Archiv
10. Juni 2013

Einer für alle, alle für einen

Das legendäre Einsiedler Welttheater wird diesen Sommer in einer Neufassung von Tim Krohn aufgeführt. Der Grossanlass schweisst die Bevölkerung zusammen, denn fast jeder macht in irgendeiner Form mit.

Bald geht es los. Einsiedeln macht sich für das 
grosse Spektakel bereit.

Die drohende Aussicht auf geklonte Menschen und genetisch optimierte Designerbabys oder die Angst vor Brustkrebs in der Art von Hollywood-Ikone Angelina Jolie: Was heute Schlagzeilen macht, war zu Zeiten des spanischen Dichters Calderón noch undenkbar. Dennoch wusste Calderón um das Bangen und Hoffen der Erdenkinder, als er Anfang des 17. Jahrhunderts «Das Grosse Welttheater» schrieb: Ein Stück über das Leben der Menschen vor der prüfenden Beurteilung ihres Schöpfergottes. Wie gehen seine Kreaturen durch die verschiedenen Rollen, die er ihnen auf der Welt verliehen hat?

DAS LEBEN IST EINE BÜHNE
Ausserdem zum Thema: Wie Caldéron im «Welttheater» 1655 Realität und Theater ganz neu zusammenführte – und wie andere Theaterepochen ihm vorausgingen oder nachfolgten. Zum Artikel

400 Jahre später hat der deutsche Autor Tim Krohn das Welttheater neu entworfen und lässt Calderóns archetypische Figuren durchs Leben der Neuzeit taumeln: Rund 300 Bühnendarsteller führen das Dilemma des modernen Menschen vor Augen, der mehr Möglichkeiten hat, als er nutzen kann — und sein eigener Schöpfer sein will. Es geht um die Frage nach dem perfekten Menschen. Die Regie führt Beat Fäh.

Das grösste Barockkloster der Schweiz, auf dessen Vorplatz das Stück aufgeführt wird, bietet dazu eine angemessene Kulisse. Während der Aufführung des Einsiedler Welttheaters wird die Klosterfassade mit Digitalprojektionen trickreich transformiert: Zu wuchernden Pflanzenwänden, schroffen Felsen und lodernden Feuersbrünsten.

Das dramatische Freilichtspektakel zeigt einen doppelten Effekt: Vor den Kulissen des Einsiedler Klosterplatzes dient es als Denkanstoss für das Publikum, hinter den Kulissen drängt es sich ins Innenleben der Mitwirkenden und macht die Einsiedler «zu Komplizen einer gemeinsamen Sache», sagt Regisseur Fäh. Und dies bereits seit Generationen, denn das Theater in Einsiedeln wird seit 1924 regelmässig aufgeführt (siehe Infobox rechts).

Eingeschworenes Quartett: Autor Tim Krohn, Schauspieler Moritz Kälin (spielt den Penner), Zeno Schneider (spielt den Reichen) und Regisseur Beat Fäh (von links).
Eingeschworenes Quartett: Autor Tim Krohn, Schauspieler Moritz Kälin (spielt den Penner), Zeno Schneider (spielt den Reichen) und Regisseur Beat Fäh (von links).

Es gibt kaum jemanden in der Gegend, der nicht selbst als Kind einmal im Einsiedler Welttheater mitgespielt hat oder dessen Vater, Cousine, Bruder oder Freundin nicht daran beteiligt war, sei es als Laienschauspielerin, Schneider, Platzanweiserin oder Bühnentechniker. Pro Spielperiode sind die Beteiligten über Monate hinweg für ihr Theater engagiert, geprobt wird nach der Arbeit in der Freizeit, manchmal vier Abende in der Woche und zusätzlich am Samstag: «Das erfordert grossen Einsatz, dennoch empfinde ich diese Periode wie ganz besondere Ferien», sagt Arzt Zeno Schneider, der dieses Jahr die Hauptrolle des Reichen spielt und sich darum in seiner Arztpraxis zwei Monate lang von einem befreundeten Arzt vertreten lässt (siehe weiter unten).

Insgesamt beteiligen sich rund 500 Personen vor und hinter den Kulissen. Ihre Hingabe für ein gemeinsames Ziel schweisst sie zusammen, unabhängig von Herkunft, Status und Gesinnung: Kinder, Jugendliche und Alte machen gemeinsame Sache, von Generationenkonflikten keine Spur. Ausländer, Schwule, Behinderte gehören selbstverständlich dazu — Ausgrenzung undenkbar! Ordensgeistliche, Hausfrauen, Arbeiter und Akademiker arbeiten Hand in Hand. Im Spiel verlieren sich die Abgrenzungen zwischen den sozialen Schichten. Ebenso versteht es sich von selbst, dass Gläubige und Gotteszweifler übereinstimmend ihr Bestes geben.

