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13. Juni 2016

Einkehren statt Einkehr

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) erinnert sich an eine Jugendsünde.

Ballast abwerfen! Sich der digitalen Reizflut für ein paar Tage zu entziehen, ist in Mode gekommen. Schulklassen sollen die alltägliche Hetze hinter sich lassen, in Managerkürslein wird das Zu-sich-Kommen geübt, manche gehen zum Schweigen ins Kloster. Eine befreundete Familie auferlegt sich jedes Jahr eine Entzugswoche ganz ohne Smartphones, Laptops und Spielkonsolen. Und ein Bekannter hat seine Diplomschüler unlängst in eine Alphütte entführt und dort arbeiten lassen ohne die Hilfsmittel, die sie sonst gewohnt sind – kein Google, kein Wikipedia, keine rasche Bildersuche im Web. Nur Papier, Bleistift, Gedächtnis und Fantasie. Solcherlei ist nötig geworden in einer hektischen Zeit, da wir stets irgendein Gratisblatt zur Hand haben, immer noch hurtig das Handy zücken, unsere E-Mails checken und … «Hier gehts zum Liveticker!»

Solche Auszeiten hätte es nicht gebraucht, früher, in der guten alten Zeit, nicht wahr? Moment mal. «Ballast abwerfen!» Ich sehe es noch vor mir, das Flugblatt mit einer Balloncrew, die Sandsäcke abwirft; ich hatte es selber gezeichnet. Wir, eine Gruppe von Jugendlichen, wollten eine Woche auf der Alp verbringen – ohne Strom, ohne Telefon, ohne Zeitung, ohne News von aussen, ohne künstlichen Food, ohne Zucker: Besinnung, Entschlackung, Einkehr. Und das vor vierunddreissig Jahren! Hätte es die Schlagwörter Entschleunigung und Entgiften schon gegeben, wir hätten sie mit aufs Flugblatt geschrieben.

Coupe Romanoff mit viel Zucker und viel «Nidle

Wir schrieben Gedichte, wanderten, suchten Beeren, gossen Kräutertee auf und süssten ihn mit eingedicktem Birnensaft. Wir: ein Dutzend Jugendliche und zwei Pfarrer. Ich erinnere mich an Kartenspiele bei Kerzenschein und Gespräche unterm Sternenhimmel. Täglich musste jemand mit einer Kanne zu einem Hof mit angegliederter Bergwirtschaft hinabsteigen, um Milch zu holen. Wir unternahmen den ungefähr dreiviertelstündigen Marsch in wechselnden Zweiergruppen. Als Fredi und ich an der Reihe waren, gönnten wir uns, unten angekommen, einen Coupe Romanoff mit viel Zucker und viel «Nidle». Nicht, dass es uns besonders gelüstet hätte, es ging mehr um den Kick des Regelverstosses. Und darum, dass wir fortan ein Geheimnis hatten. Die anderen würden so etwas bestimmt nie tun!

Jahre später erfuhr ich von anderen einstigen Lagerteilnehmern: Auch sie waren bei ihrem Abstieg eingekehrt und hatten einen Coupe verschlungen. Gar Jahrzehnte dauerte es, bis einer der Pfarrer mir beichtete, auch er und sein Kollege hätten damals, als sie zu zweit unterwegs waren, zwei Coupes Dänemark bestellt. Das hatte etwas Tröstliches, im Nachhinein.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli