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05. Oktober 2015

Eine Woche unter Alkoholikern

Einblicke in eine andere Welt – das offeriert die Organisation Seitenwechsel. Migros-Magazin-Redaktor Ralf Kaminski (45) verbrachte Anfang August eine Woche in einem Treffpunkt für schwerstabhängige Alkoholiker. Hier berichtete er jeden Tag von seinen Erfahrungen. Dazu auch die Reportage im Migros-Magazin vom 5. Oktober (rechts: «Nestwärme für Gestrauchelte»).

Utensilien der t-alk-Klienten
Die wichtigsten Utensilien der t-alk-Klienten, die praktisch ausnahmslos alle auch rauchen. (Bilder: Ralf Kaminski)

Freitag, 7. August: DER LETZTE TAG

Sophie Stieger fotografiert den heutigen Küchenchef Andi
Sophie Stieger fotografiert den heutigen Küchenchef Andi bei der Arbeit.

Aufregung im t-alk: Fotografin Sophie Stieger ist heute da und fotografiert für die grosse Reportage im Migros-Magazin. Viele wollen auf gar keinen Fall auf den Fotos zu sehen sein, nicht mal von hinten, anderen ist es völlig egal. Beat und seine Braut Joyce, die heute fürs Mittagessen grilliert, posieren nach kurzem Zögern gerne.

Gerade als sich alle an die Fotografin gewöhnt haben, marschiert ein gross gewachsener, kräftiger Typ rein und fragt, ob es eine kleine Arbeit für ihn zu tun gebe. t-alk-Leiter Raimund weist ihn auf die Fotografin hin, damit er ihr aus dem Weg gehen kann, wenn er will, und schlägt ihm vor, draussen in der Umgebung zu «fötzeln», also Papier und anderen Kleinmüll wegzuräumen.
Eben noch scheint alles friedlich, da fängt der Typ plötzlich an, Raimund übel zu beschimpfen. Der zieht sich erst mal zurück, in der Hoffnung, die Lage so etwas zu entspannen, während die Betreuerinnen Larissa und Andrea die Stellung hinter der Theke halten. Schon jetzt ist klar, dass er mit seinem Verhalten gegen die Hausordnung verstossen hat und gehen muss. Als Andrea ihm das sagt, rüttelt er heftig und aggressiv an der Theke, die bedenklich ins Wanken gerät, aber hält.

Die beiden Frauen weichen sicherheitshalber etwas zurück, Raimund ruft derweil die Polizei an, und der Typ schimpft weiter. «Ich will einen Namen und wissen, wo ich mich beschweren kann!» Tatsächlich bekommt er beides, einen Namen und eine Telefonnummer, und kann so überzeugt werden, den t-alk zu verlassen. «In einer solchen Situation muss man den Leuten einen Weg geben, Dampf abzulassen, das kann er nun bei der Beschwerdestelle», erklärt Raimund später. Die Polizei ist schnell vor Ort, aber der Typ ist mit seinem Velo bereits davon gefahren. Im t-alk kennt ihn niemand, es stellt sich jedoch heraus, dass er normalerweise im nahe gelegenen Sprungbrett/Palettino kleine Gelegenheitsarbeiten macht, dort jedoch Hausverbot hat.
Das gilt nun auch für den t-alk.

Danach beruhigt sich die Lage wieder, und das Mittagessen kann ohne Zwischenfälle genossen und von Sophie dokumentiert werden. Ich führe ein paar letzte Gespräche, etwa mit dem ehemaligen Bierbrauer Andi, der erst seinen Job und dann seine Wohnung verloren hat und auf der Strasse landete. Oder dem früheren Banker Rolf, der heute mit seiner Katze in einem Wohnwagen auf dem Campingplatz Sihlwald lebt und dessen abenteuerliche Lebensgeschichte einen ganzen Roman hergeben würde. Mehr von ihnen und vom t-alk gibt es dann in ein paar Wochen im Migros-Magazin zu lesen.

Die wichtigsten Utensilien der t-alk-Klienten
Die wichtigsten Utensilien der t-alk-Klienten, die praktisch ausnahmslos alle auch rauchen.

Und mein Fazit zum Seitenwechsel? Eine eindrückliche, lehrreiche Woche, die mir gleich mehrere unbekannte Welten erschlossen hat. Ich habe viele sympathische Menschen kennengelernt und einen Ort, der auch jenen eine Chance gibt, die sonst nirgends mehr hin können. Wenn ich künftig in Zürich unterwegs bin, werde ich einigen von ihnen wieder begegnen, mit ihren Bierdosen, vielleicht am Limmatplatz, am Stauffacher oder am HB. Und ich hoffe, ich werde nicht peinlich berührt wegschauen, sondern fragen, wie es ihnen geht.

So wie gestern Abend an der Bäckerstrasse. Da sass ich mit einem Freund vor einem Lokal, als ein junger Somali Hand in Hand mit seiner Freundin vorbei ging. Tags zuvor war er von Ursula in der Bäckeranlage bearbeitet worden, die Jugendberatung Streetwork aufzusuchen. Ich sagte Hallo, er blieb stehen und grüsste zurück. «Ich war also heute dort», erklärte er mit einem Lächeln, «es war wirklich gut. Für morgen habe ich schon den nächsten Termin.»
Ich fragte ihn, ob er auch den einhalten werde. «Ja, ganz sicher. Und danke nochmals», sagte er und ging weiter. Der Dank gebührt natürlich Ursula, nicht mir – und sie wird sich darüber freuen, wenn sie davon erfährt.
Es sind jene vereinzelten Hoffnungsschimmer auf Besserung, für die sich all die Arbeit lohnt.

Donnerstag, 6. August: EINE EXPEDITION IN DEN WALD

Holzarbeiten im Wald oberhalb von Schlieren
Holzarbeiten im Wald oberhalb von Schlieren

Holz spalten ist verdammt harte Arbeit. Man schlägt mit einem schweren Vorschlaghammer auf einen Keil, der sich nach und nach in den Stamm wuchtet, bis dieser in zwei Teile splittert. Und bei einem Bürolisten wie mir dauert sowas eine ganze Weile. Von den diversen Fehlschlägen, die den Keil nicht richtig treffen, gar nicht erst zu reden.

Um mich herum steht ein ganzer Trupp Leute und gibt Tipps, wie ich es besser machen könnte. Aber nach einem mühsam gespalteten Halbstamm verlege ich mich lieber darauf, das gespaltene Holz zu verladen und am Rande eines Waldwegs aufzustapeln. Auch das ist bei 33 Grad im Schatten anstrengend, und meine Bewunderung gilt den vier Männern, die während Stunden Stamm um Stamm in seine Einzelteile spalten.

Vier Franken bekommen sie dafür pro Stunde. Bis letzten April waren es noch sechs, dann beschloss die Politik, dass es den Sozialhilfeempfängern zu gut geht und eine Stundenlohnreduktion sie motivieren wird, sich eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt zu suchen. «Schöne Idee, aber wenn man erfolglos Dutzende Bewerbungen verfasst hat, gibt man irgendwann einfach mal auf», sagt Uwe (38), einer der wackeren Holzspalter. «Vielleicht hat die SVP ja eine Idee, wie wir solche Jobs kriegen könnten?» Daniel (52, im obigen Video), ein früherer Maschinen-Mechaniker mit Hüft- und Rückenproblemen, sekundiert: «Man spürt die finanzielle Reduktion schon. Und es ist nicht gerade sehr motivierend, dass man ausgerechnet jene bestraft, die sich einsetzen und arbeiten wollen.»

Mittagspause der Waldarbeiter mit 4-Gang-Menü
Mittagspause der Waldarbeiter mit 4-Gang-Menü.

Die Männergruppe, mit der ich heute im Wald oberhalb von Schlieren bin, gehört zum Joblade, einem Arbeitsprogramm der Stadt Zürich, das bis vor kurzem organisatorisch mit dem t-alk verbunden war und sich an Menschen richtet, die Sozialhilfe oder IV beziehen. Es ermöglicht ihnen einfache Arbeiten aller Art und einen kleinen Zusatzverdienst, maximal 50 Stunden à 4 Franken pro Monat. Die Klientel ist aber eine ganz andere als im t-alk, körperlich wesentlich besser beieinander und völlig alkoholfrei.

Geleitet wird die Gruppe im Wald vom Arbeitsagogen Markus (47), der schon seit acht Jahren beim Joblade arbeitet. «Natürlich kommen die meisten wegen dem Zusatzverdienst, einige aber auch nur, weil sie froh sind um eine Tagesstruktur, etwas Gesellschaft und das warme Mittagessen.» Während nämlich die Männer im Wald schuften, werkelt Koch Rolf in einer Art Wohnwagen neben einer Forsthütte und zaubert tatsächlich ein richtig gutes 4-Gang-Menü für die Mittagspause – mit einem Budget von 8 Franken pro Person.

Konflikte sind seltener als im t-alk, kommen aber auch vor. «Einige können recht stur sein, es fällt ihnen schwer, sich anzupassen», sagt Markus. «Und um sich im System zu bewähren, muss man sich anpassen. Wer das nicht kann oder will, fällt irgendwann raus.»

Eine Kreation aus dem Atelier
Eine Kreation aus dem Sprungbrett/Palettino-Atelier

Ein ähnliches Publikum findet sich auch im Sprungbrett/Palettino, das ebenfalls bis vor kurzem organisatorisch zum t-alk gehörte und eine breite Palette an einfachen Arbeiten für Sozialhilfeempfänger bietet: Ein Atelier für Näharbeiten, eine Werkstatt für teils anspruchsvolle Holzarbeiten, eine Wäscherei, Landschaftspflege und eine Küche. Letztere leitet Holger Fehrst (52), ein früherer Küchenchef von mehreren 4-Sterne-Hotels. Auch er hat sich zum Arbeitsagogen weiterbilden lassen und kreiert nun jede Woche mit einer Praktikantin und mehreren Klienten fünf nahrhafte und kreative Mittagsmenüs, ebenfalls mit kleinem Budget.

Das Wochenmenü im Sprungbrett/Palettino
Das Wochenmenü im Sprungbrett/Palettino

Wer mehr als vier Stunden am Tag im Arbeitsprogramm aktiv ist, bekommt es gratis, alle anderen zahlen vier Franken. «Bis letzten Frühling haben wir oft 50 oder mehr Menüs pro Tag gemacht», sagt der Küchenchef. «Aber seit der Lohnreduktion kommen schon deutlich weniger Leute.» Der Job in der Küche ist übrigens besonders begehrt. Einige stellen sich morgens extra früh in die Schlange, damit sie um 8.30 Uhr, wenn die ca. 50 Arbeitsplätze des Vormittags verteilt werden, an ihrem bevorzugten Arbeitsort landen.

t-alk-Klienten finden sich aber im Joblade und bei Sprungbrett/Palettino nur vereinzelt. «Für viele sind diese Arbeiten bereits zu anspruchsvoll», sagt Raimund, Leiter des t-alk. «Vor allem dürfen sie dort nicht trinken – und das schaffen viele schlicht nicht so lange.»

PS: Die Waldarbeiter aus dem Joblade liefern auch Feuerholz für den Garten, zum Grillieren oder für Cheminées, direkt nach Hause. Es kostet vielleicht ein bisschen mehr als woanders, aber mit jeder Bestellung unterstützt man die Arbeit, die dort geleistet wird.


Mittwoch, 5. August: AUF DER GASSE UNTERWEGS

«Wo genau ist der Zwingliplatz?» Patrick schaut Ursula und mich fragend an. Sie hat ihm soeben einen Arzttermin für Donnerstag um 9 Uhr organisiert, per Handy, direkt von der Bäckeranlage aus. Patrick nämlich braucht einen stationären Entzug, und der muss von einem Arzt verordnet werden. Aber das funktioniert nur, wenn Patrick es schafft, am nächsten Tag zur verabredeten Zeit am Zwingliplatz 1 zu erscheinen. Ich zeige ihm mit Google Maps auf dem Handy, wo das ist, aber weder die Begriffe Niederdorf noch Limmatquai noch Grossmünster scheinen dem jungen Somalier etwas zu sagen, obwohl er behauptet, schon seit 15 Jahren hier zu sein. Ich schreibe ihm den Weg ab HB auf ein Stück Papier.

Wird er den Termin morgen wahrnehmen? Ursula Birri (54) zweifelt. Sie kennt ihn schon lange, wie so viele, die Tag für Tag an der Bäckeranlage im Zürcher Kreis 4 rumhängen. Jeden Mittwochnachmittag von 15-17 Uhr ist sie dort unterwegs, spricht die Leute an, fragt, wie es ihnen geht, ob sie Hilfe brauchen. Und Patrick braucht definitiv Hilfe. «Aber ich kann ihm nur immer wieder Wege bahnen, gehen muss er sie selber.»

Die Sozialarbeiterin kennt die lokalen Hilfsstrukturen wie wohl kaum eine andere. Sie ist seit 25 Jahren auf den Strassen Zürichs unterwegs, um Drogen- und Akoholkranken, Obdachlosen und psychisch Angeschlagenen zu helfen. Während der Zeit der offenen Drogenszene am Letten hat sie damit angefangen, mittlerweile gehört sie zum Betreuungs-Team des t-alk und macht immer mittwochs so genannte Aufsuchende Sozialarbeit in der Bäckeranlage. «Alle auf der Strasse kennen Ursula», sagt Raimund, der Leiter des t-alk. Und genau so ist es auch – wo sie hinkommt, wird sie freundlich begrüsst und angesprochen. Ab und zu gibt es Ausnahmen, Leute, die auch sie zum ersten Mal sieht. Die spricht sie dann an, versucht abzuschätzen, was mit ihnen los ist, ob sie helfen kann. «Aber zuerst muss man eine Beziehung aufbauen, das dauert meist eine Weile.» So freut sie sich dann auch richtig, als sie auf eine Frau stösst, die freundlich grüsst und sogar ein paar Worte mit ihr wechselt. «Das ist das erste Mal überhaupt, sonst hat sie mich immer nur angeschrieen.»

Ursula Birri während einer kurzen Pause in der Bäckeranlage.
Ursula Birri während einer kurzen Pause in der Bäckeranlage.

Nach vier, fünf Gesprächen braucht allerdings auch sie eine Pause, um aufzutanken für die nächste Runde. Der Umgang mit den Randständigen ist anstrengend. Wir setzen uns ins Café am Park, trinken etwas und desinfizieren unsere Hände mit einer Flüssigkeit.

Die Bäckeranlage ist ein seltsames Biotop: Spielende Kinder am Brunnen, picknickende Familien auf der Wiese und sozial Randständige rundherum auf den schattigen Bänken. «Das funktioniert nur, weil die Polizei und die SIP einen so guten Job machen», sagt Ursula. Trotzdem kann es ruppiger zugehen als im t-alk, denn hier ist keine stets wachende Autorität, die eingreifen oder Hausverbot erteilen kann. So kickt an diesem Nachmittag ein sichtlich alkoholisierter Typ den mit Getränken gefüllten Plastiksack eines anderen weg, als wir gerade vorbeikommen.

Sozialarbeiterin Ursula Birri organisiert einen Termin für einen Klienten in der Bäckeranlage.
Sozialarbeiterin Ursula Birri organisiert einen Termin für einen Klienten in der Bäckeranlage.

«Hau bloss ab und komm nie wieder!» schreit er den anderen in sehr aggressivem Ton an. Ursula ignoriert das zunächst und unterhält sich ruhig mit einer Frau, die neben dem Aufgeregten auf der Bank sitzt; aber als dieser kurz davor steht, auf den anderen loszugehen, fasst sie ihn schliesslich am Oberarm. Das erlaubt sie sich, weil die beiden sich gut kennen – und es funktioniert: Eine Minute später unterhalten sie sich ganz ruhig und freundlich, während der andere noch aus sicherer Distanz lautstark schimpft und seine zerbrochene Wodkaflasche beklagt.

t-alk Praktikant Daniel während seines Vortrags bei der Teamsitzung.
t-alk Praktikant Daniel während seines Vortrags bei der Teamsitzung.