Durch das Welttheater werden Ausländer bestens integriert

Im Schneideratelier erzählen die Näherinnen, dass auch ein Mann «aus Bosnien oder so einem Land» mitspiele. Im echten Leben putze er, im Theater spiele er einen Polizisten. Nichts helfe einem Ausländer in Einsiedeln mehr, sich zu integrieren, als die Beteiligung am Welttheater. Die Deutsche Kalli Kälin, vor Jahrzehnten nach Einsiedeln gezogen, spürt den Integrationseffekt auf allen Ebenen: «Die Arbeit am Welttheater half mir, hier ein Gefühl für Heimat zu entwickeln.» Die künstlerische Leitung des Welttheaters zeigt sich denn auch tief beeindruckt vom geeinten Eifer und Können der Einsiedler: So grosse Kompetenz unter Laien habe er noch nie erlebt, sagt Autor Tim Krohn. Carolin Mittler, die Verantwortliche für Kostüme und Bühnenbild, schwärmt vom überdurchschnittlichen Einsatz und von den grossen Fertigkeiten der Näherinnen, Schneider und Strickerinnen. Regisseur Beat Fäh schöpft daraus freudige Zuversicht: «Das Welttheater wirft hochaktuelle, ethische Fragen auf, und es freut mich, dass wir mit dem Schauspiel einen Beitrag dazu leisten können.»

Das Wichtigste aber sei, was mit den Spielern in diesem theaterbegeisterten Dorf geschehe: Fäh sieht die frohe Botschaft nicht so sehr im Stück an sich, als vielmehr in der «sensationellen Begeisterungsfähigkeit und im Zusammenhalt der Einsiedler». Das stimme ihn extrem optimistisch, sagt er. «Es ist eine Chance in dieser Welt.»

Noa und Sepp: Das Einsiedler Welttheater verbindet die Generationen.
Noa und Sepp: Das Einsiedler Welttheater verbindet die Generationen.

Herrenschneider Sepp Ochsner (89) und Mädchen für alles Noa von Gunten (8):

Der alte Mann und der blonde Engel

 Sie leben in verschiedenen Welten und arbeiten dennoch auf ein gemeinsames Ziel hin: Der älteste und der jüngste Mitarbeiter des Welttheaters leisten nach besten Kräften ihre Einsätze. Diesen Sommer wird Sepp Ochsner 90 Jahre alt und Noa wird 9. Moser näht die Hosen für den Präsidenten und den Reichen im Stück, Noa erledigt Botengänge für seine Mutter Carolin Mittler, die Verantwortliche für Bühnenbild und Kostüme. Er sortiert auch gerne Kleider, serviert den rund 20 Schneiderinnen im Kostümatelier Kaffee und hält sie bei Laune. Dann etwa, wenn er der 84-jährigen Schneiderin Alice kleine Briefe schreibt, unterzeichnet mit «Dein Noa».

Sepp Ochsner war noch ein Kind, als er sich 1937 erstmals für das Welttheater engagierte: Der damals 14-Jährige spielte einen Engel. Für die späteren Spielperioden war er dann öfter als Herrenschneider tätig. Das sei immer «glatt» gewesen, denn «nach dr Arbeit simmer no eis go ha». Heute wolle er nicht mehr volle acht Stunden am Tag nähen, zuweilen plagten ihn auch Arthroseschmerzen, aber die Arbeit tue ihm gut. Auch seine Frau, mit der er nun seit 60 Jahren verheiratet ist, hat in jüngeren Jahren oft als Darstellerin auf der Bühne mitgewirkt.

Noa wuselt durchs Atelier. Und wenn seine Mutter wegen ihrer Arbeit mal gestresst ist, dann flüchtet er sich zu den Schneiderinnen, die seien ja alle fast wie Grossmütter. Die meisten von ihnen sind pensioniert, denn wer noch voll berufstätig ist, dem fehlt die Zeit, um während Monaten vollen Einsatz im Kostümatelier zu leisten.

In der Zvieripause serviert Noa den Schneiderinnen Kuchen. Sie erzählen, ihre Arbeit sei wie ein Fieber, das alle anstecke. Selbst die Schwiegermutter von Autor Tim Krohn sei vom Welttheatervirus ergriffen. Sie lebe in St. Gallen, komme aber immer öfter nach Einsiedeln und sei richtig «angefressen».

Patrick Della Valle hat in Mailand als Model gearbeitet und steht gerne auf der Bühne.
Patrick Della Valle hat in Mailand als Model gearbeitet und steht gerne auf der Bühne.

Himmelshirtin Patrick Della Valle (31) arbeitet im echten Leben als Koch:

Die Frau, die ein Mann ist

 Schon als Kind an der Fasnacht hat sich Patrick Della Valle gerne als Frau verkleidet, selbst wenn ihn die Kollegen dafür ausgelacht haben. Heute, an der ersten Anprobe für sein Glitzerkostüm, steht ihm die Freude ins Gesicht geschrieben: Man hat ihm für seine Rolle als Himmelshirtin eine traumhafte Robe auf den Leib massgeschneidert — und diesmal wird keiner lachen.

Della Valle trägt die Festrobe mit Grandezza, schliesslich hat er einst die Modeschule in Mailand absolviert und einige Jahre in Italien als Model gearbeitet.

Der Sohn eines italienischen Vaters und einer serbischen Mutter arbeitet zu 80 Prozent als Koch. Die Teilzeitarbeit erlaubt es ihm, die nötige Zeit für die Proben am Welttheater aufzubringen. Er liebe seinen Beruf, aber auch an der Schauspielerei als leidenschaftliches Hobby liege ihm viel. Zum Glück zeige sein Arbeitgeber dafür Verständnis und gewähre ihm die nötige Zeit für die Proben.

Patrick Della Valle verkörpert im Welttheater eine der zwei Himmelshirtinnen. Sein Bruder spielt als der Schöne ebenfalls eine Hauptrolle. Auf der Bühne führt Della Valle zwei Afghanische Windhunde an der Leine. Nebst der normalen Berufsarbeit bedeuten die Extratrainings mit den Hunden und die vier Monate des Probens viel Arbeit, sagt die Himmelshirtin, aber das alles lohne sich sehr.

Schon vor sieben Jahren hat Patrick Della Valle am Welttheater mitgewirkt. Damals sei seine Gruppe durch die vielen Proben eng zusammengewachsen. «Wir waren wie eine Familie», erinnert er sich. Dieses Mal gehe es für ihn persönlich um mehr als ums blosse Mitmachen. Seine jetzige Rolle sei ihm sehr wichtig: «Die Himmelshirtin ist ein Teil von mir», sagt er. Ausserdem wolle er damit ein Zeichen für alle Schwulen setzen und sie zu einem Coming-out ermutigen.

Zeno Schneider spielt im Welt­theater einen harten, arroganten Mann.
Zeno Schneider spielt im Welt­theater einen harten, arroganten Mann.

Zeno Schneider (62, der Reiche) ist im echten Leben Krebsspezialist

Von der Herausforderung, ein Kotzbrocken zu sein

 Mit einem gewissen Schaudern hat er in diesen Tagen die Titelstory der «Zeit» gelesen: Die deutsche Wochenzeitung berichtete von amerikanischen Forschern, die mittels embryonaler Stammzellen einen genetisch optimierten Menschen klonen können. Ist das ein Segen? «Es ist ein ethisch schwerwiegender Paradigmenwechsel in der Medizin», sagt Zeno Schneider. Als Krebsspezialist ist er sich der Tragweite medizinischer Möglichkeiten bewusst, hat auch viele Patienten begleitet, die dem Tod in die Augen schauen mussten.

Im Welttheater spielt er den Reichen: Dieser wird mit seiner Veranlagung zu einer tödlichen Krankheit konfrontiert und will seine Heilung mit Geld erkaufen. «Das Welttheater ist modellhaft für das Leben in der Welt», sagt er, «daher ist es adaptierbar für neue Inhalte». Er spiele im Stück einen Kotzbrocken, hart, arrogant und abweisend. Erst habe er Widerstände gegen diese unsympathische Figur gehegt, «sobald mir aber klar war, was die Rolle erfordert, war sie gut für mich». Immerhin findet der Reiche im Stück zu gewissen neuen Erkenntnissen, verrät Schneider, es sei eben wie im echten Leben: «Eine Krankheit kann eine Chance sein, zu einer neuen Lebenshaltung zu gelangen.»

Der Liebe wegen nach Einsiedeln zurückgekehrt

Schneider hätte nie gedacht, dass er in Einsiedeln bleiben würde. Er stammt aus Wettingen AG und besuchte als Jugendlicher die Stiftsschule in Einsiedeln, wo er im Internat lebte — ein Jahrgang vor ihm war Thomas Hürlimann, der Autor der beiden Einsiedler Welttheater von 2000 und 2007, ein Jahrgang nach ihm in der Schule der heutige Regisseur Beat Fäh.

Nach seinem Studium in Freiburg und Zürich kam Schneider der Liebe wegen nach Einsiedeln zurück. Seit 1988 spielt er in der traditionsreichen Einsiedler Theatergruppe Chärnehus, hat wie auch seine Frau und sein Sohn, bereits etliche Male am Welttheater mitgemacht. Die Proben für eine Hauptrolle erforderten jedoch überdurchschnittliche Motivation, und Regisseur Fäh verlange viel. «Mich beeindruckt es, wie auch Kinder und Jugendliche unglaublich diszipliniert mitarbeiten. Ich kann mich nicht an einen Einzigen erinnern, der je gemotzt hätte.»

Vor dem grossen Auftritt: Gian, Neil, Kalli Kälin und Jan (von links) spielen im Welttheater Einsiedeln quasi sich selbst.
Vor dem grossen Auftritt: Gian, Neil, Kalli Kälin und Jan (von links) spielen im Welttheater Einsiedeln quasi sich selbst.

Leiterin der Theatergruppe Fremde Vögel Kalli Kälin (59) mit den Teenagern Gian, Jan und Neil:

Einfach Menschen, die gut spielen wollen

Vielleicht, meint Kalli Kälin lachend, seien sie alle zusammen einfach «Rampensäue»: Ihre ganze Familie und die Einsiedler Theatergruppe Fremde Vögel, die sie leitet. Kalli Kälins Mann Peter ist der Präsident der Welttheatergesellschaft. Er hat wie sie, ihre drei Söhne und die eine Tochter immer wieder auch am Welttheater mitgewirkt oder mitgespielt. Veit, ihr drittes Kind, der heutige technische Leiter des Welttheaters, war 1981 gerade mal drei Monate alt, als seine Mutter sich erstmals für eine kleine Rolle verpflichtete.

Der authentische Ausdruck fasziniert

Nach drei Spielperioden in Nebenrollen wünschte sich Kalli Kälin im Jahr 2000 eine grössere Rolle. Wegen ihrer sozialen Ader bot man ihr an, am Welttheater in einer Gruppe mit Menschen mit Behinderung mitzuspielen: «Ich nahm dieses Angebot ehrlich gesagt nur an, um eine spezielle Rolle zu bekommen», gesteht sie. Die erste Begegnung mit den Behinderten sei ihr eher unangenehm gewesen. Aber als sie deren starken Ausdruck gesehen habe, sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen: «Ich dachte, wenn ich in meinem Leben wirklich etwas lernen kann, dann hier in dieser Gruppe. Diese Menschen haben etwas, das wir nicht haben!» Kalli Kälin ist begeistert vom «authentischen Ausdruck» der behinderten Schauspieler. Die Arbeit mit ihnen ist spannend und bereichernd. Regisseur Beat Fäh, der auch mit dem bekannten Behindertentheater Hora Erfahrungen gesammelt hat, weiss um diese Kraft. Als er im Einsiedler Café zufällig sah, wie der gehirngeschädigte Jan impulsiv eine Serviertochter umarmte, bat er gleich dessen Mutter, ihn im Welttheater mitspielen zu lassen.

«Jan ist unser Chaosfaktor», sagt Kalli Kälin. Es sei unvorhersehbar, wie er sich verhalte, darum habe sie eine grosse Verantwortung für ihn auf der Bühne, wo er einen schrägen Vogel spielen wird. «Aber er spielt seine Rolle perfekt.» Sein Kollege Gian meldet sich nun zu Wort und erklärt, der Begriff «behindert» gefalle ihm gar nicht, es wäre ihm lieber, man bräuchte dieses Wort nicht, denn er sei einfach ein Mensch und wolle «gut schauspielern». Autor Krohn spricht ihm im Stück mit diesem Ausruf wohl aus dem Herzen: «Nöd jedä Hick i dr Birä isch ä Chranked.»

Kalli Kälin selbst stellt im aktuellen Spiel eine autistische Figur dar, jemand, der ausserhalb des Geschehens steht. Diese entrückte Daseinsform habe für sie, so sagt sie lachend, ein gewisses «Suchtpotenzial».

Autor: Gabriela Bonin

Fotograf: Tina Steinauer