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03. Dezember 2012

Eine Insel zum Verlieben

Die französische Insel La Réunion boomt. Immer mehr Touristen entdecken die kleine Schwester von Mauritius als das Wanderparadies im Indischen Ozean.

Piton des Neiges La Réunion
Die Trou de Fer des 3070 Meter 
hohen Piton des Neiges ist der Höhepunkt eines Helikopterrundflugs.
Auch Feinschmecker kommen auf La Réunion auf ihre Kosten.
Auch Feinschmecker kommen auf La Réunion auf ihre Kosten.

SCHLEMMEN AUF LA RÉUNION

La Réunion im Indischen Ozean entdecken: Wie reisen? Was essen? Wo übernachten? Was anschauen? Alle Geheimtipps und weitere Bilder des Reisexperten Reto Wild finden Sie im Online-Special.

DIE REPORTAGE
So stellt man sich Europa nicht vor: Auf der Insel La Réunion, Nachbarin von Mauritius, 10'000 Kilometer südlich von Paris, erheben sich Papaya- und Bambusbäume, breiten sich Zuckerrohr- und Ananasfelder aus. Dahinter zeichnen sich am Horizont mächtige Berge vulkanischen Ursprungs mit üppiger Vegetation ab — und das alles auf einer Fläche, die nicht einmal dem Kanton Tessin entspricht. Weil das Überseedepartement La Réunion Teil von Frankreich ist, sind die meisten Einheimischen EU-Bürger. Sie bezahlen ihr Baguette, ihren Käse, den französischen Wein oder Parkbussen in der Inselwährung Euro.

Die Ehefrau gegen die Insel eingetauscht

Mächtige Berge vulkanischen Ursprungs mit üppiger Vegetation prägen das Landschaftsbild.
Mächtige Berge vulkanischen Ursprungs mit üppiger Vegetation prägen das Landschaftsbild.

Diese Mischung aus europäischer Infrastruktur und exotischer Vegetation hat es Pascal Zancopé (55) angetan. «Ich wollte schon immer auswandern. Als ich erstmals nach La Réunion reiste, habe ich mich sofort in die Insel verliebt und meine Ehe dafür geopfert», sagt der in Nancy aufgewachsene Franzose unverblümt. «Die Reunionesen sind im Vergleich zu den Europäern unglaublich freundlich. Trotz tropischem Klima ist die Hygiene sehr hoch, die Spitäler zählen zu den besten im ganzen Indischen Ozean», begründet er seine Wahl. Rassismus kenne man im bunten Völkergemisch aus Kreolen, Schwarzafrikanern, Südindern, Chinesen und Europäern nicht.

Pascal Zancopé oberhalb des Dorfs Grand Bassin.
Pascal Zancopé oberhalb des Dorfs Grand Bassin.

Seit 2007 ist Réunion Zancopés neue Heimat. Erstmals, seit er als 15-Jähriger nach London auswanderte und sich im Luxushotel Dorchester beim legendären Schweizer Koch Anton Mosimann ausbilden liess, lebt er wieder auf französischem Boden. Der Hotel- und Restaurantfachmann, einstige Küchenchef und Barman verdient heute seinen Lebensunterhalt als Reiseleiter von deutsch- und englischsprachigen Touristen. Er ist schon ganz Insulaner, wenn er sagt: «Bei 22 Grad ist es saukalt.» Kunststück, denn während des Winters in Zentraleuropa sinken die Temperaturen an der Küste von La Réunion selbst nachts nicht unter 20 Grad.

Der jung gebliebene Pascal Zancopé lebt an der Küste im Städtchen Saint-Leu, wo das Rathaus in einem früheren Kaffeelagerhaus aus dem 18. Jahrhundert untergebracht ist. «Ich liebe das warme Klima hier», sagt Zancopé. Dabei kann es auf der Insel mit ihren gegen 100 Mikroklimata und den bis zu 3000 Meter hohen Bergen auch empfindlich kalt werden.

Ganz Lokalpatriot, kommt Zancopé nicht aus dem Schwärmen heraus, wenn er von Saint-Leu südlich des Touristenorts Saint-Gilles-les-Bains spricht: Er lobt die vielen Restaurants (zu seinen Favoriten gehören «Il était une fois» und «Au Bout là-Bas») und Bars, den schönen, schwarzen Sandstrand, die Promenade und den tollen Markt am Samstag. «Zum Leben ist Saint-Leu die Krönung», sagt Pascal Zancopé.

