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28. November 2016

Eine Rastlose im Duftrausch

Vero Kern erfand sich in ihrem Leben immer wieder neu. Das letzte Mal, als sie erfolgreich ihr erstes Parfüm auf den Markt brachte. Heute ist sie 76 und denkt keine Sekunde daran, kürzer zu treten.

Parfümeurin Vero Kern
Wenn Vero Kern an einem Parfüm arbeitet, begibt sie sich in andere Welten, wie sie es nennt.

Sie könnte sich zurücklehnen, doch Vero Kern hat noch einige Pläne und einen riesigen Elan. Die 76-Jährige ist Gründerin und Inhaberin des «Swiss Perfume House – vero.profumo», wie eine englische Website ihr ­Label bewirbt.

Dieses Haus darf man sich dann aber nicht allzu gross vorstellen. Kern öffnet die Eingangstür des Mehrfamilienhauses gleich beim Radiostudio in Zürich und führt in den Keller: ein lindgrün gestrichener Raum mit zwei Sesseln, Gestellen für Kisten, einem Kühlschrank und Ablageflächen. Der Keller ist ihr Labor und Showroom. Sie selbst wohnt seit bald 30 Jahren im ersten Stock des Hauses in einer Zweizimmerwohnung – bescheiden, aber originell.

Vero Kern war in ihrem bisherigen Leben viel unterwegs. Das sieht man, und schnell wird auch klar: Um erfolgreich Düfte zu komponieren, braucht es nicht viel Platz, dafür aber eine ausschweifende Fantasie. Opoponax, Lavendel und Schwarze Johannisbeere sind einige der Duftnoten ­ihres ­ersten Parfüms «Kiki», das sie vor zehn ­Jahren ­kreierte – ein Produkt, das auf ­Anhieb Anklang fand. Blogs von London bis New York schrieben über den Duft und lobten das Können der Frau Kern.

Die Düfte entstehen im Kopf

Das Kreieren von Düften ist einem kleinen Kreis vorbehalten: Weltweit gibt es nur ein paar hundert Parfümeure. Die meisten von ihnen arbeiten in der Industrie und suchen nach Duftnoten für Waschmittel und Seifen. Wenige arbeiten als selbständige Parfümeure.

«Ich komponiere im Kopf», sagt Vero Kern. Rund 300 Riechstoffe hat sie verinnerlicht. Sie kann etwa im Hirn abrufen, wie es riecht, wenn sie Lavendel mit Zitrone mischt. Sie weiss, wie sie einen Akkord, also eine Duftkomposition, erzeugt, der nach einer Weile einen schweren ledernen Duft entfaltet.

Vero Kern
Vero Kern

Klein, aber fein: Vero Kern in der Duftwerkstatt im Keller ihres Wohnhauses – mit ihrem ständigen Begleiter, dem achtjährigen Zwerggriffon Isidor.

Vero Kern denkt in einer Dimension, die den meisten Menschen verschlossen bleibt. Wenn sie an einem Parfüm arbeite, begebe sie sich in andere Welten, sagt sie, auch in andere Zeiten. Bei «Kiki» war es die Welt von Kiki de Montparnasse, der flamboyanten Pariser Stilikone der 1920er-Jahre. Es entstand ein exzentrischer, pudriger Duft, «eine Hommage an die eigenständige Frau», wie Kern sagt.

Ein Jahr später entwickelte sie «Rubj», einen Duft, den sie als erotisch beschreibt. Beim Schöpfungsprozess dachte sie an ein Liebespaar, das sich in einem schäbigen Stadthotel vor einem pinkfarbenen Fernseher einen Sonnenuntergang anschaut.

Kern tut Dinge gern mit einem Augenzwinkern. Auf die Frage, ob sie es bereue, nicht früher mit dem Parfümhandwerk begonnen zu haben, antwortet sie schlagfertig: «Wieso denn? Alles, was ich erlebt habe, fliesst in meine Arbeit als Parfümeurin ein.» Und dann holt sie aus und erzählt von ihrem Leben.

Von Neuanfang zu Neuanfang

1940 kommt sie als Anna Verena in Winterthur zur Welt. Bald zieht die Familie nach Wettingen AG. Der Vater ist ETH-Professor, die Mutter Kindergärtnerin. Vero Kern entdeckt schon als Kind, dass sie eine blühende Fantasie hat.

Nach der obligatorischen Schulzeit will sie an die Kunstgewerbeschule. Sie interessiert sich für Grafik und Fotografie. Doch in den 1950er-Jahren gilt es im bürgerlichen Milieu, einen ­anständigen ­Beruf zu erlernen. Vero Kern ­absolviert also – statt der Kunstgewer­beschule – eine Lehre als Pharma-Assistentin in der Apotheke im Dorf, so wie es die Eltern wünschen. Sie stellt ­Salben her, mischt ­Pulver für Pillen. Hier lernt sie auch die Düfte und die Wirkungen von ätherischen Ölen kennen.

Vero Kern heiratet jung, doch die Ehe scheitert. Mit 25 ist sie bereits wieder geschieden und bereit für ihr eigenes Leben. Sie geht nach London, arbeitet und vergnügt sich in Zermatt. Sie saugt alles auf, was die 1960er zu bieten haben: Emanzipation, Musik, Kunst, Mode. Zurück in Zürich arbeitet sie am Flughafen, und sie geht oft auf Reisen. Am liebsten in Ländern, wo sie auf Märkten und in Bädern Düfte einatmet, die es in der Schweiz nicht gibt.

Mit Anfang 50 will sie nochmals ganz neu anfangen. Hamams kennt man in der Schweiz noch kaum. Vero Kern will dies ändern, kündigt ihren Job und eröffnet in Zürich im Untergeschoss eines Blumenladens ihre «Massage-Oase». Sie bildet sich zur Aromatherapeutin weiter und will immer mehr über Düfte erfahren. Sie ist schon fast im Pensionsalter, als sie sich in eine Parfümeurschule in Paris einschreibt.

Inzwischen hat Vero Kern fünf Düfte kreiert. Gemischt werden sie in einem Labor in Winterthur. Dann kommen sie nach Italien, wo die Mischungen reifen und in der richtigen Menge Alkohol gelöst werden. Dort werden ihre edlen Düfte auch verpackt, vertrieben und mehrheitlich verkauft.

«Die Südländer benutzen Düfte wie ein Kleid», sagt Vero Kern. «Ein eigener, exklusiver Duft erweitert die Identität.» Die Schweizerinnen und Schweizer dagegegen würden noch nicht mit dieser Dimension des Seins spielen. Aber das kann sich künftig ja noch ändern. Vero Kern arbeitet ­jedenfalls daran. 

Autor: Erika Burri

Fotograf: Sandro Baebler