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12. Dezember 2011

Eine weise Kämpferin

Dank Frauen wie Marthe Gosteli haben die Schweizerinnen vor 40 Jahren das Stimmrecht erhalten. Zum Ende des Jubeljahres wird sie jetzt mit dem Menschenrechtspreis geehrt. Doch für die 93-Jährige ist der Kampf noch lange nicht zu Ende.

Marthe Gosteli
Marthe Gosteli kämpfte an vorderster Front für das Frauenstimmrecht. 1982 hat sie das Frauenarchiv der Schweiz ins Leben gerufen – in ihrem Wohnhaus.

Marthe Gosteli (93) sitzt in der kleinen Bibliothek ihres Hauses in Worblaufen BE und blickt ernst und aufmerksam. Um sie herum füllen Bücher die Gestelle vom Boden bis zur Decke. Das ganze verwinkelte Haus mit den knarrenden Böden ist voll von Büchern, Zeitungen und anderen historischen Schriften, welche die Schweizer Frauenbewegung dokumentieren — alles fein säuberlich in beschrifteten Archivboxen abgelegt.

Es ist das Frauenarchiv der Schweiz, Gosteli hat es 1982 ins Leben gerufen. Sie freut sich über jeden Besucher und hofft insbesondere auf junge Frauen, die sich dafür interessieren. «Ohne Kenntnis der Geschichte gibt es keine Zukunft», sagt sie, «wir dürfen die Geschehnisse nicht vergessen.» Das wird der Frauenrechtlerin kaum passieren. In wenigen Tagen wird sie 94 Jahre alt, und sie hat fast ein Jahrhundert Frauenbewegung miterlebt. Sie erinnert sich genau: an Mitstreiter und Gegnerinnen, Abstimmungsdaten, an die Worte, die ihren Kampf begleiteten, und die Gefühle, die ihn prägten: «Ich weiss noch genau, wie ich als junge Frau in einen Kinderwagen schaute und einen Buben dort liegen sah. Ich dachte: Wenn du 20 bist, darfst du abstimmen und wählen. Ich nicht.» Das ärgerte die junge Marthe Gosteli, das wollte sie nicht hinnehmen. Ebenso wenig wie die Meinung einzelner Männer, dass Frauen bildungsunfähig seien. «Schlimm», sagt Marthe Gosteli. Immerhin, solche Erlebnisse gaben ihr den Antrieb für ihr Engagement. «Drive», sagt sie und klopft sich auf die Brust.

Mit 23 stieg Gosteli in die Frauenbewegung ein

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete die Bauerntochter bei der Presse- und Rundfunkabteilung des Armeestabs, danach leitete sie die Filmabteilung des Infomationsdienstes der amerikanischen Botschaft. Mit 23 stieg Gosteli in die Frauenbewegung ein, in die «grösste unblutige Revolution des letzten Jahrhunderts», wie sie sagt. Mitte der 60er-Jahre gab sie die Berufstätigkeit auf und lebte vom Erlös aus Landverkäufen des elterlichen Bauernhofs. 1964 wurde sie Präsidentin des bernischen Frauenstimmrechtsvereins, später Vizepräsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenorganisationen, der heutigen Alliance F.

Sie und ihre Gesinnungsgenossinnen gingen sanft, aber hartnäckig vor. Die grosse Herausforderung: Männer mussten überzeugt werden, denn sie entschieden ja über die Stellung der Frau. «Das funktionierte nicht mit dem Holzhammer», sagt Gosteli, «sondern nur mit viel Feingefühl.» Und mit erstaunlich viel Verständnis für das starke Geschlecht: «Männer dachten wirklich, dass Frauen nicht für die Politik geschaffen sind. Sie wussten es einfach nicht besser.» «Aufklärung, Schulung, Bildung», lautete die Parole der Frauen. «Denn ohne Bildung gibt es keine Unabhängigkeit», sagt Gosteli.