La Réunion ist zwar nicht für seine Strände bekannt. Sehr schön ist aber die Westküste um Saline-les-Bains.
La Réunion ist zwar nicht für seine Strände bekannt. Sehr schön ist aber die Westküste um Saline-les-Bains.
Hell-Bourg im Talkessel von Salazie gilt als eines der schönsten Dörfer Frankreichs.
Hell-Bourg im Talkessel von Salazie gilt als eines der schönsten Dörfer Frankreichs.

Zu seinen Lieblingsorten gehört auch Grand Bassin im Inselinnern. Der abgelegene Ort besteht aus einer Handvoll Häusern und dem Restaurant «La Vieille Tonnelle» und ist umgeben von mächtigen Bergen und nur zu Fuss über einen steilen Abhang erreichbar. Spätestens hier lohnt es sich, die Wanderschuhe auszupacken. La Réunion hat über 1000 Kilometer Wanderwege. Die Insulaner wissen das allerdings noch nicht so zu schätzen. Ihr Lieblingssport besteht aus einer speziellen Form von Picknicken: mit dem Auto in die Natur fahren, den Wagen abstellen und ein paar Meter weiter grillieren. Rund 500'000 Autos gibt es auf der kleinen Insel. Und das bei 850'000 Einwohnern! Parkplätze sind fast überall Mangelware, Staus an der Küste um Saint-Pierre und bei der im Norden gelegenen Hauptstadt Saint-Denis an der Tagesordnung. Mit «Auto-École» angeschriebene Wagen, die von Fahrschülern gelenkt werden, gehören zum Alltag. Sie alle profitieren von Strassen bester Qualität. Bezahlt mit EU-Geldern.

Freitag ist Markttag in St-Paul – mit Früchten, Vanille, Rum oder Kunsthandwerk.
Freitag ist Markttag in St-Paul – mit Früchten, Vanille, Rum oder Kunsthandwerk.

Wanderparadiese im Unesco-Weltnaturerbe

Wer Richtung Cilaos im Herzen der Insel am Fuss des Piton des Neiges fährt, muss ganze 400 Kurven überwinden. Cilaos befindet sich im gleichnamigen Talkessel. Dieser wurde zusammen mit jenen von Salazie und Mafate im August 2010 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Es sind auch für Zancopé veritable Wanderparadiese. Der Weiler La Nouvelle im Cirque de Mafate ist nur auf Schusters Rappen oder mit Helikopter erreichbar. Teilweise müssen über 1000 Höhenmeter zurückgelegt werden. Man wird entschädigt durch Baumfarn- und Tamarindenwälder und Orchideen.

Cilaos ist umgeben von vulkanischen Bergen und deshalb ein wahres Wanderparadies.
Cilaos ist umgeben von vulkanischen Bergen und deshalb ein wahres Wanderparadies.
Auf dem Weg zum Piton de la Fournaise: Eine gut ausgebaute Strasse schlängelt sich durch die karge Landschaft  der Plaine des Sables im Südosten von La Réunion.
Auf dem Weg zum Piton de la Fournaise: Eine gut ausgebaute Strasse schlängelt sich durch die karge Landschaft der Plaine des Sables im Südosten von La Réunion.

Ein Klassiker ist die Wanderung zum Piton de la Fournaise, der zu den aktivsten und trotzdem ungefährlichen Vulkanen der Erde gehört. Schon die Anreise ist eine Offenbarung: Die Plaine des Sables erinnert an eine bizarre Mondlandschaft, umgeben von dramatisch abfallenden Kraterrändern. Weil um die Mittagszeit dichte Wolken fast mit Garantie auftauchen, lohnt es sich, vor 8 Uhr loszumarschieren. Pascal Zancopé jedenfalls ist von La Réunion restlos überzeugt: «Hier habe ich alles, was ich brauche. Einst will ich auf der Insel sterben.»

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von Atout France in Kooperation mit dem Comité Régional de Tourisme La Réunion und Air France.

Inselparadies La Réunion.
Inselparadies La Réunion.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild