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07. September 2015

Ihr zweites Leben begann am Tag des Terrors

Die meisten Menschen denken mit Trauer und Schrecken an den 11. September 2001 zurück. Für Jessi Habegger war es ein Freudentag. Sie erhielt an jenem schicksalshaften Datumdas Herz eines unbekannten jungen Organspenders. Das hat ihr das Leben gerettet. Vorerst.

Jessi Habegger
Schwimmen ist ihre Leidenschaft: An den World Transplant Games hat Jessi Habegger schon über 30 Medaillen gewonnen.
Der Terroranschlag in New York am
11. September 2001 schockierte die Welt.
Der Terroranschlag in New York am 11. September 2001 schockierte die Welt.

Es ist der 11. September 2001. Jessi Habegger (16) liegt in einem Operationssaal des Berner Inselspitals. In New York steuern islamistische Terroristen zwei Verkehrsflugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers, knapp 3000 Menschen sterben. Ein Trauertag für die Welt. Für Jessi Habegger jedoch ist es ein Tag der Freude. Drei lange Wochen hat sie nach einem Herzstillstand im künstlichen Koma gelegen, von Maschinen am Leben erhalten. Drei Wochen lang stand ihr Name auf einer Warteliste für Organspenden. Ausgerechnet an 9/11 taucht ein passendes Herz auf, das die Ärzte ihr sogleich einsetzen.

«Ich habe erst einen Tag später erfahren, was da auch noch passiert ist», erzählt Jessi Habegger (heute 30). «Und wie seltsam es für meine Eltern gewesen ist, im Wartezimmer auf dem Fernsehbildschirm die schrecklichen Bilder aus den USA zu sehen, während ihrer Tochter das Leben gerettet wurde.» 9/11 ist für sie trotz allem ein Freudentag. «Ich habe das grösste Geschenk meines Lebens bekommen. Aber die Ereignisse damals zeigen wie nahe beieinander Leben und Tod sind.» Zu Beginn hätten sie sich auch gar nicht richtig getraut, sich zu freuen. «Auch für uns waren diese Anschläge natürlich ein Schock.»

Dass sich überhaupt so schnell ein passendes Herz finden liess, war grosses Glück. Noch Anfang August 2001 war Jessi Habegger ein fröhliches, sportliches Mädchen; es gab keinerlei Hinweise auf gesundheitliche Probleme. Im Gegenteil: Die begeisterte Schwimmerin trainierte zehn Mal pro Woche. «Ich mochte es, meine Grenzen auszuloten.» Kurz nach dem Start ihrer Bürolehre jedoch fing es an. «Ich wurde schnell müde, und bald wurden sogar kleinste Anstrengungen zur Tortur.» Ihr Hausarzt schickte sie schliesslich ins Berner Inselspital, wo sie mitten in den Untersuchungen einen plötzlichen Herzstillstand erlitt. «Mein Vater musste entscheiden, ob die Maschinen abgeschaltet werden sollten oder ob ich auf die Warteliste für eine Organspende komme.»

Bei den World Transplant Games im August in Argentinien hat sie erstmals Gold für die Schweiz geholt.
Bei den World Transplant Games im August in Argentinien hat sie erstmals Gold für die Schweiz geholt.

Wessen Herz heute in ihr schlägt, weiss sie nicht. «In der Schweiz passieren Organspenden völlig anonym», sagt Habegger. Klar ist nur, es gehörte jemandem, der zwischen 14 und 18 Jahre alt war, denn ein Herz darf nie mehr als zwei Jahre älter oder jünger sein als die Person, die es bekommt. «Einzig einen Dankesbrief an unbekannt kann man verfassen, das habe ich auch getan.» Sie hofft, dass ihre Dankbarkeit den Eltern jenes jungen Menschen, der damals sein Leben verlor, ein wenig Trost gegeben hat.

So froh und dankbar sie ist über ihr zweites Leben, die Einschränkungen sind gross. Sie muss jeden Tag zahlreiche Pillen schlucken. Unter anderem, um ihr Immunsystem zu unterdrücken, welches das fremde Organ sonst abstossen würde. Entsprechend anfällig ist sie auf alle möglichen Krankheiten. Weil sie neben guten Phasen auch immer wieder schlechte hat, kann sie keinem regulären Beruf nachgehen und erhält eine IV-Rente. Vor allem aber: Ein Spenderherz funktioniert in der Regel 10 bis 12 Jahre, dann droht erneut der Tod, falls sich kein neues findet. «Ich lebe jedoch schon 14 Jahre ­damit und hoffe, dass es noch einige weitere Jahre gut geht.»

Aber sie kennt natürlich viele andere Transplantierte, einigen geht es deutlich schlechter als ihr, physisch und auch psychisch. «Viele haben ständig Angst vor Abstossung und machen sich ganz verrückt damit.» Und immer wieder sterben Menschen, die zu Freunden geworden sind. «Ich habe mit dem Tod zu leben gelernt», sagt Habegger, «ich habe auch keine Angst mehr vor ihm.» Das liegt einerseits daran, dass sie so häufig mit ihm konfrontiert ist, anderseits aber auch an ihrem Glauben an Gott. Sie hatte 2001 das klassische Nahtoderlebnis. «Ich habe mich selbst und meine Angehörigen von oben gesehen, und da war auch dieses helle Licht …»

Ein paar der über 30 gewonnen Medaillen
Ein paar der über 30 gewonnen Medaillen.

Aber noch ist es nicht soweit. Und bis dahin steht Jessi Habegger fröhlich und unverdrossen mit beiden Beinen im Leben. Sie hat ihre eigene Wohnung in Flamatt FR, wo sie mit ihren Hunden Sheila und Dior lebt. Sie arbeitet immer wieder mal ehrenamtlich und liebt es, mit ihrem Bruder am Steuer auf dem Töff zu sitzen und durch die Schweiz zu brausen. Auch ihre alte Leidenschaft, das Schwimmen, pflegt sie noch immer. Seit 2004 nimmt sie regelmässig an den World Transplant Games teil und hat schon über 30 Medaillen gewonnen. An den Weltmeisterschaften in Argentinien im August holte sie erstmals Gold für die Schweiz, worauf sie sehr stolz ist.

«Bei einer echten Meisterschaft hätte ich konditionell keine Chance, hier schon, denn die teilnehmenden Transplantierten sind zwischen 6 und 80 Jahre alt.» Aber es geht nicht so sehr ums Gewinnen, als darum, dabei zu sein, Gleichgesinnte zu treffen und Aufmerksamkeit zu schaffen. «Es gibt noch immer viel mehr Menschen, die auf ein Organ warten, als Spender.» Sie hat kein Problem damit, wenn jemand sich nach reiflicher Überlegung gegen eine Organspende entscheidet. «Aber es wäre schön, wenn sich die Leute wenigstens Gedanken darüber machen würden. Jedes Organ rettet ein Leben.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Michael Sieber