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30. Mai 2016

Eine Frau für alle Geburts-Fälle

Helena Bellwald begleitet Hausgeburten in den entlegensten Gebieten. Als Hebamme ist sie sehr gefragt. Nicht nur, weil immer mehr Spitäler in Berggebieten ihre Geburtsabteilungen schliessen, auch, weil manche Frauen zu Hause gebären wollen.

Die Familie Ritler mit Timea
Timea wird gleich zum ersten Mal baden. Die ganze Familie Ritler beobachtet gespannt – und hilft mit.

Drei Geburten in drei Tagen, das ist anstrengend. Doch Helena Bellwald (55) aus Spiez BE lässt sich nichts anmerken. Eines der drei Kinder, die gerade zur Welt gekommen sind, ist das Neugeborene von Anna Bach (25). Sie lebt auf 1100 Metern bei Gstaad BE. Als Helena Bellwald sie am 25. April besuchte, war das Baby noch im Bauch, drei Tage später kam es schnell und unkompliziert zur Welt – ein Junge namens Josia. Es ist ihr drittes Kind.

Besuch bei der hochschwangeren Anna Bach bei Gstaad
Besuch bei der hochschwangeren Anna Bach auf 1100 Metern bei Gstaad. Helena Bellwald begleitete schon die Geburt der heute vierjährigen Andrina.

Anna Bach wusste bereits während ihrer ersten Schwangerschaft: Zu Hause ist der sicherste Ort zum Gebären. Aber erst seit die Geburtsabteilung des Spitals in Zweisimmen BE vor einem Jahr geschlossen wurde, kenne sie andere Frauen in der Umgebung, die sich ebenfalls für eine Hausgeburt interessierten.
Die Schliessung bedeutet, dass die Frauen aus dem Saanenland und dem Simmental für die Geburt ins Spital Thun fahren müssen. Das sind zwar nur 60 Autokilometer. Aber die Fahrt kann auf der kurvenreichen Strasse, die im Winterhalbjahr oft auch mit Eis und Schnee bedeckt ist, schon mal bis zu zwei Stunden dauern.

«Deshalb», sagt Helena Bellwald, «fragen sich werdende Mütter vermehrt: Was ist nun sicherer – mit Wehen in das entfernte Spital rasen, mit einem nervösen Mann am Steuer, oder zu Hause gebären, am Ort, wo das Kind entstanden ist, wo alles vertraut ist und wir uns geborgen fühlen?»

Mit dem Hörrohr lauscht Hebamme Helena Bellwald den Herztönen des Babys.
Mit dem Hörrohr aus Holz lauscht Hebamme Helena Bellwald den Herztönen des Babys im Bauch.

Wäre es in diesem Fall zu Komplikationen gekommen, wäre Anna Bach auf den Rettungshelikopter angewiesen gewesen.
Die Berghebamme verlangt von allen werdenden Eltern, dass sie Rega-Mitglied sind und im Vorfeld abgeklärt haben, wo der Helikopter landen könnte. «So wäre auch für den Notfall vorgesorgt gewesen», sagt Anna Bach. «Der Heli war es aber nicht, der mir Sicherheit gab – es war das Grundvertrauen.»

Eine zweite Hebamme zur Sicherheit
Auch bei der Geburt von Timea Nayeli kam es nicht zu einem Notfall, aber das Ungeborene hielt sich nicht an den «Fahrplan». Zur Unzeit wollte das Kind von Anna Ritler (34) aus Kippel VS im Lötschental zur Welt kommen; die Wehen setzten nach Mitternacht ein. Für den Autoverlad durch den Lötschberg war es bereits zu spät, der Tunnel war geschlossen.

Die Hebamme sagte am Telefon zur Schwangeren mit fester Stimme: «Jetzt machen wir das so wie für den Fall der Fälle besprochen: Du rufst Anni an.» Sie meinte ihre Berufskollegin aus dem Wallis, die schon bei den Geburten von Anna Ritlers ersten beiden Kindern assistiert hatte. «In solchen Fällen nehme ich immer eine zweite Hebamme dazu», sagt Bellwald. Auch wegen solcher Fälle.» Timea kam in der Nacht des 1. Mai zur Welt, vor dem Sofa im Wohnzimmer. Ohne Helena Bellwald, aber mit Anni Holzer (52). Alles ging gut.

