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04. Juni 2012

Eine stachelige Leidenschaft

Arnold Peter aus Unterstammheim züchtet seit über einem halben Jahrhundert Kakteen. Mit seinen mitunter bizarr anmutenden Kreationen bringt er selbst Experten zum Staunen.

Arnold Peter
Arnold Peter ist auch mit 81 Jahren noch voller Leidenschaft für seine über 1000 Kakteen.

«Bergler», «Sanftmütige» und «Kommunisten»: Arnold Peters Lieblings-Kakteen mit Erläuterungen im Bild.

Alles begann mit einem Briefchen voller Samen, das Arnold Peter (81) 1957 in einer Gärtnerei gekauft hatte. Als er die winzigen Samen in einen Topfuntersatz voller Erde streute, wollte er lediglich in Erfahrung bringen, ob Kakteen ein oder zwei Keimblätter haben. Doch seine Neugierde bescherte ihm ein Hobby, das ihn seither nicht mehr losgelassen hat.

Mehr als fünf Jahrzehnte später zählt die Kakteensammlung des pensionierten Lehrers über 1000 Pflanzen. In seinem Gewächshaus in Unterstammheim ZH wachsen sogar Kakteen, die in der Natur ausgerottet worden sind. Doch Arnold Peter begnügt sich nicht damit, seine Pflanzen zu hegen und zu pflegen, er vermehrt sie auch auf unterschiedliche Art und Weise. Mit einem feinen Pinsel spielt er Bienchen und bestäubt Blüten, aus denen er später Samen gewinnt. So vermehrt er Kakteen durch Aussaat, Stecklinge oder Pfropfungen. Beim Pfropfen setzt er zwei verschiedene Pflanzenteile aufeinander. Bis sie zusammengewachsen sind, befestigt er sie je nach Grösse mit Gummibändern oder Wäscheklammern.

«Im Vergleich mit einer wurzelechten wächst eine gepfropfte Pflanze besser und blüht früher», sagt er fachmännisch. Arnold Peters zum Teil kühn anmutende Pfropfungen haben selbst Experten aufhorchen lassen: Sie sind so perfekt, dass mit der Zeit auch ein Fachmann nichts mehr von der Wirtspflanze erkennen kann. Trotzdem lässt der Kakteenzüchter sich nicht gerne als Koryphäe betiteln. Sobald dieser Begriff fällt, schüttelt er in aller Bescheidenheit vehement seinen weissen Schopf.

Hedi Peter mag die Stacheln der Lieblinge ihres Mannes nicht

Dabei sind dank Arnold Peters Experimentierfreudigkeit und Sachkenntnis Dutzende von Eigenkreationen entstanden, deren Blütenpracht und -farben Hobbygärtner wie Experten gleichermassen begeistern. Er beliefert schon seit Jahren Gärtnereien in Deutschland mit exklusivem Saatgut.

Kakteenzüchter Arnold Peter in seinem Gewächshaus mit einer Schale aufgepfropfter Kakteen.
Kakteenzüchter Arnold Peter in seinem Gewächshaus mit einer Schale aufgepfropfter Kakteen.

Einmal im Jahr bietet Arnold Peter seine Jungpflanzen an einem Kakteenmarkt feil. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau. «Sie ist die bessere Verkäuferin», sagt er. Ansonsten lasse sie lieber die Finger von Kakteen, sagt Hedi Peter (81), die Pflanzen gefielen ihr zwar, aber sie hätten einfach zu viele Stacheln.

Die feingliedrigen Hände ihres Mannes scheinen über die Jahre mehr oder weniger stachelresistent geworden zu sein. Wenn Arnold Peter mitten aus einem Beet einen Topf mit einem Kaktus herausnimmt, schützt er sich nie mit Handschuhen. «Nur wenn sie allzu anhängliche Dornen haben, nehme ich ein Stück Zeitung zum Umtopfen einer Pflanze», sagt er.

Er hofft, dass seine Enkel die Sammlung weiter pflegen

Kakteen sind nicht das einzige Hobby des pensionierten Lehrers, der 40 Jahre an derselben Schule unterrichtet hat. Arnold Peter ist auch Mundartdichter und hat nebst Theaterstücken und Gedichten ein Buch über den Dialekt im Stammertal geschrieben. Und seine bäuerlichen Geschichten von «Chueri de Stammer» veröffentlichte er im Winterthurer «Landboten».

Meine Frau ist die bessere Verkäuferin.

In zahlreichen Ordnern führt er Buch über seine Pflanzen. So notiert er sich beispielsweise, welche wann geblüht hat, gegen welche Schädlinge er ankämpfen musste, was für Experimente er durchgeführt hat. Bis vor einigen Jahren noch steckte in jedem Topf ein Schildchen. Darauf zu lesen war der lateinische Name der jeweiligen Pflanze. Mittlerweile ist, besonders bei den im Beet wachsenden Kakteen, ein Teil der Stecketiketten verloren gegangen. «Die cheibe junge Chatze», meint Peter mit einem etwas hilflosen Schulterzucken. Mit zunehmendem Alter und wegen einer Augenkrankheit falle es ihm immer schwerer, seinen geliebten Kakteen die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Er hofft, dass dereinst einer seiner Enkel in seine Fussstapfen treten und die Sammlung weiterpflegen wird.

Aktiv an allen Fronten – auch mit 81 Jahren

Sein immenses Wissen über Kakteen und Sukkulenten — Pflanzen aus trockenen Gebieten, die Wasser speichern — gibt er noch heute, im Alter von 81 Jahren, in Vorträgen weiter. Seit Zuhörer allerdings einmal dachten, sie würden etwas über Enten erfahren, verwendet er den Begriff Sukkulenten in den Ausschreibungen nicht mehr. «Das fehlte gerade noch, dass ich einen Vortrag über Vögel halte», sagt er mit einem Schmunzeln. Er schrieb zahlreiche Artikel für die Monatszeitschrift «Kakteen und andere Sukkulenten» und gab «vor einer Ewigkeit» auch Kurse über Kakteenpflege an der Klubschule Migros. Peter war lange Jahre Präsident der Winterthurer Kakteengesellschaft, mittlerweile wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.

Lieber die Kakteen zu Hause pflegen als in den Flieger steigen

Heute sind rund 3000 Kakteenarten bekannt, die fast ausschliesslich in Nord- und Südamerika beheimatet sind. Doch die Herkunftsländer hat Arnold Peter nie bereist. «Ich hasse das Fliegen», sagt er, «allein schon aus Umweltschutzgründen.» In all den Jahren, in denen er sich mit viel Leidenschaft mit sukkulenten Pflanzen befasst habe, habe er auch ohne die weite Reise in eine Wüste herausgefunden, was für ihn 1957 noch ein grosses Fragezeichen war: Sämtliche Kakteen sind zweiblättrig keimend.

Autor: Bea Jung