Archiv
26. Mai 2015

Die Hühnerfrau

«Die Hühner weggeben? Kommt gar nicht in Frage!» Seit mehr als 40 Jahren hält Margrit Ammann Hühner als Nutztiere, seit gut zwei Jahren unterstützt Martina Häfelfinger ihre betagte Nachbarin beim Betreuen der Tiere. Dabei profitiert die junge Mutter vom umfangreichen Wissen der Rentnerin.

Margrit Ammann (links) mit Nachbarin Martina Häfelfinger, Max und Katharina
Wenn Hühner verbinden: Margrit Ammann (links) mit ihrer Nachbarin Martina Häfelfinger und deren Kinder Max (7) und Katharina (6).

Das Klackgeräusch der Tür ist das Erste, was Martina Häfelfinger (31) frühmorgens vom Hühnerstall her hört. Dann das «Gerede» der zehn Hühner, weil sie Hunger haben – Zeit zum Füttern für Margrit Ammann (81). Etwa um halb acht öffnet die Seniorin den Tieren das Tor zur Wiese und sammelt die gelegten Eier ein. Gut fünf Stück pro Tag gibt es, die teilen sich die Nachbarinnen aus Oberneunforn TG nach Bedarf. Die restlichen verkaufen sie.

Die Tiere sind ein Gemeinschaftsprojekt: Margrit Ammann, die schon seit über 40 Jahren Hühner hält, wollte sie weggeben: Das Misten in dem kleinen Häuschen wurde ihr zu anstrengend. Das war vor zweieinhalb Jahren. Damals zog Martina Häfelfinger mit ihrer Familie wieder in das Nachbarhaus, in dem sie gross geworden war. Für sie war klar: «Das kommt gar nicht in Frage!» So kam die Arbeitsteilung zustande: Margrit Ammann ist für die Fütterung und Haltung zuständig, Martina Häfelfinger für das Putzen und Misten.

Hühner und Garten verbinden
«Ich hätte das jetzt mit dem Besen gemacht und sie in eine Ecke gedrängt», kommentiert die Rentnerin Fangversuche der jungen Familienfrau. Bis aufs Metzgen hat Martina Häfelfinger alles, was sie über Hühner weiss, von ihrer Nachbarin gelernt. «Bisher habe ich noch kein Huhn getötet», sagt die junge Frau. Das stehe ihr noch bevor: «Ich finde, wenn man Hühner als Nutztiere hält, muss man dazu in der Lage sein.»

Margrit Ammann kennt sich aber nicht nur bei den Hühnern aus, sondern versteht auch was vom Gärtnern: Was ist Unkraut? Was muss raus? Was blüht wann? Martina Häfelfinger gerät ins Schwärmen. «Sie ist eine Gartenkoryphäe.» Die Rentnerin erwidert: «Du hast schon mehr Flair für die Pflanzen als deine Mutter.»
Margrit Ammann hat den Direktvergleich: Sie hat rund zehn Jahre neben der Mutter von Martina Häfelfinger gelebt. «Obwohl Martina eine kleine Rotznase war, freute ich mich sehr, als sie wieder in ihr Elternhaus einzog.» Diese zeigt auf ihre Tochter Katharina und sagt: «Ich habe jetzt die Quittung: Die ist genau wie ich damals.»

Die Rentnerin ist voll in den Alltag der Familie eingebettet. Und am Abend spazieren die beiden Nachbarinnen zwischen den Beeten im Garten und bestaunen die getane Arbeit. Die Rentnerin schätzt die Gesellschaft: «So habe ich immer Betrieb um mich herum und fühle mich weniger allein.» 

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Salvatore Vinci