Wer täglich so viel Schwieriges erlebt, braucht zwischendurch auch Reflektion und Aussprache. Immer am Mittwochvormittag gibts eine Teamsitzung im t-alk, an der die Betreuer komplizierte Fälle diskutieren, aber den Kollegen auch signalisieren können, wenn ihnen etwas zuviel wird oder eine bestimmte Situation mit einem Klienten Sorgen macht. Oft gibt es auch einen Theorie-Input, der an diesem Tag von Daniel (27) geliefert wird, dem Praktikanten des t-alk, der bei der ZHAW soziale Arbeit studiert und nach vier Monaten nun Halbzeit hat im Alkoholikertreff. Er erklärt anhand der Anomie-Theorie, auf welche Weise Menschen reagieren, die aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage sind, gesellschaftlich anerkannte Ziele zu erreichen (einen guten Job, finanzielle Sicherheit, Eigenheim, Familie etc.). Viele der Klienten im t-alk waren genau in dieser Situation, und ihre Reaktion bestand darin, diese wahrgenommenen Defizite in Alkohol zu ertränken. Was natürlich alles nur noch schlimmer machte.

Dienstag, 4. August: EIN PAAR ERNSTE GESPRÄCHE

Kurz vor Feierabend wird es dann doch noch laut: René, der Grillmeister vom Vortag, hat Mike ein Fisherman's Friends ins Bier geschmissen, was den künftigen Bräutigam Beat so aufregt, dass er ihn drohend anschimpft. Alle an dem runden Tisch im Raucherraum sind nach stundenlangem Bierkonsum ziemlich verladen, aber Beat reagiert so heftig, weil er als ehemaliger Rausschmeisser in Clubs sensibilisiert darauf ist, dass es Leute gibt, die anderen Leuten mit bösen Absichten irgendwelche Substanzen unbemerkt ins Getränk schütten. Die Betreuer Silvia und Andrea eilen sofort an den Tisch und versuchen, alle drei zu beruhigen, bevor aus lauten Worten am Ende noch Taten werden.

Doch es braucht mehrere Anläufe, weil immer einer das Thema erneut aufbringt, wenn sich die Runde gerade wieder beruhigt hat. Mike will eine Entschuldigung, René weist daraufhin, dass es ja nur ein Fisherman's Friends war und will wissen, ob er jetzt deswegen auf die Knie gehen müsse. «So, jetzt ist aber Schluss», fährt Silvia noch einmal entschieden dazwischen, «die Sache ist geklärt und basta!» René sieht seinen Fehler schliesslich doch noch ein, und Beat entschuldigt sich sogar, dass er so laut geworden ist. So verlässt die Runde wenige Minuten später halbwegs in Frieden den t-alk – nicht ohne vorher noch die verbleibenden Bierbüchsen aus dem Kühlschrank einzupacken, der Abend ist schliesslich noch lang.

Wir haben genügend Zeit, mit Raimund Horn (46) ein paar grundsätzliche Fragen zum Alkoholikertreff zu klären.

Ansonsten war es bis tief in den Nachmittag hinein ein relativ ruhiger Tag im Alkoholikertreff. Was auch daran liegt, dass jeweils ab dem 4. des Monats Sozialhilfe und IV ausbezahlt wird. «Wenn sie Geld haben, gehen sie gerne woanders hin, wo sie auch härtere Sachen trinken können», erklärt Raimund, der Leiter des t-alk.

Auch ein längeres Gespräch mit Andrea liegt drin. Der Psychiatriepfleger ist seit den Anfängen des t-alk im Team und leitet dort nebenbei noch ein Programm namens KT – Kontrolliertes Trinken. Wiewohl es nicht das Ziel ist, die Klienten des t-alk vom Alkohol zu entwöhnen, gibt es doch einige, die aus gesundheitlichen Gründen oder schlichter Einsicht ihren Konsum zumindest reduzieren wollen. Kontrolliertes Trinken hilft dabei. «Dabei legt man für eine Woche fest, wie viel man trinken will», erklärt Andrea. Zum Beispiel zwei Tage gar nicht, und die restlichen fünf Tage nicht mehr als fünf Büchsen Bier pro Tag, maximal also 25 pro Woche.