Man sah es gar nicht gern, dass drei Frauen einen Hof besitzen.

Sie redet sich in Fahrt, zückt da eine Broschüre und klopft dort auf ein Buch. Dass gebildete Frauen der Wirtschaft nützten, überzeugte schliesslich viele Männer. In ländlichen Gegenden hingegen mussten selbst Frauen sachte an die Gleichberechtigung herangeführt werden. «Wir konnten den Bäuerinnen nicht sagen, dass wir vom Frauenstimmrechtsverein kamen», erklärt Gosteli. Also sagte man: «Es geht um die Mitarbeit der Frauen in den Gemeinden» und organisierte entsprechende Kurse. Von Männern kam oft Unterstützung, der Feind war nicht selten weiblich.

Auf einen Stock gestützt, geht die betagte Frau über den Gang in ihr geräumiges Büro, um Bilder auszusuchen. Das Anwesen, auf dem sie lebt, war früher der Bauernhof ihrer Eltern. Hier ist Marthe Gosteli aufgewachsen, in einem fortschrittlichen Elternhaus, wie sie sagt. Schon die Mutter war beim Frauenstimmrechtsverein. Vater Gosteli war Mitglied bei der BGB, der Bauern-, Gewerbe und Bürgerpartei, aus der später die SVP hervorging. Mit ihr und ihrer Schwester diskutierten die Eltern am Tisch oft über Politik. Als der Vater starb und die drei Gosteli-Frauen den Betrieb weiterführen wollten, holte die Realität sie wieder ein: «Man sah es gar nicht gern, dass drei Frauen einen Hof besitzen, und versuchte, ihn uns wegzunehmen.» Wieder Unmut, noch mehr Drive für die kämpferische Frau. Der Hof blieb in Frauenhand.

Ich war für die Ehe nicht geeignet.

Die Entrüstung, die sie jahrzehntelang für die Gleichstellung der Frau kämpfen liess, treibt die Seniorin noch heute um. Verfolgt sie das politische Geschehen noch? «Ja, leider», sagt sie lachend. Meist am Fernsehen, nachts, wenn sie nicht schlafen kann. Es gefällt ihr vieles nicht, was sie dort sieht: «Die Frauenbewegung hat einen schmerzhaften Rückschritt erlitten», sagt sie, «junge Frauen bemühen sich nicht mehr darum.» Und, noch schlimmer: «In Bezug auf die politische Geschichte der Schweiz herrscht ein Bildungsnotstand, der mich entsetzt», sagt die Frauenrechtlerin. Selber hat sie keine Nachkommen, denen sie eine politische Erziehung angedeihen lassen könnte. «Ich war für die Ehe nicht geeignet», sagt sie, «und ich hätte all das nicht erreicht, was ich erreicht habe.»

Ihre grösste Errungenschaft: Als Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die Rechte der Frau trug sie wesentlich zur Annahme des Frauenstimmrechts bei. Vor zehn Monaten feierte die Schweiz das 40-jährige Bestehen. Marthe Gosteli wurde interviewt, zu Champagnerapéros eingeladen und geehrt. Doch sie winkt ab: «Was sind schon 40 Jahre!» Am vergangenen Samstag bekam sie für ihren Einsatz den Schweizer Menschenrechtspreis überreicht. Anfang November erschien «Gerechtigkeit erhöht ein Volk», ein für die Sekundarschule konzipiertes Lehrmittel. Gosteli hat daran mitgearbeitet.

Sie findet: Es gibt noch viel zu tun. Im Sorgerecht gebe es einen grossen Missstand, nun sollten sich die Männer emanzipieren. «Jetzt müssen Frauen und Männer zusammen kämpfen», sagt Gosteli, das hätten viele Frauen noch nicht begriffen. Ein Fall für Aufklärung, Schulung, Bildung.

Infos zum Gosteli-Archiv: www.gosteli-foundation.ch

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Marco Zanoni