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08. Oktober 2012

Eine Familie setzt die Segel

Seit zehn Jahren reisen Sabine und Dario Schwörer mit ihren vier Kindern um die Welt. Ihre Mission ist der sorgsame Umgang mit der Natur.

Familie Schwörer
Die zehn Jahre 
auf See haben die Familie Schwörer zusammengeschweisst. Ein 
Ende ihrer Reise ist nicht in Sicht.
Die «Pachamama» ist 15 Meter lang und hat 200 Quadratmeter Segelfläche.
Die «Pachamama» ist 15 Meter lang und hat 200 Quadratmeter Segelfläche.

Und wieder heisst es: Abschied nehmen, die Segel hissen! An Bord der «Pachamama» – 15 Meter lang, 200 Quadratmeter Segelfläche – sind Lebensmittelvorräte für zwei Monate, Teigwaren, Reis und Milch aber auch genügend Windeln für Allegra, die Kleinste, verstaut. Nur etwas bleibt noch, solange genügend Süsswasser fliesst wie hier, im Hafen von Paraty, 200 Kilometer südlich von Rio de Janeiro. «Deck schrubben!», ruft Dario Schwörer, und die ganze Familie kämpft sich auf den Knien und mit feuchten Lappen über das Schiff: Dario (44), Bergführer und Klimatologe, seine Frau Sabine (36), gelernte Krankenschwester, Salina (7), Andri (5) und Noé (3). Die einjährige Allegra ist mit einer Schwimmweste ausgerüstet und hängt an einem sicheren Seil, das ihr Vater über das Deck gespannt hat. Die Kinder kamen auf der Reise zur Welt, die nun schon mehr als zehn Jahre dauert.

Alle Mann an Deck: reinigen der Solarpanels, die das Schiff mit Strom versorgen.
Alle Mann an Deck: reinigen der Solarpanels, die das Schiff mit Strom versorgen.

Die Schwörers schrubben nicht nur die Planken und Bohlen, sie reinigen auch die Solarpanels, die dem Schiff, zusammen mit Windrädern, den Strom liefern. Auf ihrer Fahrt, die sie schon ein Mal um die Welt geführt hat, ist die «Pachamama» zu einem Schulschiff geworden, das der ganzen Welt zeigt, wie weit man kommen kann in kleinen Schritten und mit bescheidenen Mitteln.

Die Schwörers haben auf der ganzen Welt Freunde gefunden

Reiseroute der Familie Schwörer.
Reiseroute der Familie Schwörer.

In der kleinen, versteckten Bucht von Paraty verschifften einst die portugiesischen Eroberer ihre Gold- und Silberschätze nach Europa. Jetzt liegen hier die teuren Yachten der reichen Brasilianer, und mitten unter ihnen ankerte die «Pachamama» die letzten paar Wochen, um sich für das nächste grosse Vorhaben vorzubereiten: die Umsegelung der beiden Amerikas über das arktische Eismeer, zurück in atlantische Gewässer durch die Antarktis. Wie überall, wo sie haltmachen, Schulen besuchen, Strände reinigen, Vorträge halten, fanden die frohen Nomaden aus der Schweiz auch in Brasilien viele Freunde. In der Karibik schenkte ihnen ein reicher Segler ein Vordach, welches das Cockpit vor Wind und Regen schützt. Der Sonnenschutz ist das Geschenk einer Segelmacherin in Australien, das Kajak, das am Heck befestigt ist, eine Erinnerung an Freunde in Thailand. In Paraty brachten ihnen die Besatzungen der teuren Yachten regelmässig die Früchte, die nach den Ausflügen mit den Besitzern übrig waren.

Das Kochen ist Teamarbeit.
Das Kochen ist Teamarbeit.
Sicher ist sicher: An Deck trägt die kleine Allegra eine Schwimmweste.
Sicher ist sicher: An Deck trägt die kleine Allegra eine Schwimmweste.

Der Motor bringt die «Pachamama» aus dem Hafen, Sabine ist am Steuer, unterstützt von Noé. Vor- und Hauptsegel werden aufgezogen, ein sanfter Wind verspricht eine ruhige Überfahrt auf die küstennahe Insel Ilha Grande. Mit und gegen den Wind haben Sabine und Dario Schwörer schon einiges hinter sich gebracht: 50'000 Seemeilen und 18'000 Velokilometer. Ausserdem haben sie einige der höchsten Berge dieser Welt bestiegen (400'000 Höhenmeter). Zudem haben sie 70'000 Schüler besucht und für den Klimaschutz begeistert sowie 27 Tonnen Abfall eingesammelt.

Früh lernte Dario Schwörer: Das Leben ist ein Geschenk

Als Kind lag Dario Schwörer mit einer lebensgefährlichen Krankheit im Spital. Früh, so sagt er, lernte er, das Leben als Geschenk zu begreifen. Als Bergführer fand er in den schmelzenden Gletschern der Alpen bestätigt, was ihn sein Studium als Geograf gelehrt hatte: Das Wirken des Menschen verändert das Klima und bedroht die Natur. In der klaren Luft der Bündner Berge formte sich eine Vision, seine Vision: die höchsten Gipfel aller Kontinente zu besteigen, ohne selber die Umwelt zu belasten.

Das Budget beträgt 1000 Franken pro Monat.

Dario Schwörer fand Freunde, die das Vorhaben «Top to Top» unterstützten, ein Gönner ermöglichte den Kauf des Segelschiffs, vier Jahre sollte die Expedition dauern. Zur Einstimmung fuhren Dario und seine Frau Sabine, die sich bei einem Bergsteigerkurs kennengelernt hatten, mit dem Fahrrad durch die Schweiz und bestiegen den höchsten Punkt eines jeden Kantons.

Dann kam vieles anders als geplant: In Chile kollidierte ihr Schiff mit einem Container. Anderthalb Jahre dauerte es, bis sie genügend Geld verdient und neue Sponsoren gefunden hatten, um die Reise fortzusetzen. Und dann stand Dario Schwörer 800 Meter unter dem Gipfel des Mount Everest, dem Traum jedes Bergsteigers, als aus dem Basislager seine Frau einen Wetterumschwung meldete. Dass er damals der Vernunft gehorchte und umkehrte, statt seinem sportlichen Ehrgeiz zu folgen, ist für ihn heute ein Sieg. Solche Einsichten bestimmten den Fortgang der Reise. Wer Zeit hat, braucht keine Risiken einzugehen, und wem das ganze Leben ein Abenteuer ist, hütet sich, es aufs Spiel zu setzen. Nicht das Ziel ist das Wichtigste, die Richtung muss stimmen.

Jedes Kind hat eine Kiste mit persönlichen Sachen. Kommt Neues hinzu, muss Altes weg.
Jedes Kind hat eine Kiste mit persönlichen Sachen. Kommt Neues hinzu, muss Altes weg.
Unterricht, Spielen, alles findet auf dem Schiff statt. Die Platzverhältnisse sind knapp.
Unterricht, Spielen, alles findet auf dem Schiff statt. Die Platzverhältnisse sind knapp.

Die «Pachamama» segelt Richtung Ilha Grande. Dort wird Dario Schwörer in Schulen von seinen Erlebnissen berichten. Und wie überall, wo ihr Schiff anlegt, werden die Schwörers die Leute einladen, mit ihnen einen Strand oder einen Park vom Abfall zu reinigen. Als Zeichen dafür, dass die Natur es verdient, dass man ihr Sorge trägt.

Unter Deck hat die Schule begonnen; Sabine Schwörer gibt ihren Kindern Unterricht, manchmal begleitet eine Lehrerin die Fahrt. Das Boot ist klein, und jedes Kind hat nur eine kleine Kiste mit Büchern und Spielzeug zur Verfügung. Kommt etwas Neues hinzu, muss Altes verschenkt werden.

Auf die Frage, was denn ihre Aufgabe an Bord sei, muss die siebenjährige Salina nicht lange überlegen: «Beim Aufräumen helfen und schauen, dass alle glücklich sind.» Damit liegt sie gar nicht weit weg von dem, was ihren Eltern die Richtung der Reise vorgibt: ein optimistisches Zeichen zu setzen für den sorgsamen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen.

Marc Zollinger: «Die Schwörers – Wie die Welt zum Kinderzimmer wurde», Wörterseh Verlag, 2009; www.toptotop.org

Sabine und Dario Schwörer arbeiten auf dem Schiff Hand in Hand.
Sabine und Dario Schwörer arbeiten auf dem Schiff Hand in Hand.

Autor: Ruedi Leuthold

Fotograf: Stefan Hess