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04. August 2014

Eine Tour, die nicht schlaucht

Auf einem Luftschlauch, Tube genannt, vom Land gemütlich in die Stadt gondeln: Das ist auf der Aare zwischen Uttigen und Bern möglich. Dabei wähnt man sich in den Weiten der kanadischen Rockies.

Mit dem Luftschlauch auf der Aare
Kühles Vergnügen in der Aare: Im Kunststoffring unterwegs in der Flusslandschaft zwischen dem Start in Uttigen (links) 
und Bern.

Mit dem Rücken zum Fluss stehe ich zusammen mit Michi (44), Adrian (19), Basil (20), Noel (19), Selina (18) und Fabian (22) auf den Felsen am Ufer. Den Tube genannten grossen Luftreifen fest in Händen und an den Po gepresst, bereiten wir uns auf den Sprung vor. Neil, Inhaber der Tube-Vermietung und gebürtiger Engländer, zählt «eins, zwei … drei» – platsch, das 17 Grad kalte Aarewasser spritzt uns nass, dann nimmt uns die Strömung auf die knapp dreistündige Reise bis Bern mit. Das Einwassern hier, beim kleinen Dörfchen Uttigen, wird der einzige richtige Adrenalinkick bleiben, und so solls auch sein: Neil hat schon bei der Einführung klar gesagt: «Nehmt es ruhig, easy … entspannt euch.» Der 33-Jährige bestreitet hier bereits seine achte Saison und begleitet uns heute als Guide. Unsere Gruppe besteht aus fünf Jugendlichen um die zwanzig und zwei Mittvierzigern.

Die schöne, schöne, schöne Aare hinunter

Schnell zeigt sich, dass man das Tubing alters- beziehungsweise bedürfnisgerecht auf drei Arten ausführen kann: einerseits akrobatisch, indem man versucht, auf dem wackligen Tube zu stehen oder sogar den Kopfstand zu machen – meist mit nassem Ausgang –, anderseits kommunikativ: Man hält sich gegenseitig an den Tubes und bildet so ein Reifenkonglomerat, währenddem der neuste Klatsch und Tratsch ausgetauscht werden kann. Und zu guter Letzt gibt es noch die Variante meditativ, wie sie die zwei älteren Semester gewählt haben: Man lässt sich individuell treiben und hängt friedlich seinen Gedanken nach. Wer die meditative Form gewählt hat, schaukelt so meist in der Fluss­mitte vor sich hin, aber immerhin in beachtlichem Tempo: Rund neun bis zehn Kilometer pro Stunde schnell ist die Strömung der Aare. Im Tube sitzt man ein wenig wie im Liegestuhl: zurückgelehnt, der Po hängt im Reifeninnern etwas ins Wasser, die Füsse liegen bequem auf dem vor sich hin schwimmenden Trockensack, in dem sich Picknick, Getränk und Sonnencreme befinden. Nur selten brauchen wir die Hände zum Paddeln. Weil sich der Tube meist langsam um die eigene Achse dreht, können wir das 360-Grad-Panorama ohne eigenes Dazutun geniessen.

Ein kleiner Startsprung - ab dann gehts «easy» zu und her, wie der Guide sagt.
Ein kleiner Startsprung - ab dann gehts «easy» zu und her, wie der Guide sagt.

Wir müssen Endo Anaconda von der Berner Band Stiller Has recht geben, der da singt: «Gang doch e chli der Aare naa, dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa.» Es ist tatsächlich schön hier. Flussaufwärts blicken wir über das strudelnde Wasser bis zu den schneebedeckten Hängen des Blüemlisalpmassivs. Auch dieses wurde von einem Berner Troubadour in einem Lied verewigt: «Blüemlisalp i re Summernacht …», singt Polo Hofer.

Flussabwärts sind einzig das türkisgrüne Wasser, die mit Büschen und Bäumen dicht bewachsenen, dunkelgrünen Ufer und der blaue Himmel zu sehen. Kein Wunder, wähnt man sich hier in den weiten Wäldern der kanadischen Rockies. Und tatsächlich erblicken wir auch einen Bären am Ufer. Gut, beim Näherkommen stellt sich dieser dann als grosser, sehr zotteliger Hund heraus. Wieder haben wir Endo Anaconda im Ohr: «Lue mal wie d Hündeler hündele mit ihrne Hünd, dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa.» Davon, dass wir hier nicht in der absoluten Wildnis sind, zeugen ausserdem die Betonbrücken, die sich hie und da über den Fluss spannen.

Und wo, bitte, ist denn hier die Stadt?

Auf einer neuen Insel machen wir Picknick. Neu deshalb, weil die Aare auf der Strecke Thun–Bern im Rahmen eines Hochwasserschutzprojekts derzeit teilweise renaturiert wird. So entstehen neue Ufer, Seitenarme und Inselchen. Nur wenige Gummiboote fahren an uns vorbei. Das sehe an schönen Sommerferien-Wochenenden etwas anders aus, verrät uns Neil. «Da kannst du locker ans andere Ufer laufen, so viele Boote, Luftmatratzen oder Tubes sind dann auf dem Fluss unterwegs.» Daraufhin gondeln wir entspannt weiter. Seit gut zwei Stunden sind wir mittlerweile unterwegs und nähern uns langsam der Stadt Bern.

Dreistündiges Treibenlassen in der 17 Grad kühlen Aare.
Dreistündiges Treibenlassen in der 17 Grad kühlen Aare.

Der Lärm eines startenden Flugzeugs durchbricht die Ruhe. Schon wieder ein Ort, der es ins nationale Liedgut geschafft hat: «Bälpmoos – schpick mi furt vo hie», singt Büne Huber von der Berner Band Patent Ochsner. Links von uns, hinter den Büschen, im Gebiet Belpmoos befindet sich der Flugplatz Bern-Belp. Rechts zieht bald darauf das einsam stehende Fähri-Beizli an uns vorbei, und genau hier haben wir nun auch die Stadtgrenze von Bern erreicht.

Es ist ganz anders, als wir uns das vorgestellt haben: Wir haben Beton, Häuser, Strassen, Autos, Menschen erwartet – tatsächlich aber finden wir auch hier grösstenteils Wasser, Büsche, Bäume. Vor der letzten Kurve gilt es ausnahmsweise, so richtig mit den Händen zu paddeln, denn hier müssen wir uns aus der starken Strömung ans linke Ufer kämpfen, wo wir beim Camping und Park Eichholz an Land gehen. Und ja …genau, jetzt sehen wir weiter flussabwärts zwei Wohnblöcke hinter den Baumwipfeln hervorgucken. Das lässt uns doch noch glauben, dass es hier in der Nähe tatsächlich eine richtige Stadt gibt.

Autor: Üsé Meyer