August unterwegs. Zusammen mit ihrem knapp sechsjährigen Sohn Max bereist sie Australien, Bali, Neuseeland und den Rest der Welt. Auf ihrem Blog «Bärti muss mit» berichtet sie von unterwegs. Eine Leseprobe.

«Es ist früh am Morgen. Ich sitze im Regenwald. Vor mir das Paradies. Es riecht nach Abenteuer. Nach Freiheit. Kein Mensch weit und breit. Nur die Natur. Und ich.

Hinter mir ein schnarchendes, kleines Wesen. Zwei nackte Füsse hängen aus dem Campingbus. Der Rest schläft noch tief und fest. Während ich den Tag begrüsse. Und unser Leben. Denn das hat sich komplett verändert. Uns bis an das andere Ende der Welt geführt. Vom Grossstadtdschungel in Deutschland in die Wildnis nach Australien. Einmal um die ganze Welt. Zu zweit.

Bereits in meinem Leben vor Max bin ich viel mit meinen Eltern gereist. Dann mehr und mehr allein. Stoppen kann mich nichts. Auch nicht die zwei rosa Streifen auf dem kleinen Plastikstab an einem Morgen im Herbst 2010.

Das Reisen geht weiter. Für uns zusammen. Ich möchte Max die Welt zeigen, bevor ich ihn auf sie loslasse. Und einen Teil seines Lebens gemeinsam mit ihm gehen. In einer sehr intensiven Form. In einer für uns richtigen Form. ‹Hast du Lust, dass wir uns gemeinsam die Welt angucken? Nur wir zwei? Bis du in die Schule kommst?›

‹Ja, Mami. Aber mein Bärti muss mit!›

Im Juli 2016 ziehen wir los. Mit Rucksäcken auf dem Rücken, einem bärigen Teddy in der Hand und der grossen Welt vor den Augen.

Erstes Ziel: Bali. Dann: Australien. Neuseeland, Tahiti, Hawaii … Und danach? Noch mehr. Viel mehr.

Als Journalistin kann ich über unsere Erlebnisse schreiben. Auf meinem Blog erzählen. Nebenher als Freiberuflerin von unterwegs Aufträge annehmen. Tausend Euro im Monat. Das ist das Budget. Weltweit. Es reicht.

Es macht stolz. Freunde. Familie.

Alle gehen ziemlich gelassen mit unserer Aktion um. Freuen sich über all das, was wir unterwegs erleben. Sind dank modernen Medien mit dabei. Und zählen im Geheimen doch die Tage, bis wir wieder zurück sind.

Ein Jahr lang sein eigenes Kind nicht sehen. Ein Problem, das für meine Eltern manchmal schwer und dennoch machbar sein muss. Ein Problem, das für Max’ Vater nicht leicht und dennoch ertragbar sein muss. Durch den einen oder anderen Besuch auf unserer Weltreise sogar ablegbar ist. Auf Zeit.

Seit Max ein Jahr alt ist, sind wir getrennt. Haben verschiedene Leben. Und versuchen, beide dennoch, so gut es geht, miteinander zu verbinden. Sogar am anderen Ende der Welt. Wenn es auch nur für ein paar gemeinsame Wochen ist.

Verständnis. Unterstützung. Mut. All das kommt von den Menschen, die uns wichtig sind. All das fehlt manchmal den Menschen, die es uns nicht sind.

In Deutschland habe ich oft das Wort Selbstverwirklichung gehört. Kritisierend. Ganz anders die Menschen, die wir unterwegs treffen. Sie haben Respekt. Bewunderung. Was für ein Geschenk ich meinem Sohn und mir mit dieser Reise mache. Wie frei er aufwachsen darf. Geprägt von der ganzen Welt.

Wir sitzen in einem Tempel. Um uns herum so viele Räucherstäbchen wie Balinesen. Wir sind mitten drin. In unserer
ersten balinesischen Zeremonie.

Nicht nur auf Bali, sondern überall auf der Welt versuchen wir, abseits des normalen Tourismus unterwegs zu sein. Freunde zu finden. Ein Zuhause aufzubauen. Lieber langsamer zu reisen, als schnell unterwegs zu sein. Mit allem, was dazu gehört. Arbeit. Kindergarten. Alltag.

Am Morgen fahre ich Max in den balinesischen Kindergarten. Nachmittags gehen wir surfen. Abends im Tempel beten. Wie selbstverständlich sich das alles anfühlt. So weit von zu Hause entfernt. Die nächsten drei Monate Down Under. Drei Monate im Campingbus, noch wilder, noch freier sein. Die Natur hat es uns angetan. Die Pflanzen. Die Tiere. Biologieunterricht zum Anfassen.

Weihnachten verbringen wir bei einer australischen Familie. Tannenbaum. Barbecue. Badehose.

Zum Jahreswechsel ziehen wir für ein paar Tage in einen Geländewagen ein. Durchqueren Outback und Wildnis. Liegen um Mitternacht an einem einsamen See. Zählen die Sterne. Die Sternschnuppen. Zünden Wunderkerzen an. Happy New Year.

Schon auf Bali ist es uns schwergefallen weiterzuziehen. In Australien nimmt das Ganze nach drei Monaten fast unüberwindbare Formen an. Und dennoch packen wir zusammen. Verabschieden uns. Weiter geht es auf dem Weg Richtung Neuseeland. Auf dem Weg Richtung Rest der Welt.

Auf dem Weg Richtung persönliches Glück. Doch auch hier gibt es sie natürlich. Dinge, die nicht perfekt laufen. Trotz Paradies. Angefangen bei den Menschen, die wir auf unserer Reise kennenlernen. Lieben lernen. Wieder verlassen müssen. Bis hin zu Fieber, Surfunfällen und anderen Erkrankungen. Doch das geht vorbei. Ganz im Gegensatz zu dem, was uns für immer bleibt.

Es ist nicht mehr ganz so früh am Morgen. Ich sitze immer noch im Regenwald. Vor mir das Paradies. Es riecht nach Abenteuer. Es riecht nach Freiheit. Kein Mensch weit und breit. Nur die Natur. Und ich.

Hinter mir bewegt sich etwas. Zwei nackte Füsse bewegen sich aus dem Campingbus. Die blonden Haare stehen in alle Richtungen ab. Das braungebrannte Gesicht dreht sich in alle Richtungen. Max schaut sich um. Voller Freude. Voller Entdeckerlust. Voller Energie. Bereit für das nächste Abenteuer. Einmal um die ganze Welt. Zu zweit.»

Janina Breitlings Blog

Autor: Janina Breitling