Archiv
15. Oktober 2012

«Eine spannende Alternative zum bisherigen Angebot»

Manche berufstätigen Mütter sind auf flexible Formen der Kinderbetreuung angewiesen. Für sie ist Nanny-Sharing eine attraktive Möglichkeit. Psychologin Annette Cina Jossen über die Vor- und Nachteile einer gemeinsamen Kinderfrau.

Annette Cina Jossen
Annette Cina Jossen (41), Psychologin FSP und Leiterin von Triple P Schweiz, arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg. (Bild: zVg.)

Annette Cina Jossen, der Bedarf an Nannys hat in den letzten Jahren landesweit stark zugenommen. Weshalb?

Immer mehr Frauen bleiben auch nach der Geburt eines Kindes erwerbstätig, und immer mehr Frauen befinden sich auch in Führungspositionen. Sie sind somit auf flexible Formen der Kinderbetreuung angewiesen. Das Angebot in Krippen aber ist oft knapp und starr bezüglich Betreuungszeiten. Eine Nanny hingegen kann optimal auf den Familienrhythmus eingehen. Insbesondere am Morgen bringt eine private Betreuerin enorme Vorteile, weil Eltern oft ungern ein kleines Kind schon um 6 oder 7 Uhr aus dem Bett reissen, um es zur Krippe zu bringen. Ausserdem ermöglicht das Nanny-Modell dem Kleinkind einen fliessenderen Übergang: Es kommt zwar eine neue Betreuungsperson hinzu, die Umgebung aber bleibt die gleiche.

Im Ausland wird Nanny-Sharing seit Jahren praktiziert. Wieso kommt man in der Schweiz erst jetzt auf diese Form der Kinderbetreuung?

Dies hängt auch damit zusammen, dass Teilzeitarbeit in der Schweiz sehr viel verbreiteter ist als in anderen Ländern. Insbesondere die Mütter von Kleinkindern arbeiten hierzulande selten 100 Prozent, sodass eine Familie oft nur wenige Tage pro Woche auf Fremdbetreuung angewiesen ist. In den USA oder in Frankreich hingegen sind viele Familien von Anfang an auf 100-prozentige Kinderbetreuung angewiesen, weil es kaum möglich ist, Teilzeit zu arbeiten und auch lange Anfahrtswege oft die Norm sind. Das Nanny-Sharing ist daher aus wirtschaftlichen und organisatorischen Gründen weit verbreitet.

Als Hauptvorteil einer Krippe im Unterschied zur Nanny wird immer wieder die Sozialisierung genannt. Wie sehen Sie das?

In den ersten anderthalb Jahren braucht ein Kleinkind primär einige wenige Bezugspersonen. Es ist oft gar noch nicht fähig, zu einer ganzen Gruppe von Menschen eine Beziehung aufzubauen. Sozialkompetenz zu erwerben, kommt erst später. Anfänglich geht es einzig darum, die Grundbedürfnisse des Kindes abzudecken und ihm eine sichere und stabile, feinfühlige Umgebung zu bieten.

Worauf sollten Eltern besonders achten, wenn sie sich für die Nanny entscheiden?

Eine sorgfältige Auswahl der Nanny ist entscheidend, denn im Unterschied zur Krippe sind keine weiteren Kontrollpersonen anwesend, und die Nanny ist den ganzen Tag allein mit dem Nachwuchs. Eltern müssen ihr deshalb absolut vertrauen können. Ich empfehle eine gemeinsame Anlaufphase, während der die Eltern dabei sind und beobachten, wie der Kontakt zwischen Kind und Nanny verläuft. Ein wichtiges Kriterium ist, dass eine Nanny fähig ist, auftretende Probleme offen anzusprechen, und nichts zu vertuschen versucht.

Seit Kurzem wird Nanny-Sharing auch in der Schweiz angeboten. Die Nachfrage bei den Vermittlungsagenturen ist zwar riesig, aber schliesslich sind es nur wenige, die sich dann tatsächlich eine Kinderfrau teilen. Weshalb?

Es braucht ziemlich viel an Eigeninitiative, bis das Modell Nanny-Sharing zum Laufen kommt. Im Unterschied zu einer Krippe wird man ja plötzlich selber Arbeitgeberin und muss die Nanny suchen und mit ihr einen Arbeitsvertrag abschliessen. Sich dann auch noch mit ein bis zwei anderen Familien zu einigen punkto Betreuungsschlüssel, Erziehungslinie oder Ernährung, ist natürlich nicht ganz einfach. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das Nanny-Sharing eine spannende Alternative zum bisherigen Angebot bildet und sich das Modell verbreiten wird, sobald sich die Vorzüge herumgesprochen haben.

Autor: Silvana Ceschi