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02. Mai 2016

Eingeklemmt

Geht diesmal alles gut?
Geht diesmal alles gut? (Bild: iStockPhoto)

Ich wollte eigentlich etwas über Blockflötenkonzerte schreiben. Über quietschende Melodien, stolze Kinder und entzückte Eltern. Doch dann passierte die Sache mit der Rolltreppe. Das beschäftigt mich so sehr, dass ich Ihnen davon erzählen muss:

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihren Kindern in einem grossen Einkaufszentrum unterwegs. Und weil besagte Mall ihren Kunden gerne etwas bietet, gibt es dort seit ein paar Monaten grosse Rutschbahnen, die die Etagen miteinander verbinden. Ursprünglich für die Grossen gedacht, entwickelt sich die Anlage – oh Wunder – zum Kindermagneten. Meine beiden dürfen auch hinabsausen, wenn wir dort unterwegs sind. Dann fahren sie mit der Rolltreppe wieder hoch – und judihuii! beginnt der Spass aufs Neue.

Gefährlich? Das sind bekanntermassen nur die Metalltreppen, deshalb dürfen Ida und Eva während der Fahrt nur stehen und nicht laufen. Und sie wissen, dass sie sich vor der Einzugsstelle hüten müssen.
Klappt prima. Wir haben bisher noch keinen Finger und auch keinen Skalp verloren.

Neulich überstanden wir den Rutschmarathon wieder problemlos. Am Ende des Einkaufsausflugs fiel mir noch ein, dass ich etwas im Untergeschoss vergessen hatte. Für einmal fuhren wir mit der Rolltreppe abwärts. Eva war an meiner Hand, Ida stand eine Stufe unter mir. Aus dem Nichts heraus begann meine Grosse panisch zu schreien. Ich verstand erst nicht, doch dann sah ich ihren Gummistiefel. Der steckte merkwürdig eingeklemmt zwischen der Metallstufe und der Rolltreppenwand. Mein Kind versuchte verzweifelt, sich zu befreien, doch der Gummi verkeilte sich nur noch mehr. Und die Treppe rollte abwärts.
Ich zog wie eine Irre von oben an Ida, eine geistesgegenwärtige andere Kundin stürzte derweilen die Treppe runter, um den Notausschalter zu drücken. Ich sah meine Tochter schon mit zermalmtem Fuss im Rega-Helikopter liegen. Im letzten Moment gelang es mir, sie aus ihrem Stiefel zu wuchten. Dann stoppte die Treppe.
«Geht es dir gut, meine Kleine?» Nein, es ging ihr nicht gut. Das Füsschen war gequetscht, die Haut war von der Ferse aufwärts abgeschürft – vom seelischen Trauma ganz zu schweigen.

Wenn ich mir den Gummistiefel anschaue, wird mir immer noch ganz anders. Der ist an zwei Stellen komplett aufgeschlitzt. So, als hätte der Metzger ein Messer angesetzt. Der Sanitäter, der Idas Fuss später verband, sagte, der Gummi und das breite Profil der Sohlen seien indirekt schuld an dem Unfall. Gummistiefel und Rolltreppen, das sei riskant. Ein Wunder, dass noch nicht mehr auf den Rolltreppen passiert sei.
Auf dem Weg zum Auto habe ich gezählt. An diesem Regentag sind uns drei Familien mit Gummistiefelkindern entgegengekommen.

Autor: Bettina Leinenbach