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21. November 2016

Eine Frau zwischen Buchstaben, Genderfragen und Kochtöpfen

Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat ein Buch über ihr Hobby geschrieben. Entstanden ist ein literarisches Kochbuch, das zwischen den Zeilen viel über das Leben der Autorin erzählt.

Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen
Elisabeth Bronfen: «Kochen ist auch eine Form von Kommunikation.»

Eigentlich ist Elisabeth Bronfen (58) alles andere als ein Heimchen am Herd: Die Literaturwissenschaftlerin ist Professorin am Englischen Seminar der Universität Zürich, hat unzählige Fachbücher geschrieben und kommt immer wieder mal in den Medien zu Wort, etwa wenn es um Genderfragen oder Wahlentscheidungen geht.

Ihre Freizeit verbringt sie aber am liebsten in ihrer Küche. Nun hat sie mit «Besessen. Meine Kochmemoiren» ein Kochbuch verfasst. Darin verrät sie unter anderem die Kochgeheimnisse ihrer deutschen Mutter sowie die kulinarischen Vorlieben ihres amerikanischen Vaters.

Kochen als emazipatorischer Akt

Ist das kein Widerspruch? Erst feministische Artikel verfassen und dann ein Kochbuch schreiben? «Ich verstehe meine italienischen Kolleginnen, die sich von den Töpfen fernhalten. Kochen kann eine Falle für Frauen sein, vor allem wenn sie aus Kulturen stammen, in denen man Frauen immer noch am liebsten am Herd sieht», gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken, während sie am Küchentisch mit Hingabe einen riesigen Sellerie mit Olivenöl und Zitronensaft einbalsamiert. Die Knolle soll bald in den Ofen, wo sie drei Stunden bei 190 Grad garen wird.

Leichen im Keller

Sich selbst sieht Elisabeth Bronfen aber nicht als italienische «Mamma», sondern eher in der Tradition der amerikanischen TV-Köchinnen. Eines ihrer grossen Vorbilder ist Julia Child. Die inzwischen verstorbene Expertin für French Cuisine war in den USA so prominent, dass ihre Küche heute im Smithsonian Museum in Washington D.C. steht – gleich neben der Apollo 8.

«Die Zurückeroberung der Küche kann durchaus als emanzipatorischer Akt verstanden werden. Mit Kochen Prestige gewinnen und richtig viel Geld verdienen: Das ist heute auch für Frauen möglich.» Zudem habe das Kochen, wenn frau mit einer beruflichen Karriere genügend Abstand vom Herd gewonnen habe, nichts mehr mit dem Erfüllen der traditionellen Rolle zu tun.

Truthahn im Ofen

Nicht, dass Elisabeth Bronfen etwas gegen Mütter und Hausfrauen hätte, aber sie selbst hatte mit einer wissenschaftlichen Karriere andere Ziele im Leben. Der Durchbruch gelang ihr 1992 mit ihrer Habilitation und dem daraus folgenden Buch «Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik». Darin ging sie der Frage nach, warum es so viele weibliche Leichen in Kunst und Literatur gibt. Die kurze Antwort: Weil Frauen lieber als Objekt denn als Subjekt betrachtet werden – und sich daher als stumme Leiche besser machen denn als handelnde Person. In der Folge wurde sie nach Zürich berufen und war ein gefragter Gast in Funk und Fernsehen.

Was die Lehrberechtigung im Leben einer Wissenschaftlerin darstellt, ist ein gelungener Thanksgiving-Truthahn im Dasein einer amerikanischen Hausfrau: Eine Auszeichnung, die zu Höherem weiht. Professorin Bronfen beschreibt über mehrere Seiten, mit einer Prise Ironie, was es mit dem Fest auf sich hat und wie sie den Vogel auswählt, präpariert und dekoriert. Wie bei den meisten der rund 250 Rezepten, die sie in ihrem Buch aufführt, liefert sie dazu nicht nur Tipps zum Gelingen, sondern auch Anekdoten aus ihrem Leben, etwa wie ihre Mutter skeptisch war, als das studierte Kind erstmals selbst zum traditionellen Erntedankfest einlud und sie sich als Gast an den Tisch ihrer Tochter setzen musste.

Sojasauce und Rahm? Kein Problem!

Man muss sich aber nicht unbedingt für die Lebensgeschichte der Autorin interessieren, um das Buch interessant zu finden. Elisabeth Bronfen versteht wirklich etwas von der Kunst der Essenszubereitung und erklärt etwa, warum das Schmoren in einem Tagine-Topf besonders gut gelingt: Dank dem konischen Deckel wird das Gericht stets mit kondensiertem Dampf beträufelt. Oder warum Backen mit Umluft die besseren Krusten gibt: weil die stets in Bewegung gehaltene heisse Luft eine schön gleichmässige Hitze abgibt.

Besonders zahlreich sind die hilfreichen Tipps im Kapitel «Köstliches Desaster». Hier verrät die Hobbyköchin etwa, wie sie Angebranntes rettet oder wie man zu penetrant gewordene Geschmacksrichtungen geschickt ausbalanciert. Aufschlussreich sind auch die Einflüsse aus aller Welt. Die Autorin reist gerne, ist experimentierfreudig und schwört beispielsweise auf die Kombination von Rahm und Sojasauce. Dem harmonischen Zusammenspiel von Süss, Sauer, Bitter und Umami widmet sie gleich mehrere Seiten.

Anders als man vielleicht erwarten könnte, enthält das Buch praktisch keine Querverweise zu Kochszenen aus der Literatur. Und trotzdem kommen sie vor, die bekannten Namen aus dem Fachgebiet der Professorin, etwa William Shakespeare, der seinen Hamlet in «Sein oder Nichtsein» sagen lässt: «Readiness is all». Diesen Grundsatz bezieht Bronfen auch auf das Braten in der Pfanne: Eine Bereitschaft, seine ganze Aufmerksamkeit dem zu widmen, was sich in der Pfanne ereignen wird, bestimmt auch das Gelingen. Dazu gehöre auch, den richtigen Augenblick abzuwarten.

«Ich mag es gesellig»

Was man von Elisabeth Bronfens Kochmemoiren nicht erwarten darf, sind einfache Anleitungen im Stil von «man nehme». Die Literaturwissenschaftlerin erzählt Geschichten mit Gerichten, zuweilen sehr blumig und manchmal etwas ausufernd. Einfacher als die Rezepte Schritt für Schritt nachzukochen, ist es, die Geschichten wirken zu lassen.

«Kochen ist für mich eine Form von Kommunikation», sagt die Singlefrau, die mindestens zweimal die Woche Gäste hat. «Ich mag es gesellig und pflege gerne kultivierte Unterhaltungen.» Und klar, sie erhalte gern Lob für ihre Küche, wobei es zuweilen auch frustrierend sei, mehr Komplimente für einen Kürbisrisotto zu erhalten als für eine wissenschaftliche Abhandlung, an der sie monatelang geschrieben habe.
Für ihr neuestes Œuvre wird sie gewiss viel Anerkennung erhalten. Schade ist einzig, dass es keine Bilder enthält und man sich all die Köstlichkeiten vor dem inneren Auge vorstellen muss. Das ist ganz im Sinne der Autorin, ihre Kochmemoiren seien ein Lese- und kein Bilderbuch.

Elisabeth Bronfen: «Besessen. Meine Kochmemoiren», Echtzeit-Verlag 2016, 464 Seiten, www.exlibris.ch, Fr. 38.30

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Reto Wild