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22. September 2014

Eine 6500 Jahre alte Herzkrankheit

Bis zur letzten Jahrtausendwende galt ein «Einkammerherz» als Todesurteil. Bei der ältesten bekannten Kindermumie der Welt wurde im Sommer 2014 genau diese «HLHS»-Fehlbildung diagnostiziert. Protokoll eines unglaublichen Kapitels der Medizingeschichte und das Porträt einer betroffenen Familie («Kinder, die am Herzen leiden»).

Die Detmolder Kindermumie
Die Detmolder Kindermumie bei der Bekanntgabe der Herzfehler-Diagnose im Sommer 2014. Diese kam 6500 Jahre zu spät... (Bild B. Thissen / dpa)

Bekannt wurde die «Detmolder Kindermumie», benannt nach ihrem Heimmuseum im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, dem Lippischen Landesmuseum in Detmold, in archäologischen Kreisen schon früher. Allerdings noch nicht 1987. Damals kamen die erstaunlich gut erhaltenen Überreste eines Babys aus dem südamerikanischen Raum vom Völkerkundlichen Museum Witzenhausen (bei Kassel) nach Detmold – weil dort die Mittel bereitgestellt wurden, um dem beginnenden Schimmel an der zuerst nur mit den Fussspitzen unter Stofffetzen hervorguckenden Leiche Einhalt zu gebieten.

Die Bedeutung des Fundes zeigte sich erst im Rahmen des German Mummy Project ab 2007. Nach zwei Jahren lieferten die beteiligten Wissenschaftler den Nachweis, dass es sich mit 6450 bis 6500 Jahren tatsächlich um die älteste guterhaltene Kindermumie der Welt, um die älteste Mumie auf europäischem Boden und eine der ältesten der Welt überhaupt handelt. Genau wurde ihr Alter im derzeit aufwendigsten Archäologieprojekt mit humanem Material auf ein Geburtsjahr zwischen 4504 und 4457 Jahren vor Christus datiert. Die Mumie ist also gut doppelt so alt wie der legendäre Tutanchamun und auch etliches älter als der im Alpeneis gefundene Ötzi. Als gesichert gilt auch ihre Heimat in den Anden des heutigen Staates Peru.

Wie gelebt, woran gestorben?
Fast interessanter als das blosse Alter sind jedoch weitere vom interdisziplinären Forscherteam ans Tageslicht gebrachte Erkenntnisse. Noch stärker als der Grund für den Tod von Ötzi interessierte schliesslich etwa, wie ein Mensch damals im Alpenraum überhaupt gelebt hat, wie er ausgerüstet und unterwegs war. Bei der Detmolder Babymumie jedoch fällt das Hauptinteresse am mit bloss acht bis zehn Monaten kurzen Leben viel mehr mit seinem Tod zusammen.

Also machte sich von April bis Anfang Juli 2014 am Herz- und Diabeteszentrum NRW (Nordrhein-Westfalen) ein Spezialistenteam aus der Radiologie, der Molekularbiologie oder Nuklearmedizin und weiteren biologisch-medizinischen Forschungsrichtungen auf, die Todesursache zu ergründen. Bald kam die Königsrolle dem Herzspezialisten zu. Dr. Nikolaus Haas konnte dank des hochauflösenden Bildverfahrens eines neuartigen Computertomografen nachweisen, woran das Kind vor rund sechseinhalb Jahrtausenden sterben musste: Am sogenannten Hypoplastischen Linksherzsyndrom (HLHS). Dieses war bis Ende der 90er-Jahre schlicht nicht behandelbar, und die Betroffenen waren dem Tod geweiht. Heute kann die Fehlbildung mit vergrösserter rechter Herzkammer und (stark) unterentwickelter linker Kammer und Klappe in mehreren, noch immer heiklen Eingriffen weitgehend behoben werden. Mit einer Überlebensrate von derzeit um die 70 Prozent.
An der Detmolder Kindermumie konnte die Fehlbildung natürlich noch gar nicht diagnostiziert werden. Ein so hübsches Herz-Modell aus dem 3-D-Drucker ( Digital-Bericht vom 3. 2. 2014 ), wie es die Forscher diesen Juli der Presse vorführten, hatte es vor 6500 Jahren ebenso wenig gegeben wie den Computertomografen.

Autor: Reto Meisser