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11. März 2013

Eingeimpft

Impfschein einer «Mamma Mia!»-Tochter
Der Impfschein einer «Mamma Mia!»-Tochter.

Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln, Pneumokokken, Meningokokken, Haemophilus Influenzae. Das ist die Liste der Krankheiten beziehungsweise Erreger, gegen die wir unsere Töchter haben impfen lassen. Mein Mann und ich haben beide einen naturwissenschaftlichen Background. Unsere Mädchen wurden nicht deswegen geimpft, weil die Eidgenössische Impfkommission das so empfiehlt. Nein, wir sind grundsätzlich überzeugt davon, dass Impfen wichtig ist und Leben retten kann.

Wenden Sie sich bitte nicht ab, ich bin nämlich noch nicht fertig. Es stimmt, dass ich mit den Thesen der Impfskeptiker nichts anfangen kann. Es stimmt aber auch, dass ich eine Mama bin. Wenn es um meine Mädchen geht, verändert sich der Blickwinkel. Hier kommt also die kleine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will: Meine Grosse ist ein infektanfälliges Kind. Es ist zwar schon deutlich besser geworden, aber Ida nimmt nach wie vor einen Grossteil dessen, was an Viren und Bakterien auf dem Markt ist, mit. Wir versuchen es jetzt mit der klassischen Homöopathie. Als der Homöopath mich bereits vor unserem ersten Treffen um eine Kopie von Idas Impfpass bat, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Andererseits – alles, was hilft, ist gut, oder? Als wir dann in der gemütlichen Praxis sassen und überlegten, warum Idas Immunsystem bei jedem «Furz» anschlägt, war der Fall für den Homöopathen klar. Er glaubt, dass meine Vierjährige die vielen Impfungen gewissermassen nicht verkraftet habe. Unsere Impfentscheide hätten ihr Mini-Immunsystem überfordert. Bam! Das steckt man als Mami nicht so einfach weg. Plötzlich geht es nicht mehr ums Rechthaben. Wissenschaftliche Argumente treten in den Hintergrund. Kann es sein, dass wir unserem Kind geschadet haben? Ich kann die Frage nicht beantworten. Niemand kann das, weder die Impfbefürworter noch die Impfgegner.

Ich glaube, darum geht es auch gar nicht. Ich schreibe diesen Text, weil mir eine Sache bewusst geworden ist: Wir Eltern müssen andauernd für unsere Kinder Entscheidungen treffen. Wir alle versuchen, es richtig zu machen. Oft gelingt das, aber nicht immer. Es gehört auch zur Elternschaft dazu, dass man den falschen Weg geht, dass man erst über Umwege zum Ziel gelangt. Und manchmal muss man auch umkehren.

Der Homöopath, von dem ich übrigens einen ausgezeichneten Eindruck hatte, meinte, man könne Idas Impfungen nicht ungeschehen machen. Nun sei es wichtig, in die Zukunft zu blicken. Mit anderen Worten: nach Möglichkeit ab sofort keine Impfungen mehr. Ich habe in den letzten Tagen sehr viel nachgedacht. Ich habe gelesen, mit befreundeten Eltern, die nicht geimpft haben, diskutiert. Nein, ich wurde nicht bekehrt. Aber ich kann zum ersten Mal nachvollziehen, dass es beim Thema Impfen nicht nur Schwarz und Weiss, sondern viele Grautöne gibt. Mein Mann und ich haben beschlossen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und weiterhin alle Impftermine mit den Kindern wahrzunehmen. So, wie mehr als 80 Prozent aller Schweizer Eltern.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach