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24. August 2015

Eine spektakuläre Wurst

Menüübersicht am Zürcher Theaterspektakel
Mit Gerichten auf veganer Basis: Menüübersicht am Zürcher Theaterspektakel.

Das Theater-Spektakel bei uns in der Stadt dreht sich in zweiter Linie ums Theater. (Und manchmal hat man mit den blind gekauften Karten sogar Glück wie meine Liebste und ich vorigen Dienstag, als wir unverhofft in die hinreissende Vorstellung von fünf Mädchen aus Brooklyn gerieten, die im Stück «Employee of the Year» berührend die Lebensgeschichte einer Frau nacherzählten.) In erster Linie aber geht es ums Spektakel.
In einer Freiluftanlage am See mit Karussell und Gauklern, Bars und Beizen tummeln sich zwecks Sehens und Gesehenwerdens Abend für Abend all jene, die für sich in Anspruch nehmen, urban und weltoffen und szenig und hip zu sein. Kurzum, es ist das Freizeitvergnüngen für freischaffende Webdesigner und Kurzfilmerinnen, für Freitag-Taschen-Trägerinnen und Tätowierte, Craniosakraltherapeutinnen und Velokuriere, für schwule Doppelverdiener und für Familien, in denen er Psychiater und sie Architektin ist, beide SP wählen und alle drei Kinder das Gymi besuchen. Man schlendert und plaudert, man promeniert und tratscht.

Bänz Friedli (50) wundert sich
Bänz Friedli (50) wundert sich.

Und man nascht. Biologische Popcorns werden angeboten, Glace aus der Region, und hier wundert es niemanden, dass in jedem Verpflegungszelt betont wird, das Essen sei garantiert gluten- und laktosefrei, vegetarisch oder noch besser: vegan. Sogar am Grillstand wird nebst Zürcher Schweinswurst, Kalbsbratwurst und Cervelat eine vegane Räucherbratwurst angeboten.
Man könnte meinen, alle Welt lebe heute vegetarisch. Dabei ernähren sich bloss rund 2 Prozent der Bevölkerung konsequent fleischlos. Die Veganerinnen und Veganer, die auf jegliches tierische Produkt verzichten, also auch auf Eier, Milch und Fett, kommen gar nur auf 0,6 Prozent. Ein Anteil, so verschwindend wie derjenige der Hausmänner. Aber offenbar leben sie alle bei uns in der Stadt, die Vegis. (Ich habe mich für den Cervelat entschieden, aber ich hätte fragen sollen, was eine vegane Räucherbratwurst ist. Nun muss ich wohl bis zum nächsten Theater-Spektakel warten. Ausser, bis dahin dominiert ein anderer Trend. Das kann schnell gehen bei uns in der Stadt.)

Am Wochenende dann das Grümpelturnier auf dem Land, das ich seit vielen, vielen Jahren organisieren helfe. In einer Gegend im Bernbiet, aus der ich stamme. Aber so richtig auf dem Land, wissen Sie! Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Am Festbuffet bieten wir Hotdogs, Sandwiches und Hamburger an, wie es die Tradition will. Hat auch nie jemand etwas anderes verlangt. Aber, hoppla: Diesmal baut sich eine Frau
– keine urbane, nein, eine urchige vom Typus «Landfrauenküche» – vor dem Verpflegungsstand auf, stemmt die Arme in die Seiten und fragt: «Und wo bleibt der Vegi-Burger, he?» Wir werden es beherzigen.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli