Archiv
23. September 2013

Eine kleine Geschichte

Zeit für Schlampentage? Hab ich doch gar nicht. Tief in den Keller musste ich steigen, musste stöbern, wühlen, ausmisten. Und das kam so: An der neuen Schule hat Hans neue Fächer, neue Lehrer. Von denen einer, der Geschichtslehrer, zunächst umriss, was «Geschichte» sei: Er nannte Personen und Begebenheiten aus allen Zeitaltern, und er soll dabei erwähnt haben, auch Elvis sei Geschichte. So jedenfalls berichtet Hans es beim Zvieri. Schon sprudle ich los: «O ja! Elvis Presley – das ist Kulturgeschichte! Er beeinflusste alle Künstler, die nach ihm kamen, er riss Rassenschranken ein, befreite Amerika von der Prüderie, die Welt sähe ohne ihn anders …» Ach, mein Sohn hat den Sermon schon hundertmal gehört. «Scho guet, Vati.» Nun hat er die Aufgabe, einen Gegenstand in die Schule zu bringen, der eine Geschichte erzähle. «Die Kuhglocke!», befindet Hans, noch ehe ich eine alte Vinyl-Single von Elvis vorschlagen kann, «ich will die Glocke mitbringen. Weisst, die vom Grosi.» Gute Wahl. Ein Alltags-, ein Allerweltsgegenstand, unscheinbar, aber mit Gefühlen und Erinnerungen aufgeladen, mit Geschichten und Geschichte behaftet. «Super Idee, Hans!», sage ich. Aber wo steckt sie bloss?

Die Glocke.
«Die Glocke. Wo steckt sie bloss?»

Irgendwo im Keller, weit hinten. Ich bahne mir einen Weg, wuchte Zügelkartons zur Seite, die seit dem letzten Umzug vor neun Jahren ungeöffnet blieben. Ich stosse auf Abhandlungen über Pier Paolo Pasolini in italienischer Sprache – die muss ich mal gelesen haben, jedenfalls sind gewisse Stellen mit Bleifstift hervorgehoben. Ein Poster von Enrico Berlinguer, dem Kommunistenführer. Bücher von Cesare Pavese, Luigi Pirandello, Luciano De Crescenzo. Meine Italienphase! Fast vergessen. Werden meine Elvis-Bände mir in 20, 30 Jahren ebenso fremd vorkommen, fremd bei aller Vertrautheit, wenn ich sie irgendwo finde? Aber ich suche ja die Glocke … Eine Kuhglocke aus den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts, an einem Lederband befestigt, kein Prunkstück, aber hell und klar im Klang. Sie zeugt davon, wie ein Bauer im Simmental wegen einer Bürgschaft Haus und Hof verlor. Einzig die Glocke blieb. Sie mag in der Gaststube des Wirtshauses gehangen haben, das er später mit Ach und Krach erwarb, sie muss nach Rauch und Schweiss und Bierdunst und Palaver riechen. Vielleicht liess man sie auch achtlos in einer Scheune liegen, wo während des Zweiten Weltkriegs Internierte hausten, Polen, Italiener. Eine kleine Glocke, ein kleines Stück abhandengekommener Heimat, Jahrzehnte später bei den Ururenkeln gelandet.

Die Glocke. Wo steckt sie bloss?

Herr M., einst mein Lehrer – einer, den ich überaus mochte –, hat festgestellt, ich versänke hier neuerdings öfter in Nostalgie. «In der nächsten Kolumne bestimmt nicht!», mailte ich zurück. Und was halte ich nun in Händen, gerührt und befremdet? Mein einstiges Lieblingsbuch, «Due di Due» von Andrea De Carlo, mit persönlicher Widmung. Und krame suchend weiter in Erinnerungen, einen Freitag, einen Samstag und einen halben Sonntag lang.

Die Glocke? Ich hatte mich bis in den hintersten Kellerwinkel vorgekämpft, hatte ein Schaukelpferd zutage gefördert, Stützräder fürs Kindervelo, Bébékleidchen der Grösse 98 und Anna Lunas Kindergartentasche. Die Kuhglocke blieb unauffindbar. Ich wollte aufgeben, da entdeckte ich sie. Ganz zuvorderst auf einem Regal, gleich neben der Eingangstür zu unserem Kellerabteil.

Bänz Friedli live: 29. 9. Steffisburg BE, 30. 9. bis 2. 10. Zürich, «Hechtplatz»

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.


Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client
www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli