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03. September 2012

«Eine grosse Aufgabe bewältigt man nicht allein»

An der Spitze der Schweizerischen Post steht neu eine Frau: die 53-jährige Ökonomin Susanne Ruoff. Im Interview redet sie über ihren Führungsstil, Frauenquoten und ihre Erfahrungen als Post-Konsumentin.

Susanne Ruoff 
ist gegen Frauenquoten: «Letztlich soll 
die Kompetenz und nicht das Geschlecht entscheidend sein.»

Susanne Ruoff, Sie sind seit dem 1. September 2012 Konzernleiterin der Post, möchten aber erst nach 100 Tagen Stellung zur zukünftigen Ausrichtung beziehen. Wie erleben Sie denn die Post als Konsumentin?

Ich bin eine typische Samstagmorgen-Postbesucherin sowie Benützerin von E-Finance. Damit erledige ich meine Bankgeschäfte. Der elektronische Zahlungsverkehr der Post hat mich fasziniert. Da habe ich die Post immer am Puls der Zeit und Technik gespürt.

Wie nehmen Sie das Image der Post in der Bevölkerung wahr?

Die Vielfalt, Identität und das Vertrauen sind enorm. Denken Sie nur an die Millionen von Briefen und Paketen, die täglich verschickt werden, an den vertraulichen Zahlungsverkehr oder die Postautos, die Schüler und Pendler zur Arbeit bringen oder Touristen über enge Bergstrassen hochfahren.

Ärgern Sie sich nie beim Gang zur Post?

Wenn ich es eilig habe und irgendwo an der Kasse oder am Schalter anstehen muss, ärgere ich mich. Dann möchte ich natürlich zuvorderst in der Warteschlange stehen. Das hat die Post ja mit dem Ticketsystem super gelöst. Bei Geschäften vor verschlossenen Türen zu stehen, missfällt mir ebenso.

Mit welchen Gefühlen starten Sie als Konzernleiterin?

Ich freue mich. Ich bin mir bewusst, dass diese Aufgabe eine grosse Herausforderung ist und gehe sie mit dem nötigen Respekt und der richtigen Vorbereitung an.

Worauf freuen Sie sich?

Zusammen mit den Mitarbeitenden, dem Team in der Konzernleitung, den Kunden und Partnern einen weiteren Schritt in die Zukunft zu gehen. Es ist unabdingbar, dass ein Unternehmen sich laufend weiterentwickelt und bewegt. Und das tut die Post als eigenständiges Unternehmen ja seit geraumer Zeit.

Weshalb haben Sie sich für diese Aufgabe entschieden?

Ich bin viel herumgereist und habe in englischen und amerikanischen Firmen internationale Erfahrungen gesammelt und die verschiedensten Aspekte von Unternehmensführung kennengelernt. Mit viel Elan und Freude nehme ich jetzt eine schweizerische Herausforderung an mit der Vielseitigkeit und Lebendigkeit der vielen Anspruchsgruppen wie unseren Mitarbeitenden und Kunden sowie dem politischen und wirtschaftlichen Umfeld oder den Gewerkschaften.

Sie schätzen demnach auch das Schweizerische an Ihrer Aufgabe?

Ja. Die Schweiz hat genauso eine spezielle Stellung in der Welt wie die Post in der Schweiz. Die Post ist eben nicht irgendein Unternehmen. Jeder Schweizer hat das Gefühl, die Post gehöre ein bisschen ihm.

Sehen Sie sich eher als Teamplayerin oder als Einzelkämpferin?

Für mich ist Teamarbeit wichtig. Ein Einzelkämpfer in dieser diversifizierten Welt überlebt nicht lange. Heute braucht es eine Gesamtsicht. Ein Team muss aus verschiedenen Charakteren bestehen und ist erst gemeinsam stark.

Es gibt Manager, die ein Teambewusstsein vorschieben und letztlich trotzdem alles alleine entscheiden.

Ja, die gibt es. Ich pflege aber einen partizipativen Führungsstil. Ich möchte die Mitarbeitenden ins Boot holen. Eine grosse Aufgabe bewältigt man nicht allein.

Was halten Sie von Frauenquoten?

Ich bin gegen Frauenquoten. Wir haben jedoch alle erkannt, dass gemischte Teams nötig sind. Letztlich soll trotzdem die Kompetenz und nicht das Geschlecht entscheidend sein. Es ist wichtig, höhere Frauenanteile im Management zu fordern und auch zu verwirklichen.

Gemischte Teams, kann sich das auch auf die Sprache beziehen?

Wenn man etwas erreichen will, muss man ein klares Ziel setzen. Das kann ein höherer Frauenanteil sein, kann aber auch bedeuten, mehr Romands oder Tessiner zu rekrutieren. Es muss nicht zwangsläufig der Frauenanteil sein. Vielfältigkeit ist für mich enorm wichtig.

Jeder Schweizer hat das Gefühl, die Post gehöre ein bisschen ihm.

Tatsache ist, dass prozentual noch immer viel weniger Frauen in leitenden Funktionen arbeiten. Was haben Sie besser gemacht?

Es gibt immer mehr Beispiele von Frauen in Führungspositionen. Ehrlich gesagt braucht es auch etwas Mut und eine gewisse Risikofreudigkeit, gepaart mit der erforderlichen Kompetenz. Man muss sich immer wieder damit auseinandersetzen, welchen Schritt man gehen will. Wichtig ist aber auch, ein gutes Umfeld zu haben, funktionierende Teams, denn die Kraft steckt in den Teams. Wenn sich eine Chance öffnet, sollte man sie prüfen und anpacken — auch ohne die allerletzte Gewissheit oder Sicherheit zu haben.

Susanne Ruoff wohnt in Crans-Montana: «Wenn 
ich zu Hause bin, schüttle ich unserem Pöstler die Hand.»
Susanne Ruoff wohnt in Crans-Montana: «Wenn 
ich zu Hause bin, schüttle ich unserem Pöstler die Hand.»

Heisst das, die Schweizer Frauen sind zu wenig mutig?

Nein. Der tiefe Frauenanteil in den Chefetagen hängt damit zusammen, dass sich unsere Gesellschaft noch immer in einem Lernprozess befindet. Deshalb ist die Konstellation in der Schweiz anders als im angelsächsischen Raum. Die Wirtschaft hat aber auch hier realisiert, dass die Arbeitskraft der Frauen enorm wichtig ist.

Sie waren in leitenden Funktionen bei IBM und zuletzt CEO bei British Telecom Switzerland. Was ist spannend an angelsächsischen Firmen?

Diejenigen Firmenkulturen, die ich erlebt habe, sind sehr offen. Die Hierarchien sind nicht starr, die kulturelle Vielfalt ist riesig. Dafür fehlt manchmal die Verbindlichkeit. Allerdings gibt es auch im angelsächsischen Raum unterschiedliche Firmen mit entsprechenden Kulturen.

Vermissen Sie diese Internationalität in Ihrer neuen Position nicht?

Die Schweiz ist bekannt für ihre internationale und kulturelle Vielfältigkeit, zudem kann ich ja auch auf Reisen gehen. Die Schweizerische Post ist ein international operierendes Unternehmen.

Was nehmen Sie von den früheren Aufgaben mit?

Als Chefin ist es wichtig, die richtigen Leute an der richtigen Position zu haben. Das hört sich jetzt relativ banal an. Konkret heisst dies aber, dass man Talente fordern und fördern muss. Das Management muss sich verändern können. Es braucht kommunikative und innovative Führungskräfte, die sich eine klar umrissene Zukunft vor Augen halten.

Sie sind verheiratet und haben einen Sohn und eine Tochter. Wie meistern Sie diese Doppelbelastung?

Dank meinem Mann. Wir haben jeden Lebensabschnitt miteinander besprochen, geplant und organisiert — schon bevor wir Eltern wurden. Anfangs arbeiteten wir zu je 50 Prozent. Da habe ich noch nicht an eine Karriere gedacht. Viel eher machte ich mir Gedanken zu Beruf, Familie und Ausbildung und dass diese Aspekte ausgewogen sind.

Ihr Mann ist heute Hausmann und Winzer. Was definiert einen Hausmann?

Das müssten Sie ihn fragen! (lacht) Als die Kinder kleiner waren, war die physische Anwesenheit sehr wichtig. Zudem kocht mein Mann mit Leidenschaft und erledigt den Haushalt gern. Manchmal wird diese Arbeit in der Öffentlichkeit negativ dargestellt. Das bedaure ich.

Ob Haushalt oder Büro: Wichtig ist, den Sinn hinter den Arbeiten zu sehen.

Oft haben erfolgreiche Geschäftsfrauen Mühe mit dem Haushalt.

Ich kann auch bügeln! Wie in der Geschäftswelt gibt es eben auch im Haushalt Routinearbeiten. Zugegeben, Kochen ist nicht meine Leidenschaft. Deshalb kann ich es nicht gut. Ob Haushalt oder Büro: Wichtig ist, den Sinn hinter den Arbeiten zu sehen.

Heute wohnen Sie in Crans-Montana.

Ja, das ist die Wahlheimat von mir und meiner Familie. Ich kenne den Ort seit 30 Jahren als Gast, seit 20 Jahren als Powergast, und seit 16 Jahren wohnen wir in Crans-Montana. Es ist ein schöner Fleck, mit einem wunderschönen Ausblick auf die Berge. Wenn ich Zeit habe, gehe ich gerne auch mit Freunden in unsere Rebberge. Die Arbeit im Rebberg ist für mich eine soziale und körperliche Tätigkeit.

Sie pendeln aber nicht jeden Tag zwei Stunden in die Bundeshauptstadt?

Nein, oft übernachte ich in Bern.

Kennen Sie Ihren Briefträger in Crans-Montana persönlich?

Ja, wenn ich zu Hause bin, schüttle ich unserem Pöstler die Hand.

Und jetzt bekommt er Angst, weil die Kundin plötzlich auch seine oberste Chefin ist?

Nein! (lacht) Das Postteam von Crans-Montana freute sich, als es von meiner Beförderung hörte. Es hat mir die Post auch schon bis vor unsere Haustür gebracht.

Wie laden Sie Ihre Batterien nach einer Arbeitswoche auf?

Da hilft mir mein Wohnort Crans-Montana. Hier haben wir die Berge, die Reben und die Natur vor unserer Haustüre. Ich muss mich in meiner Freizeit mit etwas komplett anderem beschäftigen, um abzuschalten — etwa spazieren, wandern oder Blumen bestimmen. Diesen Ausgleich muss man sich schaffen, da die Elektronik einen 24 Stunden lang auf Trab hält.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Annette Boutellier