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14. Januar 2013

Eine Amputation kommt nicht in Frage

Ständig den Finger im Mund
Den Finger im Mund, um den Eltern ein Schnippchen zu schlagen? (Bild Getty Images)

Vor ziemlich genau zwei Jahren wachten wir nachts wegen eines ohrenbetäubenden Lärms auf. Das hörte sich ungefähr so an, als würde ein Elefant eine Wasserglace essen. «Suck-suck-suck, tsk-tsk-tsk, suck-suck-suck. Wir knipsten das Nachtlicht an und blickten verdutzt in die Richtung, aus der das Geschmatze kam. Die gute Nachricht war: Es hatte sich dann doch kein Rüsseltier in unser Zimmer geschlichen. Die schlechte Nachricht war: Unsere Zweitgeborene Eva hatte ihren Daumen entdeckt. Und da sie so lange danach gesucht hatte (vier Monate – so alt war sie nämlich damals), war ihre Freude umso grösser. «Suck-suck-suck, tsk-tsk-tsk, suck-suck-suckel-suck», tönte es aus dem Beistellbett. Die Nacht war gelaufen.

Meine ältere Tochter Ida war ein Nuggi-Kind gewesen. Irgendwie dachten wir, Nr. 2 wäre genauso veranlagt. Weit gefehlt. Wir boten der Kleinen einheimische Modelle an (Bibi), probierten es mit österreichischen Ausführungen (Mam), griffen zu deutschen Produkten (Nuk), versuchten unser Glück mit italienischen Importen (Chicco) und empfahlen ihr sogar so ein hässliches Öko-Latexteil aus der Drogerie. Eva gab sich jedoch beratungsresistent, verzog ihr kleines Gesichtchen und drückte alles, was wir ihr ins Mäulchen stecken wollten, mit ihrer Babyzunge heraus. Bääääh! Alles total bääääh! (Wir sind mittlerweile überzeugt, dass das Kind nur deswegen mit dem «Dümele» anfing, um uns Eltern ein Schnippchen zu schlagen. Wenn nämlich der fünfte Finger im Mund steckte, konnten wir nicht noch einen Gummizapfen reindrücken.)

Eva Leinenbach war und ist offiziell eine Daumenlutscherin. Das ist nicht lustig. Dümele ist heutzutage nämlich total uncool. Die Mütterberaterin fand, wir hätten vielleicht einfach nicht intensiv genug für den Nuggi geworben, nicht nachdrücklich genug Tauschmanöver durchgeführt. Die Müttermafia (sämtliche Mitglieder mit eidgenössischer Kieferorthopädenausbildung) erzählten gefragt oder ungefragt von Hasenzähnen, verkümmerten Oberkiefern und Überbiss. Und unsere Zahnärztin ... Sie ahnen es schon. Was all die Ratgeber vollkommen ausblenden: Es ist unmöglich, die Lutscherei abzustellen. Seit einigen Wochen steht eine bittere Tinktur in unserem Medikamentenschrank. «Bite-Ex» heisst sie. Das Zeug wird auf das Dümeli gepinselt und schmeckt angeblich so entsetzlich, dass das Kind nicht nur die schlechte Angewohnheit einstellt, sondern gleich noch Linkshänder wird. Ich bringe es nicht übers Herz, Eva damit zu malträtieren. Mein Mann und ich haben uns auch gegen eine Amputation des rechten Daumens entschieden. (Obwohl ich ja fast glaube, dass das die einzige Lösung wäre.)

Wir gehen nun einen neuen Weg. Wenn du einen Feind nicht besiegen kannst, dann verbünde dich mit ihm. Ich habe jetzt aus Solidarität auch wieder mit dem Daumenlutschen angefangen. (Nach knapp 30 Jahren Abstinenz sah ich keine andere Möglichkeit, den ganzen Dümeli-Stress mit Eva zu bewältigen. Ist doch besser als Alkohol und Drogen, oder?) Lachen Sie ruhig, damit kann ich leben. Wenn Sie selbst auch ein Dümelikind waren, dann probieren Sie es doch trotzdem in einem unbeobachteten Moment aus. Der Daumen im Mund weckt wunderbare Erinnerungen. Und er schmeckt auch nach so langer Zeit noch genauso gut wie damals.

Zur «Die Geschichte vom Daumenlutscher»
aus: «Der Struwwelpeter» von Heinrich Hoffmann

Autor: Bettina Leinenbach