«Dabei ist entscheidend, dass man sich realistische Ziele setzt. Ansonsten endet das nur in Frustration und dem raschen Abbruch des Programms.» Andrea hat über die Jahre immer wieder Leute im t-alk betreut, die das versucht haben. «Es braucht sehr viel Willenskraft und Organisationstalent, um durchzuhalten.» Zudem hilft es, wenn man das Programm als Gruppe angeht. «Denn dann sitzen alle im gleichen Boot, können sich gegenseitig unterstützen und einander Tipps geben.» Einzelne konnten so mit Erfolg ihren Konsum reduzieren, andere haben irgendwann wieder aufgegeben. Aber jene, die es schaffen, kommen dann nicht mehr in den t-alk und verzichten auf einen wichtigen Teil ihres Soziallebens. Die Versuchung, mit den anderen dort den ganzen Tag mitzubechern, ist einfach zu gross.

Montag, 3. August 2015: LAUTER NETTE LEUTE

Natürlich haben die Betreuerinnen und Betreuer des t-alk alle eine Menge abenteuerliche Geschichten auf Lager, aber mein erster Tag im Alkoholikertreff hätte friedlicher und freundlicher nicht sein können. «Fast ein bisschen langweilig», kommentiert Larissa, die seit bald zwei Jahren dabei ist und inzwischen eine Menge Erfahrung darin hat, deeskalierend einzugreifen, wenn zwei der Klienten plötzlich laut werden. «Am besten so früh wie möglich, wenn sie erst mal auf 180 sind, dann hilft gar nichts mehr.» Meist bekommt dann der, der lauter ist, Hausverbot, ein oder zwei Tage, länger nur in schweren Fällen. «Für viele ist es hart, wenn sie länger als drei Tage nicht kommen dürfen», sagt Larissa.

Der Lieferwagen der Schweizer Tafel
Der Lieferwagen der Schweizer Tafel, der immer montags gratis Lebensmittel liefert.

Tatsächlich ist das t-alk sowas wie ein Gemeinschaftszentrum für jene, denen woanders keine Gemeinschaft mehr gewährt wird. Praktisch alle kennen sich, ein paar Stammkunden sind schon seit Jahren fast jeden Tag dort, die Atmosphäre ist überaus familiär und entspannt. Markus, ein stämmiger Typ mit Vollbart, dem man seine Sucht nicht ansieht, fängt gleich an, das Mittagessen vorzubereiten, als er um 10 Uhr eintrifft.
Es gibt Rahmschnitzel mit Nudeln und Rüebli. Er hat selbständig eingekauft, das Budget beträgt jeweils 70 Franken. Der Job ist begehrt, weil er mit 4 Franken pro Stunde entlöhnt wird. Und Markus stammt aus der Gastrobranche, er weiss also, wie man ein Menü für 20 Leute kocht. Immer montags kommt ausserdem ein Wagen der Schweizer Tafel vorbei, voll mit Gratis-Lebensmitteln nahe am Ablaufdatum, welche Grossverteiler wie die Migros gespendet haben. Markus jedoch bevorzugt die aus seiner Sicht frischeren Lebensmittel aus dem Laden.

René beim Grillieren
René beim Grillieren.

Unterstützt wird er heute von René, der draussen im kleinen Gärtchen am Grill steht und das Fleisch brät: Eine Arbeit, die er gerne macht, auch wenn er, wie er sagt, das Geld eigentlich nicht bräuchte. Er kommt vor allem der Gesellschaft wegen, ist auch nicht jeden Tag da. Am Dienstag etwa will er auf sein kleines Boot im Schanzengraben und das schöne Wetter geniessen. Darin hat er auch schon mal eine Zeit lang übernachtet, als er aus seiner Wohnung raus musste und nichts Neues fand. Inzwischen hat er aber wieder ein Zimmer.

Rund zwei Dutzend Leute sind es mittags um 12 Uhr, als das Essen bereit ist; viele Männer, ein paar wenige Frauen. Ein Teller kostet 4 Franken, ab 14 Uhr gibts dann noch eine Suppe, gratis. Wasser, Sirup, Tee gibts ebenfalls gratis, Kaffee kostet 50 Rappen pro Tasse. Aber nur wenige nutzen dieses Angebot, die meisten trinken fast ohne Unterlass Bier oder Wein, beides müssen sie selbst mitbringen – Härteres ist nicht erlaubt, wer damit erwischt wird, riskiert Hausverbot. «Die meisten hier kommen keine zwei, drei Stunden ohne Alkohol aus», erklärt Larissa. «Würden wir ihnen den verbieten, kämen sie nicht.»

So bleiben viele der Klienten den ganzen Tag, einige nutzen die Dusche und die Waschmaschine, andere lesen oder schlafen. Die meisten jedoch sind sehr gesprächig und interessiert: Beat erklärt mir, warum er keine iPhones und iPads mag (man kann sie nicht erweitern, anders als Samsung), Rolf erzählt von seinen früheren, nicht immer erfreulichen Medienerfahrungen (aber immerhin bekam er als Bettler-Model für einen Fotografen auch schon mal 1000 Franken), und mit Said aus Marokko, Paul aus Polen und Mike aus der Schweiz debattiere ich die Historie des Nahen Ostens, Päpste und den Mauerfall. Es könnte auch irgendein Stammtisch in einer ganz gewöhnlichen Beiz sein.

Etwas Aussergewöhnliches passiert dann doch noch: Beat fragt Raimund, den Leiter des t-alk, ob er ihm das Gebäude für einen Abend vermieten würde – er wird nämlich am 13. August heiraten und möchte am 14. eine kleine Party machen. Raimund lehnt ab, bietet aber an, an dem Tag von 16 bis 21 Uhr eine geschlossene Gesellschaft unter seiner Aufsicht zu machen, so dass Beat einladen kann, wen er will, das t-alk aber dennoch die Kontrolle nicht abgibt. «Wir helfen dir auch zu dekorieren, und ich spendiere die Hochzeitstorte», sagt Raimund. Beat schlägt ein und freut sich.

Der Alkoholikertreff t-alk
Der Alkoholikertreff t-alk.


Sonntag, 2. August 2015: VOR DEM START IN EINE NEUE WELT

Die Weiterbildungs-Organisation Seitenwechsel verspricht einen Ausflug in eine andere Welt und ein anderes Arbeitsleben. Warum aber ausgerechnet der Alkoholikertreff t-alk? Wer in Zürich am Limmatplatz arbeitet, wo sich die Redaktion des Migros-Magazins befindet, begegnet diesen Leuten praktisch täglich.

Ralf Kaminski wagt sich auf ungewohntes Terrain.
Ralf Kaminski wagt sich auf ungewohntes Terrain.

Sie sitzen bei der Tramhaltestelle mit der Bierbüchse in der Hand, wanken durch die Langstrasse, krakeelen sich im 32er-Bus ihren Frust über Gott und die Welt von der Seele, betteln um ein paar Franken. Mit der Zeit gewöhnt man sich an sie, und es fällt nicht schwer, sie zu ignorieren. Wer im Bus Pech hat und direkt neben einem Krakeeler steht, schaut angestrengt in sein Smartphone oder betreten zur Seite. Wer direkt angeschimpft wird, schweigt stoisch, denn antworten macht es nur schlimmer und noch unangenehmer.

Alkoholiker gehören zum Stadtbild und sind doch irgendwie durch die Maschen der Gesellschaft gefallen. Irgendwas ist schief gegangen in ihrem Leben, und vielleicht wenden wir uns auch deshalb gerne unangenehm berührt von ihnen ab, weil wir uns nicht eingestehen wollen, wie schnell etwas auch bei uns schief gehen könnte, wie wenig es bräuchte, um vielleicht auch uns aus der Bahn unseres wohlgeregelten Lebens und Alltags zu werfen.

Ziel der Organisation Seitenwechsel ist es, die Teilnehmer mit anderen Welten zu konfrontieren. Sie sollen ihre Komfortzone verlassen, Mut entwickeln, Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten, ihre Krisenresistenz stärken. Statt betreten vorbeizugehen oder stoisch wegzuschauen, werde ich nun fünf Tage lang im Betreuungsteam des t-alk direkt mit schwerst alkoholabhängigen Frauen und Männern zu tun haben, mit ihnen sprechen, kochen, spielen, ihnen helfen und zuhören.

Damit verlasse ich definitiv meine Komfortzone und bewege mich in einer ungewohnten Welt. Ob noch mehr passiert? Mal schauen.

Der Griff zur Dose
Der Griff zur Dose ist bei Alkoholikern Alltag. (Bild: Keystone)

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Ralf Kaminski