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09. März 2015

Eine schlagkräftige Familie

Ein Kampfsport aus Japan brachte die Schweizerin Daniela Bosshard und den Brasilianer Oscar Kimura zusammen. Mittlerweile hat das Kendovirus auch ihre drei Kinder infiziert. Oben sehen Sie den Film mit Ritualen und Kampfszenen (Kamera: Daniel Winkler / Schnitt: Reto Vogt).

«Mami, Mami, ich bi en Kendoka!»
Yuya (2½) schnappt sich das Schwert von Daniela Kimura-Bosshard (40) und rennt mit Gebrüll zu seinen Geschwistern: Thais (10) bindet gerade das Kopftuch von Tadeu (9) fest, bevor sich dieser seinen Kopfschutz überstülpt. Am anderen Ende des Dojos in Zürich-Wiedikon treibt der Vater der drei Kinder, Oscar Kimura (37), seinen Schwiegervater Hansruedi Bosshard (66) mit präzis gesetzten Schwerthieben in die Ecke.

Der Rumpfpanzer ist aus Bambus
Der Rumpfpanzer ist aus Bambus ...

Schrille Schreie begleiten seine Attacke – Familie Kimura-Bosshard aus Greifensee ZH trainiert. Kendo, der «Weg des Schwertes», ist ein japanischer Kampfsport mit Wurzeln bei den Samurai. «Mit dem Kiai, dem Schrei, wird der Gegner eingeschüchtert und gleichzeitig eine innere Spannung aufgebaut», sagt Daniela Kimura, während sie ihrem Jüngsten das Schwert mit ein paar Blévita abluchst.
Eine Rüstung sorgt dafür, dass die Schläge mit dem Shinai, dem Übungsschwert aus Bambuslamellen, keine blauen Flecken hinterlassen. Diese besteht aus Helm, Rumpfpanzer, Handschuhen und Lendenschutz.

Persönlichkeit und Erfahrung siegen über Kraft
Obwohl die Kämpfe martialisch wirken, sind Verletzungen selten. «Anders als beim Judo oder Jiu-Jitsu kennt Kendo keinen direkten Körperkontakt, keine Würfe und damit auch keine kaputten Bänder», sagt Hansruedi Bosshard, nachdem er mit einer Verbeugung den Kampf mit seinem Schwiegersohn beendet hat. Was zählt, seien weniger Jugend und Kraft als vielmehr Persönlichkeit, Erfahrung und moralische Stärke.
Das mache Kendo auch für «so alte Knochen» wie ihn attraktiv. Der Pensionierte schmunzelt. «Und natürlich die Tatsache, dass die Kämpfer in ihren Rüstungen fast schon magisch aussehen».

Dieser Magie sind weltweit rund 8 Millionen Kämpfer verfallen, 500 davon in der Schweiz. Familie Kimura-Bosshard gehört hierzulande zu den erfolgreichsten. Wie erfolgreich? Oscar Kimura wirft seiner Frau einen hilfesuchenden Blick zu. «Du bist siebenfache Schweizer Meisterin im Einzel und, glaubs, zehnfache Schweizer Meisterin im Team. Dann warst du an der Europameisterschaft ein Mal Erste und vier Mal Dritte im Team, oder?»

Yuya eifert Thasi nach
Yuya eifert Thasi nach: Keine zu klein, eine Kendo-Kämpferin zu sein.

Daniela Kimura überlegt. «Und du warst an der EM ein Mal Dritter im Einzel und zweimal Dritter im Team. Dann bist Du du achtfacher Schweizer Meister im Einzel und zehnfacher Schweizer Meister im Team.
Und du, Papa, hast an den Schweizer Meisterschaften, glaubs, drei Mal Gold im Team, vier Mal Silber im Einzel und drei Mal Bronze im Einzel gewonnen, stimmts?» Hansruedi Bosshard zuckt mit den Schultern.
Dass Thais und Tadeu an der Schweizer Meisterschaft im vergangenen November je eine Bronzemedaille in der Kategorie U12 abgestaubt haben, da sind sich dann aber alle sicher.

Erstes Date an der japanischen Sportuni
Daniela und Oscar Kimura hatten sich vor 17 Jahren während eines Auslandjahrs an einer Sportuni in Japan kennen- und lieben gelernt.
Sie studierte in Zürich Japanologie, er in seiner brasilianischen Heimatstadt São Bernardo do Campo Maschinenbau. Besagte Sportuni hatten beide gewählt wegen – Kendo!

2002 folgte der frischgebackene Maschineningenieur seiner Daniela in die Schweiz. «Es herrschte gerade Rezession», erinnert er sich, «weshalb ich erst einmal nur einen Job als Sushikoch fand.»
Nicht etwa wegen seiner Kochkünste, sondern wegen seines asiatischen Looks, den er – wie auch den Nachnamen – seinen japanischen Grosseltern verdankt.
Heute arbeitet Oscar als Projektmanager bei einem international tätigen Kompressorenhersteller in Winterthur ZH, während Daniela Kimura einen 50-Prozent-Job bei Zürich Tourismus innehat.

Tadeu (links) und Thais
Tadeu (links) und Thais: Männer und Frauen, Meitli und Buben trainieren meist gemeinsam.

Was sagen Thais’ und Tadeus Schulgschpänli zum schlagkräftigen Hobby? Tadeu kichert. «Die meisten meinen, wir machen Karate oder Kung-Fu.»
«Oder wir kämpfen wie Tom Cruise in ‹The Last Samurai›», ergänzt Thais.
Oscar Kimura, der auch als Trainer amtet, nickt: Der Film habe die Anmeldungen schlagartig ansteigen lassen. Viele würden den Bettel aber rasch wieder hinwerfen. «Kendo heisst nämlich vor allem erst mal Abläufe üben.»

«Üben ist langweilig, Kämpfen ist viel cooler», sagt Tadeu. «Beim Kämpfen kann man selber aussuchen, wie man schlägt», sagt Thais. «Man kann dem Gegner Angst machen», sagt Tadeu.
«Und laut schreien», sagt Thais. «Aber nicht, weil es wehtut, wir tragen ja unsere Rüstung», sagt Tadeu. «Wenns wehtut, dann nur, weil ihr mir schon wieder auf die blutten Füsse gegumpt seid», sagt Daniela Kimura. «Mami, Mami, ich will es Blévita», sagt Yuya.

OBEN VON LINKS:
Oscar Kimura, bereitet gern Sushi und Sashimi zu. Fast so gern, wie er sie isst.
Hansruedi Bosshard, liebt Fotografie, Innendekoration und Kochen. Hauptsache, kreativ.
Daniela Kimura-Bosshard, streift am liebsten mit den Kindern durch die Natur.

Familie Kimura-Bosshard
Die Familie Kimura-Bosshard.

UNTEN VON LINKS:
Yuya Kimura, möchte immer und überall mit dabei sein. Liebt Blévita.
Thasi Kimura, mag Werken, Ferien und Cordons bleus. Schwimmt und singt gern.
Tadeu Kimura, liest und zeichnet am liebsten Mangas, spielt Fussball und Klavier.

Autor: Almut Berger