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17. Oktober 2016

Einbeziehen statt ausschliessen

Jonas Staub leitet Blindspot, einer Förderorganisation für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung.

Jonas Staub
Jonas Staub (41) ist fasziniert von der Energie, die das Camp auslöst.

Jonas Staub, das ist bereits die achte Cooltour. Wie gut funktioniert das Konzept?

Anfangs hatte ich einigen Respekt davor, Kinder und Jugendliche mit so vielen unterschiedlichen Behinderungen zusammenzubringen, neben solchen mit Seh- oder Hörbehinderung oder sozialer Behinderung auch Kinder mit Trisomie 21. Dieses Jahr erstmals einen Jungen mit Muskeldistrophie. Aber Inklusion – also einbeziehen statt ausschliessen – geht nicht ohne Vision, und alle müssen ihren Platz erhalten. Ich bin fasziniert von der Energie, die das Konzept auslöst: Das Camp ist immer innerhalb einer halben Stunde ausgebucht. Und zwar nicht als Soziallager, wir haben hier auch richtige ‹Coolios›. Die Wirkung ist wie erhofft: Cooltour macht Spass, und trotzdem kann man Berührendes erleben.

Mussten Sie in den vergangenen Jahren Anpassungen vornehmen?

Unter anderem habe ich gemerkt, wie wichtig auch der Fokus auf die Kinder ohne Behinderung ist: Sie brauchen eine andere Art Aufmerksamkeit, aber wir müssen sie genauso wichtig nehmen. Dann kann sich hier ganz viel selber entwickeln: aus der Gruppe heraus, nicht von oben herab diktiert. Wir wollen überzeugte Kinder. Das Lager soll mehr als nur eben gut sein, es soll eine gesellschaftliche Veränderung bewirken. Diese Vision ist geblieben. Aber das Konzept hat sich tatsächlich weiterentwickelt.

Was ist das Besondere daran?

Wir führen unser Lager absichtlich auf dem Zeltplatz Eichholz in der Stadt Bern durch und nicht auf einem abgelegenen Bauernhof, denn wir wollen auch die Kinder und Jugendlichen mit Behinderung für die Gesellschaft fit machen. Darum bieten wir ein Programm mit lauter beliebten Kursen an, die von Profis durchgeführt werden, nicht von Sozialpädagogen. Sie stehen im Hintergrund und sind jederzeit abrufbar, stets unterstützt von unseren 17 Volunteers, freiwilligen Helferinnen und Helfern. Ausserdem führen wir ein Lager beinahe ohne Regeln durch. Das war von Anfang an so. Aber erst mit der Zeit habe ich gemerkt, welch gewaltige Chance darin liegt.

Das klingt, als gäbe es keine Probleme.

Doch, natürlich, das gehört dazu. Für Mobbing zum Beispiel ist ein grosses Potenzial vorhanden. Wichtig ist, dass wir das immer sofort professionell und sorgfältig anpacken. Wir müssen Jugendliche mit Behinderung nicht davor schützen, wie das oft verlangt wird. Nein, wir müssen das mit ihnen angehen. Nur so werden sie stark, und nur das bewirkt einen langfristigen Erfolg. Ein Inklusionslager bietet die Möglichkeit, sehr viele Themenfelder aufzugreifen und allfällige Mobber zu sensibilisieren.

Und was bleibt nach dem Lager?

Nach der Cooltour erhalten wir immer wieder positive Feedbacks von begeisterten Eltern, die sagen, ihre Kinder seien voller Energie und wesentlich selbständiger zurückgekommen. Und eine erste Studie der Hochschule Luzern bestätigt, dass die Wirkung in vielen Fällen nachhaltig ist. Damit Inklusion auch nach dem Lager weitergeht, haben wir «Provisorium 46» gegründet, ein Arbeitsintegrationsprojekt, das Jugendliche auf dem Weg von der Schule in die Arbeitswelt unterstützt.

Die Cooltour geht also nächstes Jahr sicher weiter?

Ja, unbedingt. Denn diese Lagerwoche zeigt wunderbar: Inklusion funktioniert, auch mit dieser enormen Vielfalt zwischen «normal» und physisch oder psychisch behindert. Und sie bedeutet nicht einfach, ein paar armen Jugendlichen zu helfen, nein: Inklusion ist sexy.

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Fabian Unternährer