Sechs Tage später, Anna Ritler liegt mit Timea auf dem grossen, mit bunten Decken und Tüchern belegten Sofa, soll das Neugeborene erstmals gebadet werden. Helena Bellwald lässt die Eltern warmes Wasser in einen speziellen Kübel einfüllen und meint zu Anna Ritler, sie solle doch noch einen Schuss Muttermilch dazugeben. Die Sonne scheint durch ein Dachfenster. Es wird Frühling, man sieht vom Wohnzimmer aus alte braune Holzhäuser, das grüne Tal und weisse Berge. Das Haus steht im alten Dorfteil von Kippel; bereits die Vorfahren von Timeas Papa wurden in diesen Wänden geboren und wuchsen hier auf.

Nach dem Baden wägt Helena Bellwald das Baby, dazu legt sie es in eine Art Mini-Stoffhängematte, hält diese mit gestrecktem Arm in die Höhe und liest auf dem Messgerät ab: 3775 Gramm. Das gesund und zufrieden wirkende Mädchen hat seit der Geburt zugenommen – alles ist in bester Ordnung.
Vom einen Ort zum andern dauert die Fahrt mit dem Auto rund zwei Stunden. Die Hebamme besucht die Familie in den ersten Tagen nach der Geburt täglich.

In den Wochen zuvor, während der Schwangerschaft, hat sie den Bauch abgetastet, um festzustellen, wie der Embryo liegt und wie gross er etwa ist. Jetzt, nach der Geburt, bewegen sich ihre Hände massierend über den Bauch, um zu spüren, wie sich die Gebärmutter zurückentwickelt. Auch den Damm – das während der Geburt oft arg strapazierte Gewebe zwischen Vagina und After – untersucht sie.
Bei den vielen Hausgeburten, die sie schon begleitet hat, ist es noch kein einziges Mal vorgekommen, dass sie einen Dammschnitt machen musste, und ganz selten einmal ist einer gerissen. Früher sei es selbstverständlich gewesen, darauf zu achten, dass die Frauen unversehrt bleiben.

Hausgeburten sind die Ausnahme
Bellwald beschäftigt sich intensiv mit dem traditionellen Hebammenwissen; sie nimmt mit Stirnrunzeln zur Kenntnis, dass invasive Eingriffe in Spitälern heutzutage fast schon Norm sind. «Beim Gebären zeigt sich, wie sehr wir uns von der Natur entfernt haben. Die Geburt ist ein Spiegel unserer Gesellschaft.»
Sie ist überzeugt: «Bereits im Mutterleib, während der Geburt und in der Zeit im Wochenbett werden die Kinder geprägt von all dem, was sie erleben.» Auf der Heckscheibe ihres Autos steht: «Es ist wichtig, wie wir geboren werden.»

Die Wochenbettbesuche bei Timea und ihren Eltern bringen Helena Bellwald in ihre Heimat zurück, sie kam hier selber zur Welt und wuchs auch hier auf. Anders als im Unterland, kamen damals im abgelegenen Lötschental die meisten Kinder noch zu Hause zur Welt. «Es gab eine Oberhebamme im Tal und pro Dorf eine Hebamme. Oft wurden Nachbarinnen mit eigener Geburtserfahrung herbeigerufen – und auch junge Mädchen, damit sie erste Erfahrungen machen konnten. Die Geburt war als natürlicher Vorgang Teil des Alltags. So kamen die Frauen zu Wissen», erzählt Helena Bellwald.

Vorbereitung wird erwartet
Heute sind Hausgeburten auch im Lötschental die grosse Ausnahme. Als die aus Bern stammende Lehrerin Anna Ritler vor fünf Jahren mit ihrem ersten Kind schwanger war und die Leute hörten, dass sie zu Hause gebären würde, fragten einige: «Hast du keine Angst?» Die Antwort scheint für mehr und mehr Paare klar zu sein. Aber die Hausgeburt ist nicht für alle Frauen geeignet (siehe rechts). Und Helena Bellwald begleitet längst nicht alle. Kommt eine Frau oder ein Paar nicht «ins Vertrauen», wie sie es nennt, sagt sie: «Für diese Geburt ist das Spital der bessere Ort.»
Sie erwartet von den Erwachsenen, die sie begleitet, das Interesse, sich vorzubereiten: «Wer gut informiert ist, kann Entscheidungen treffen und dafür die Verantwortung tragen. Das kommt der Gebärenden und dem Kind zugute, auch im Spital.»

Die werdenden Eltern, die bei Helena Bellwald anklopfen, stammen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten, viele leben von der Landwirtschaft. Sie habe aber auch schon eine Frau in High Heels an der Tür gehabt, «sie Model, er Banker. Als ich etwas skeptisch nachfragte, was ihre Motivation für eine Hausgeburt sei, antwortete er, sie hätten Statistiken analysiert und seien darauf gekommen, dass die Hausgeburt die sicherste Art des Gebärens sei.»

Studien geben Hausgeburt gute Noten
Tatsächlich sorgten Ende 2014 die neusten Richtlinien und Empfehlungen des britischen National Institute for Health and Care Excellence weltweit für Furore. Die Behörden raten gesunden Frauen mit voraussichtlich unkomplizierter Geburt, ausserhalb eines Spitals zu gebären: Erstgebärende am besten in einem Geburtshaus und Mütter, die zum wiederholten Mal gebären, im Geburtshaus oder zu Hause. Dies unter anderem deshalb, weil in den Spitälern viel eher in den natürlichen Geburtsprozess eingegriffen werde. Mit ihren Empfehlungen widersprechen die behördlichen Richtlinien der heutzutage verbreiteten Vorstellung, dass eine Geburt sicherer sei, wenn sofort mit medizinischer Technik eingegriffen werden könne.

Bereits 1993 kam auch eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie zum Schluss, dass Hausgeburten in vielen Fällen genauso sicher sind. Darin steht: «Eine nach heutigem Stand der Geburtshilfe betreute Hausgeburt beinhaltet unter Bedingungen, wie sie etwa im Kanton Zürich gegeben sind, keine grösseren Risiken für Mutter und Kind als die Niederkunft im Spital.»
Dennoch kommen nicht mehr als rund ein Prozent der Babys in der Schweiz zu Hause zur Welt.

Dieser Anteil dürfte in den kommenden Jahren kaum höher werden. Denn für freiberufliche Hausgeburtshebammen, die an sieben Tagen pro Woche 24 Stunden auf Pikett sind, wird die Ausübung ihres Berufs schwieriger. Sie brauchen etwa eine Rechtsschutzversicherung, weil es sein kann, dass sich eine Krankenkasse weigert, Leistungen der Grundversicherung zu bezahlen. «Das ist neu», sagt Bellwald, die den Beruf schon seit 16 Jahren ausübt.

Geburten als Rentabilitätsfrage?
Gleichzeitig schliessen – nicht nur im Berner Oberland – immer mehr Geburtsabteilungen in Regionalspitälern. Kinder zur Welt bringen, ist zur Rentabilitätsfrage geworden. Und Kaiserschnitte bringen mehr Einnahmen als vaginale Geburten. Jedes dritte Kind in der Schweiz kommt durch Kaiserschnitt zur Welt. Die Rate nimmt von Jahr zu Jahr leicht zu. Dabei sagt die WHO schon seit über 30 Jahren: Die Rate medizinisch notwendiger Kaiserschnitte liegt bei 10 bis 15 Prozent.

Anna Ritler wollte keine Geburt erleben, die von Ärzten bestimmt wird. Darum wollte sie hebammengeleitet und ausserhalb einer Klinik gebären; sie hatte in ihrem Bekanntenkreis zu viele Schauergeschichten gehört. Sie wollte sich während der Geburt auf ihren und den Rhythmus ihres Kindes einlassen können.
Mit Helena Bellwald ist das garantiert: «Ich funke bewusst nicht in den natürlichen Rhythmus der Geburt hinein.» 

Berghebamme Helena Bellwald aus Spiez im Einsatz oberhalb von Gstaad
Berghebamme Helena Bellwald aus Spiez im Einsatz oberhalb von Gstaad. Seit 16 Jahren ist die 55-Jährige in ihrem Beruf.

Autor: Esther Banz

Fotograf: Monika Flückiger